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Fliegendes Klassenzimmer

Rapunzel und die drei kleinen Schweinchen – Märchenstunde oder Bio-Exkursion für Volontäre?

Volontäre der Günter Holland Journalistenschule besuchen die Firma Rapunzel in Legau und den Biohof der Familie Waizenegger und lernen alles über Bio-Siegel, Viehhaltung in Bio-Betrieben und die Geschichte der Firma Rapunzel.

„Dienstags gibt’s vegane Kost“. Nein, ich erzähle gerade niemandem von meinen persönlichen kulinarischen Vorlieben. Ich zitiere lediglich den Satz, an dem ich als Erstes hängen geblieben bin, als wir eine weitere Einladung zu einem Volotag der Günter Holland Journalistenschule erhalten haben. In meinem Redaktionsalltag heißt es nämlich normalerweise: Dienstags gibt es Leberkässemmel. Und mittwochs im Zweifelsfall auch. Aber das ist nebensächlich, denn das eigentliche Thema des Volotags lautete nicht „Wie breche ich die Essgewohnheiten des Mindelheimer Volos“, sondern: Was ist bio? Woran erkennt man’s und wie geht es in Biobetrieben zu? Tatort: die Firma Rapunzel in Legau. Was bei allen Volontären der Augsburger Allgemeinen außer mir für ein Fragezeichen im Gesicht sorgte: Wo ist Legau? Und ein Kollege fragte sogar: „Rapunzel?“ Da aber kamen dann von allen anderen prompt Antworten zurück: „Hallo?! Rapunzel! Samba-Creme! Kennt man doch…“

Ausflugsziel der Volontäre: Die Firma Rapunzel in Legau

Ja, die Firma aus dem Unterallgäu hat sich seit Jahren einen Namen als Hersteller von Bio-Waren gemacht, darunter Müslis, Nussmuse, Öle und mehr – insgesamt sind es über 600 Produkte. „Bis auf wenige Ausnahmen sind das Trockenprodukte“, erklärt Katja Egli, Teamleiterin im Marketing bei Rapunzel. Trockenprodukte seien eben einfacher zu lagern und zu verpacken. Wie diese Produkte abgefüllt und verpackt werden, sehen wir beim Rundgang durch die Produktion. Und – wie es bei Journalisten eben so ist – es hagelt gleich kritische Fragen: „Plastikverpackungen bei Bioprodukten?!“ „Palmöl in Bioprodukten?!“ „Wie erklären Sie einem Menschen, der im Monat von 1500 Euro lebt und drei Kinder versorgen muss, dass er sich bio ernähren soll?“

Katja Egli, die einst bei der Allgäuer Zeitung volontiert hat, und ihre Kollegen beantworten die kritischen Fragen geduldig und erklären außerdem, was für Biosiegel es gibt, wie die Gründerfamilie der Firma Rapunzel lebt und wie es in Biobetrieben zugeht. Auch Serafine Wilhelm, die Tochter des Gründers Josef Wilhelm, stellt sich einigen Fragen und erzählt von ihrem Leben als Kind in einer Zeit, in der Bioprodukte noch nicht hip waren: „Schokolade habe ich das erste Mal gegessen, als ich zehn war.“ Da man aber bei Rapunzel damals schon gemerkt hat, dass Bioprodukte nur dann ankommen, wenn man nicht nur gesunde Müslis, sondern auch Süßigkeiten verkauft, gehören Schokoladentafeln und –cremes mittlerweile fest zum Sortiment. Gut für uns, denn wir dürfen Öle, Schokolade, Nüsse und getrocknete Früchte probieren.

Verkostung bei Rapunzel

Nach dem Mittagessen in der Rapunzel-Kantine – es gab vegane Kost, und ich habe überlebt – fahren wir einige Kilometer weiter auf einen Biolandwirtschaftsbetrieb. Bei Familie Waizenegger lernen wir nicht nur, was Hörner bei Kühen für Vor- und Nachteile haben, sondern auch die harten Seiten des Bauernlebens kennen: „Vor ein paar Tagen isch ein echt schönes Kalb geboren und heut Morgen isch er dann leider verreckt“, erzählt Rainer Waizenegger. Gott sei Dank gibt es noch vier weitere Kälber und viele Kühe – die Rainer Waizenegger alle beim Namen kennt – auf dem Hof, und so sind circa dreißig Volontäre erst einmal beschäftigt.

Wie beschäftigt man dreißig Volontäre beim Volotag der Günter Holland Journalistenschule? Kostproben und Kälber streicheln

Aber wir sind ja nicht gekommen, um Kälber zu streicheln und Schweine zu füttern: Rainer und Elisabeth Waizenegger erinnern sich, wie sie ihren Betrieb vor circa zwanzig Jahren auf „bio“ umgestellt haben: „Damals waren wir voller Tatendrang und haben sogar einen Krisenstab gegründet“, erzählt der Landwirt von der Phase, als „bio“ in Deutschland langsam im Kommen war. Und von der ersten Kuh des Paares, damals das Hochzeitsgeschenk: „Die haben wir Whisky getauft, ihr erstes Kalb dann Wodka und so weiter.“ Rainer Waizenegger erklärt, wie man Kühe ohne Antibiotika gesund hält, wie sie ihre Tiere jeden Tag bei gutem Wetter auf die Weiden austreiben und welche Zuchtlinie sich bei den Kühen besonders bewährt hat. Währenddessen stehen diese unter den rotierenden Viehkratzbürsten, laufen im Laufstall herum und schlafen auf der Weide. „Kuh sollte man sein“, seufzt ein Kollege.

Oder Schwein: Denn „Schnitzel“, „Kotelett“, und „Steak“ werden von uns fleißig mit Äpfeln gefüttert. „Die Namen hat mein Sohn erfunden“, sagt Rainer Waizenegger. An dem Scherz ist aber Wahres dran, und plötzlich will keiner mehr Schwein sein: Die Familie Waizenegger ist Mitbegründer einer bäuerlichen, regionalen Direktvermarktungsinitiative mit Metzgerei und Ladengeschäft. Das Schweinefleisch kommt also dorthin, die Milch wird von Allgäu-Milch-Käse in Kimratshofen weiterverarbeitet. Dem Dorf, in dem auch die Familie Wilhelm von Rapunzel immer noch wohnt. Das Unterallgäu ist eben doch nicht so rückständig wie böse Zungen behaupten: Hier war bio schon vor Jahrzehnten cool!

Wer mehr über den Betrieb der Familie Waizenegger erfahren möchte, findet hier mehr Informationen.