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In einer Stadt, in der man Niemanden kennt

Wie die meisten neuen Lebensabschnitte begann mein Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen mit einem Umzug in eine fremde Stadt – nach Neu-Ulm. Beziehungsweise nach Ulm, denn das Schicksal oder vielmehr der Wohnungsmarkt in der Region wollte es so, dass ich mein erstes Jahr an der Günter Holland Journalistenschule als Baden-Württemberger verbringe und nicht als Bayer. […]

Wie die meisten neuen Lebensabschnitte begann mein Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen mit einem Umzug in eine fremde Stadt – nach Neu-Ulm. Beziehungsweise nach Ulm, denn das Schicksal oder vielmehr der Wohnungsmarkt in der Region wollte es so, dass ich mein erstes Jahr an der Günter Holland Journalistenschule als Baden-Württemberger verbringe und nicht als Bayer. Das spielte aber kaum eine Rolle, denn ich kannte weder auf dem einen noch auf dem anderen Donauufer jemanden.

Als ich Mitte Dezember zum ersten Mal einen Fuß in die Doppelstadt setzte, zeigte sie sich nicht unbedingt von ihrer besten Seite. Trübe, graue Regenwolken hingen am Himmel, ein kalter Wind wehte durch die Straßen und Leute eilten von Geschäft zu Geschäft, als wäre es der letzte Tag vor Weihnachten. Dabei war es nur der letzte Tag vor dem Lockdown. Auch ich eilte quer durch die Stadt von einer Wohnungsbesichtigung zur anderen. Meinen zukünftigen Arbeitsplatz konnte ich leider nur von außen bewundern.

Meine damals größte Sorge – eine endlose Wohnungssuche – stellte sich als unbegründet heraus. Ein scheinbar Pandemie-bedingter Mangel an Bewerbern bewirkte, dass letztendlich die Wahl meiner Wohnung und meiner Mitbewohner bei mir lag. Das ließ mich trotz der steigenden Corona-Inzidenz optimistisch in das Jahr 2021 blicken.

Ein neuer Start in einer neuen Stadt: Von Landshut nach Ulm

Mit dem ungewöhnlichen Start in das Volontariat mit Headset, Kamera und Lifesize und mit der (fast) leeren Redaktion hatte ich mich rasch arrangiert. Auch der Übergang von der  Schulung ins Arbeitsleben verlief reibungslos, obwohl ich öfters am Telefon hing als unterwegs auf Terminen zu sein. Ein Ausweichen ins Home-Office war nur in Ausnahmen nötig und ich lernte nach und nach meine neuen Kolleginnen und Kollegen kennen.

Auch wenn die Umstände nicht ideal waren fühlte ich mich bei der Neu-Ulmer Zeitung gut aufgehoben. Von Gemeinderatssitzungen über Demonstrationen von Fridays for Future, bis zu Einsätzen des örtlichen Zollamts war ich gut mit Material zum Schreiben versorgt. Und es war immer ein kleiner Motivationsschub, wenn ich meine Artikel am nächsten Tag in der Zeitung sah. Auch wenn mir das Thema Corona, das in gefühlt jedem meiner Texte zur Sprache kam, zum Hals heraushing.

Das Gegenteil war leider der Fall, wenn ich meinen Computer ausschaltete und nach Hause radelte. In Ulm erwartete mich ein leeres WG-Zimmer und erstaunlich wenig zu tun. Mein Privatleben gestaltete sich bei weitem nicht so abwechslungsreich, wie mein Beruf. So schön die Stadt auch ist, sie bei Minusgraden zu erkunden machte keinen Spaß, nur systemrelevanten Betrieben waren geöffnet und wahrscheinlich am wichtigsten: ich kannte hier niemanden. Und würde auch in absehbarer Zeit niemanden kennenlernen.

Wie lernt man Leute kennen, wenn man niemanden treffen darf?

Anfangs hätte das wohl kaum einen großen Unterschied gemacht. Im Corona-Lockdown konnte man ja eh kaum jemanden treffen, der nicht zum eigenen Haushalt gehörte. Da fiel mir erst auf, welchen Fehler ich bei der Wohnungssuche begangen hatte. Meine Hauptauswahlkriterien waren Preis, Lage, Ausstattung und weil Eile geboten war – immerhin hatte ich nur noch einen halben Monat um eine Bleibe zu finden – von wem ich zuerst eine Zusage bekam, gewesen. Mit wem ich zusammen wohnen würde, hatte ich etwas vernachlässigt. Jetzt hatte ich zwar drei Mitbewohner, doch die ziehen den Bildschirm meist der Gesellschaft anderer Menschen vor.

Auch die anderen Möglichkeiten Anschluss in der neuen Stadt zu finden, sei es über Vereine, Arbeitskollegen oder Veranstaltungen, waren stark eingeschränkt bis nicht vorhanden. Und der rege Austausch mit alten Freunden über Skype und Zoom hatte seit dem ersten Lockdown deutlich abgenommen. Die schwankenden Corona-Zahlen machten auch nicht gerade Hoffnung auf eine Normalisierung der Umstände. Während die Kontaktbeschränkungen für mich im vergangenen Jahr kein so großes Problem gewesen waren, wusste ich in Ulm nicht mehr, was ich mit meiner Zeit anstellen sollte, obwohl ich inzwischen wesentlich weniger Freizeit habe als noch 2020.

Zwar erwachten Neu-Ulm und Ulm kurzzeitig wieder zum Leben, als sich die Frühlingssonne im März zum ersten Mal zeigte und die Corona-Regeln etwas gelockert wurden, an meiner Situation änderte das aber nicht viel. Schlechtes Wetter und eine wiedersteigende Inzidenz ließen mich schnell erneut zum Status Quo zurückkehren.

Ein halbes Jahr mit wenigen sozialen Kontakten

Inzwischen ist ein halbes Jahr vergangen, seitdem ich hier hergezogen bin. Trotz der Corona-Lockerungen im Juni und meiner Impfung bestehen meine regelmäßigen sozialen Kontakte nach wie vor nur aus meinen Kolleginnen und Kollegen, meinen Mitbewohnern und dem Gemeinderat von Pfaffenhofen. Um ehrlich zu sein, ich weiß mittlerweile gar nicht, wo ich anfangen soll neue Leute kennen zu lernen.

Aber ich habe ja noch mindestens ein weiteres halbes Jahr, um das heraus zu finden. Auch wenn die Delta-Variante wie ein unheilvoller Schatten über den Herbstmonaten schwebt, hoffe ich, dass ich Neu-Ulm und Ulm mal ohne Pandemie erleben darf und nicht immer nur Selbstgespräche führen muss.

Oder ich werde mich damit abfinden müssen, dass mein Mangel an sozialen Kontakten nicht unbedingt an Corona, sondern meiner eigenen sozialen Inkompetenz liegt.

Jeden Tag ein Abenteuer

Wie die Querdenker die Containern-Reportage der Volontärin retteten

Mara aus Ulm ist 19, studiert und hat ein illegales Hobby: das Container. Dass sie sich dabei strafbar macht, ist ihr bewusst. Ich habe Mara in einer Freitagnacht begleitet.

Den Querdenkern aus Ulm sei Dank, dass diese Reportage doch noch zustande kam: Eines Nachmittags, so zwischen zweiter und dritter Tasse Kaffee, warf ich mal wieder einen Blick in die Messenger-App Telegram. Denn seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr gibt es in Ulm eine große Querdenker-Bewegung, bei der Kritiker der Corona-Maßnahmen regelmäßig auf dem Münsterplatz demonstrieren, einen Schlauchboot-Aufstand auf der Donau ankündigen oder zum großen Autokorso durch die Innenstadt aufrufen. Die Termine werden meistens über Telegram mitgeteilt. Seitdem gehört die App  zu den neuen Recherchemöglichkeiten im Redaktionsalltag bei der Neu-Ulmer Zeitung. Telegram soll außerdem sicherer sein als WhatsApp, da die Nachrichten verschlüsselt versendet werden.

In Ulm gibt es eine große „Foodsharing“-Szene

Also öffnete ich nach ein paar Tagen mal wieder die Telegram App. Und neben 57 Nachrichten in der Querdenker Gruppe fiel mir auf einmal eine Nachricht auf, die da wohl schon ein paar Tage stand. Eine unbekannte Nummer schrieb mir: „Hallo, ich bin Mara und Sarah (Namen wurden geändert) hat mir deinen Kontakt gegeben wegen dem Artikel über das Containern…“ Da fiel mir wieder ein Thema ein, das ich schon beinahe vergessen hatte. Meine junge Kollegin Sarah aus der Jugendseiten-Redaktion hatte ihrer Freundin Mara meine Kontaktdaten weitergeleitet. Ich wollte die 19-jährige Mara gerne bei ihrem illegalen Hobby begleiten, dem Containern. Umgangssprachlich wird das Containern auch Mülltauchen genannt. Die Mülltaucher „retten“ weggeworfene Lebensmittel aus Mülltonnen von Supermärkten. Meist aus Gründen der Nachhaltigkeit und um ein Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung in Deutschland zu setzen. Die Idee für diese Reportage kam mir, als ich auf Facebook die Gruppe „Foodsharing Ulm“ vorgeschlagen bekam. Dort bieten vor allem Studenten kostenlose Lebensmittel an, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben. Außerdem gab es vor einigen Monaten den Fall vor Gericht, als zwei Studentinnen zu einer Geldstrafe verurteilt wurden, weil sie weggeworfene Lebensmittel aus Supermarktmülltonnen gestohlen hatten.

Warum meldet sich Mara aus Ulm nicht?

Einige Tage wartete ich bereits auf eine Nachricht oder einen Anruf von Mara – dass sie mir auf Telegram schreiben wird, hatte ich nicht erwartet. Doch später erklärte sie mir, es sei für sie die sicherere Variante gewesen, denn: Dass Mara Containern geht, sollte vor allem die Polizei nicht mitbekommen. Containern kann unter anderem als Hausfriedensbruch und Diebstahl bestraft werden. Erwischt wurde sie zwar noch nie, davor habe sie auch keine Angst, dennoch wolle sie kein Risiko eingehen. Sie freute sich jedoch über meinen Vorschlag. Nach einem kurzen Telefonat vereinbarten wir noch für die gleiche Woche einen Containern-Termin.

Die Uhrzeit des Termins ist im Redaktionsalltag der Augsburger Allgemeinen eher ungewöhnlich

Freitag, 23 Uhr. Keine gewöhnliche Uhrzeit für einen Termin. Doch ein anderer Zeitpunkt stand gar nicht zur Debatte. Frühestens eine Stunde nach Ladenschluss geht Mara normalerweise los, um von den Supermärkten weggeworfene Nahrungsmittel aus den Tonnen zu holen. An dem Freitag, als ich sie begleitete, trafen wir uns vor einem Parkplatz in der Nähe des Supermarkts. Mara lachte mich freundlich an, hatte bereits ihre Kapuze auf und meinte, sie sei heute gar nicht so aufgeregt, weil ich dabei sei. Na toll, dafür war ich ab diesem Zeitpunkt doch ein bisschen nervös. Das wurde nicht besser, als Mara mir sagte, ich solle während sie die Lebensmittel stiehlt am besten nicht in die Überwachungskameras schauen, die genau auf die Mülltonnen gerichtet sind.

19-Jährige aus Ulm containert regelmäßig, um Lebensmittel aus den Tonnen zu retten. 

Mara aus Ulm beim Containern

Mara in Action: Das Containern dauerte nicht lange. 

Um kurz nach 23 Uhr ging es dann los. Die Aktion dauerte höchstens zehn Minuten. Während Mara in routinierter Schnelligkeit das Obst, Gemüse und Brot aus den Tonnen sammelte, versuchte ich, ein paar brauchbare Bilder zu machen. Wir redeten währenddessen nur sehr leise miteinander, was es schwer machte, brauchbare Anweisungen für mein zentrales Foto zu geben. Dazu kam, dass Mara auf dem Foto nicht zu erkennen sein durfte. Mein Kollege, der sich in der Neu-Ulmer Redaktion um Online und Digitales kümmert, kam ebenfalls dazu und drehte noch ein kurzes, anonymes Interview mit Mara. Dass sie anonym bleiben wird, hatte ich ihr bereits im Voraus versichert. Nach dem Containern ging ich mit meiner Protagonistin nach Hause, um das geklaute Gemüse und Obst zu waschen und zu sortieren. Da besprachen wir die weiteren Kriterien, um sie nicht erkennbar zu machen. Das Alter und den Wohnort zu nennen, war für sie beispielsweise okay. Trotz einiger Widrigkeiten zu Beginn kam eine ausführliche Reportage zustande.

Zuhause wurde das Obst und Gemüse sortiert und gewaschen. 

Ein Teil der Ausbeute: In den Tonnen war viel Gemüse dabei. 

Den vollständigen Text inklusive Videomaterial gibt es unter diesem Link https://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Containern-Mara-aus-Ulm-macht-sich-strafbar-weil-sie-Lebensmittel-retten-will-id58578851.html