Zurück zum Blog

Alles, was uns bewegt

The Shining in der AZ

Das ist die (natürlich nur in Ansätzen leicht fiktive) Geschichte von meinem ersten Tag als Projektvolontärin. Denn, wenn es einen Volontär vom belebten Großraumbüro in den einsamen Projekt-Volo-Raum verschlägt, kann das schon mal an Jack Nicholson erinnern…

Lange graue Gänge führen durch den riesigen Gebäudekomplex. Man weiß nie, in welcher Etage man gerade ist. Überall sind es dieselben weißen Wände und dieselben geschlossen Türen. Hinter einer von ihnen ist das Büro des Projektvolontärs. Die Neue soll dort heute den ersten Tag arbeiten. Noch ahnt sie nicht, was sie in diesem Raum alles erleben wird.

„Die Wände mögen eintönig sein, aber dafür, dass dieses Gebäude auf einem alten Indianerfriedhof steht, sieht doch noch alles gut aus“, denkt sich die Volontärin. Sie setzt sich zufrieden an den Schreibtisch und wischt erst mal die merkwürdigen roten Schmierer weg, die ihr Vorgänger hinterlassen hat. Sie vermutet, es ist Marmelade vom Süßgebäck, das man im Medienrestaurant bekommt. Sie würde sich gerne bei ihm darüber beschweren, schließlich kann man so keinen Arbeitsplatz hinterlassen. Aber das würde nichts bringen, denn der ist nach seinem Projekt-Monat angeblich in den Urlaub gefahren. Zumindest hört im Moment niemand etwas von ihm.

Aber macht nichts, ihre gute Laune ist ungebrochen. Sie findet es schön, mal einen eigenen Platz zu haben. Seit sie als „Altvolo“ durch die Großraumbüros der AZ-Zentrale tourt, wechselt sie vom Stuhl des einen Urlaubers an den Schreibtisch des nächsten kurzeitig abwesenden Kollegen. Gerade, wenn man viel Papierkram und leere Flaschen mit sich rumschleppt, kann das anstrengend sein. Als sie von ihrem Tisch in der Wirtschaftsredaktion zur Politik wechselte, musste sie viermal hin- und herlaufen. Doch sie hatte Glück – die Schreibtische lagen nur ein paar Meter auseinander. Jetzt (endlich!) hat sie ihren eigenen Arbeitsplatz und an der Tür steht sogar ihr Titel: „Projektvolontär“. Sie geht in den Gang und will stolz ihr Türschild bestaunen, da fällt ihr auch daran eine rote Schmiererei auf, in Form einer Handfläche. „Da muss wohl einer meiner Kollegen aus dem Gang mit Marmeladen-Händen rumgeschmiert haben.“ Vielleicht trifft sie denjenigen ja mal, aber im Moment scheint hier im Gang niemand außer ihr zu sein.

Als nächstes schaltet sie ihren eigenen PC an. Alte Gewohnheit, das hat sie bisher an jedem Arbeitstag in jedem Ressort so gemacht. Doch heute war etwas anders. Sie hört etwas – es ist das Brummen der Heizung. Bisher ist ihr nie ein Brummen aufgefallen. Sie hat immer in großen Büros mit vielen Menschen gesessen. Sie redeten, neckten sich, tranken gemeinsam Kaffee. Doch jetzt ist es still, nur die Heizung brummt… und brummt… und brummt. Bei genauem Hinhören meint sie sogar ein leises „Komm zu uns“ zu erkennen. „Das könnten die Kollegen aus dem vierten Stock sein“, überlegt sie. Die vergnügen sich vielleicht wieder bei einem ihrer gemeinsamen Rituale. Sie heißen „Konferenzen“. Dabei hatte sie immer das Gefühl, die Gemeinschaft stehe im Vordergrund. Es wurde gemeinsam gesungen, alle tranken aus dem gleichen Kelch und tanzten zusammen im Kreis.

Sie denkt für ein paar Minuten an ihre schönen und gesprächsreichen Zeiten in der Wirtschafts- und Sportredaktion zurück, doch dann macht sie sich an die Arbeit. Zeitungsseiten müssen vorbereitet und Projekte organisiert werden. Nebenbei erlaubt sie sich einen kleinen Blick auf Facebook – mal sehen, was in der Volo-Gruppe so los ist und verkünden, dass man nun den Platz im Büro eingenommen hat. Plötzlich hört sie im Gang das Klacken von Stöckelschuhen. Schritt für Schritt hallen sie lauter durch den Gang. Die Projektvolontärin schließt hektisch das Facebook-Fenster und macht sich für den eintretenden Gast bereit. Doch dann ist es wieder still. Direkt vor der Tür stoppt das Klackern der Absätze. Sie schleicht zur Tür und öffnet sie. Aber da steht niemand. Sie blickt nach links und nach rechts, doch der Gang ist leer.

Sie schließt die Tür wieder. Wahrscheinlich hat sie sich nur getäuscht, denkt sie und macht nochmal auf, da stolpert ihr Volo-Kollege durch den Gang. Erst ist sie erleichtert, quatscht kurz mit ihm über zukünftige Einträge für den Volo-Blog. Doch als er wieder davon geht, fällt ihr auf, dass seine weichen Gummi-Sohlen im Gang kein Geräusch machen.

Welche Passagen meiner Fantasie entsprungen sind und was sich womöglich tatsächlich so zugetragen hat, das überlass‘ ich euch. Ich kann nur sagen: Nach viel Action im Großraumbüro ist ein eigener Raum mal eine entspannende Abwechslung – wenn vor der Tür nicht gerade Geister unterwegs sind.

Schreibe einen Kommentar