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Fliegendes Klassenzimmer

Wenn der Lokalredakteur mit dem Bürgermeister…

Der Mindelheimer Redaktionsleiter Johann Stoll (Mitte) und Günzburgs Oberbürgermeister Gerhard Jauernig (rechts) haben am Volontärstag mit Volontären über Kommunalpolitik diskutiert. Foto: Anika Zidar

Geburt, Kindergarten, Schule, Autozulassung, Hausbau und Geschäftseröffnung – fast alle Ereignisse, die im Leben auf uns zukommen, haben mit (Kommunal-)Politik zu tun. Die Kommune regelt, wie wir zusammenleben. Und das bis über den Tod hinaus, etwa wenn man an Friedhofsordnungen denkt. Wer als Lokaljournalist gute Geschichten über lebensnahe Themen erzählen will, kommt an Politikern nicht vorbei. Doch wie kommt man mit ihnen am besten zurecht?

Das haben wir Volontäre in einem Kommunalpolitik-Seminar mit Johann Stoll, dem Redaktionsleiter der Mindelheimer Zeitung und Gerhard Jauernig, dem Oberbürgermeister von Günzburg, diskutiert. Die fünf Punkte mit dem höchsten Konfliktpotenzial knapp zusammengefasst:

Informationsfluss: Journalisten wünschen sich von Kommunalpolitikern eine gute Erreichbarkeit und Zugang zu möglichst vielen Informationen. Am liebsten möchten sie Unterlagen vor Sitzungsbeginn und freuen sich über einen Rückruf, wenn Gesprächspartner nicht zu erreichen sind. Doch tatsächlich funktioniert es mit einer Anfrage in vielen Fällen nicht direkt beim Politiker, sondern er verweist an seine Pressestelle. „Wir haben gelernt, dass Botschaften kanalisiert werden müssen. Deshalb gehen Pressemitteilungen zentral über eine Stelle an die Medien raus“, erklärt Günzburgs Oberbürgermeister Gerhard Jauernig. Der Mindelheimer Redaktionsleiter Johann Stoll kontert: „Aus Ihrer Sicht verstehe ich das, aus unserer Sicht ist das manchmal wenig praktikabel.“ Als Lokalredakteur möchte er lieber mit Experten und Entscheidungsträgern direkt sprechen, sagt er: „Wenn es um den Haushalt geht, rede ich doch lieber mit dem Kämmerer direkt.“

Themensetzung: Nicht nur Journalisten setzen die Themen der Berichterstattung, auch Kommunalpolitiker kommunizieren von sich aus und beeinflussen damit die Nachrichtenlage. Günzburgs Oberbürgermeister Gerhard Jauernig sagt: „Ich nutze gezielt nachrichtenarme Zeiten, um Themen, die mir am Herzen liegen, in die Berichterstattung einzubringen.“ Einfach nur Themen zu besetzen, um von anderen abzulenken, ist für den Kommunalpolitiker kein Thema, sagt er. Aber: „Bewusst Themen zu spielen, ist wichtig. Gerade bei emotionalen Themen wie in der Flüchtlingsdebatte müssen wir uns nicht nur auf Nachfrage, sondern auch von uns aus äußern.“ Aber auch die Themen, die von der Lokalredaktion selbst aufgegriffen werden, schätzt Günzburgs Oberbürgermeister als Inspiration oder Handlungsanweisung: „Manchmal lese ich Kommentare zu Themen, die ich selbst noch gar nicht so wahrgenommen habe.“

Bildberichterstattung: Ob Richtfest, Spatenstich oder Straßeneröffnung: Bei feierlichen Anlässen stellen sich viele Kommunalpolitiker gern in einer Gruppe zusammen und erwarten, dass ein Foto davon tags darauf in der Lokalzeitung abgebildet ist. Gerhard Jauernig sagt: „Mir ist aufgefallen, dass die Bildberichterstattung sich geändert hat. Früher gab es mehr Gruppenfotos …“ Hin und wieder ärgere er sich, weil er selbst nicht mehr so oft in der Zeitung zu sehen sei, sagt er. „Aber ich verstehe auch, dass die Zeitung sich an den Interessen der Leser ausrichtet, die nicht andauernd Gruppenbilder sehen wollen.“

Krisenmanagement: Wenn Lokalredakteure und Kommunalpolitiker sich missverstehen, kann das schnell zu Konflikten führen. Schließlich sind alle nur Menschen, Fehler können in Rathäusern und Redaktionen einfach passieren. Dann geht es darum, als Journalist professionell über Unangenehmes zu sprechen und sich nicht wegzuducken, findet Jauernig: „Was ich nie gemacht habe, ist, mich bei den Chefs zu beschweren. Wenn ich mich fehlinterpretiert fühle, rufe ich lieber direkt bei den Redakteuren an.“ Wer auch ohne Konflikt Respekt und professionelle Distanz hält, hat es aus der Sicht des Oberbürgermeisters leichter im Umgang mit Lokalpolitikern.

Vertraulichkeit: Wie eng der Austausch zwischen Kommunalpolitikern und Lokaljournalisten ist, hängt meist vom Einzelfall ab. „Zu viel Nähe und Vertraulichkeit kann auch schaden. Denn dann besteht die Gefahr, dass Lokaljournalisten heikle Themen gar nicht mehr aufgreifen“, warnt der Mindelheimer Redaktionsleiter Johann Stoll. Günzburgs Oberbürgermeister Gerhard Jauernig dagegen sagt, zu langjährigen Lokalredakteuren habe er eine Art Vertrauensverhältnis aufgebaut. „Das Problem ist nur: Denen kann ich nichts mehr vormachen.“  Denn erfahrene Lokalredakteure haben ihr ganz eigenes Netz an Informanten aufgebaut. Wer dagegen neu in einer Redaktion ist, geht seiner Einschätzung nach aggressiver und unbefangener mit den Themen um.