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Jeden Tag ein Abenteuer

Eine Volontärin sieht rot – und manchmal auch grün

Die Tage als Großstadtreporterin im Münchner Korrespondentenbüro der Augsburger Allgemeinen sind abwechslungsreich. Pressekonferenzen und Veranstaltungen geben den Rhythmus vor. Doch häufig entscheiden auch Farben, was in der Zeitung steht.   

Als Korrespondentin der Augsburger Allgemeinen in München fängt der Tag oft anders an als in den Mantel-Ressorts der Zeitung im Medienzentrum in Augsburg-Lechhausen. Wie er beginnt, das hängt unter anderem von der Farbe der jeweiligen Woche ab – ob sie rot, gelb, blau oder weiß ist.

Um Irritationen zu begegnen: Es geht um den Bayerischen Landtag, der seine Arbeitswochen nach Farben ordnet. In Wochen, die rot gekennzeichnet sind, tagt zum Beispiel das Plenum. Ausschusssitzungen, Fraktionstagungen und Arbeitskreise finden in gelben Wochen statt, das Plenum kommt in diesen Tagen nicht zusammen. Reine Informationswochen sind im Kalender blau markiert. Und weiß? Weiß bedeutet für den Landtag ganz einfach freie Tage. 

Alle Volontäre im zweiten Jahr verbringen einen Monat im Korrespondentenbüro der Augsburger Allgemeinen in München

Wichtig für den Korrespondenten der Augsburger Allgemeinen, Uli Bachmeier, sind demnach vor allem die roten Plenarwochen. Hier trifft sich das bayerische Parlament – CSU und Freie Wähler, die Grünen, die AfD, SPD und FDP – um über Gesundheit, innere Sicherheit, Staatshaushalt, Digitales und viele andere Themen zu debattieren. Das Prinzip: Rede und Gegenrede, wobei sich die Redezeiten nach strengen Vorgaben richten. Wie viele Abgeordnete in einer Debatte also ans Mikrofon treten dürfen, ist unter anderem abhängig von der Größe der jeweiligen Fraktion.

So weit, so gut – könnte man meinen. Allerdings scheint sich besonders in dieser Wahlperiode die Stimmung im Landtag verändert zu haben. Das liegt, sind sich Politiker und Journalisten einig, vor allem an der AfD.

Im Bayerischen Landtag: Viele Abgeordnete und die Volontärin der Günter Holland Journalistenschule

Ein Beispiel von Mittwoch, 13. März. Nachdem eine Grünenpolitikerin und ein Abgeordneter von den Freien Wählern „zu ersten Lesungen zu Gesetzesentwürfen der Staatsregierung zum Finanzausgleichsänderungsgesetz 2019 und zum Haushaltsgesetz 2019/2020“ im Plenum gesprochen hatten, war die Geräuschkulisse normal laut, heißt: Rufe und Beschwerden einerseits, verhaltenes Klatschen, schrillende Pfiffe und Applaus auf der anderen Seite.

Dann kam ein Politiker der AfD. Man verweigere seiner Partei den Zugang zu Gremien und Institutionen, kritisierte er und sprach mit Blick auf das Parlament von „Wegmarken des Faschismus“. Die Bitte von Thomas Gehring, 2. Vizepräsident des Landtags, den Begriff „Faschismus“ zurückzunehmen, ignorierte er seinerseits. Stattdessen prangerte der AfD-Politiker den „neokapitalistischen Darwinismus“ an, den Deutschland beim Fachkräftemangel betreibe.  

Ein Abgeordneter: „Haben Sie den Haushalt überhaupt gelesen?“

Keine Reaktion. Der AfD-Politiker lenkte die Debatte auf das christliche Abendland, Sozialwohnungen und Kapitalismus.

AfD-Politiker: „Und dann komme ich zum Ende.“

Abgeordneter: „Gott sei Dank.“

Vizepräsident: „Ich bitte Sie nochmals, sich von dem Begriff ‚Faschismus‘ zu distanzieren.“

Wieder keine Reaktion.

Dafür erhielt besagter AfD-Politiker eine Rüge. Es ist die zweite für die Partei innerhalb von nur wenigen Wochen. Zuvor, so bestätigte ein Kollege des Münchner Korrespondentenbüros, habe es für Jahrzehnte keine einzige gegeben.

Mittendrin in den Münchner Demonstrationen: die Volontärin

Interessant ist der Korrespondenten-Job allerdings auch abseits des Bayerischen Landtags. Pressekonferenzen von Vereinigungen, Instituten und Unternehmen findet man im Redaktionskalender ebenso aufgelistet wie Versammlungen. Die Menschen bringen ihre Anliegen auf die Straße, wöchentlich finden in der Landeshauptstadt Demonstrationen etwa zum Klimaschutz oder Urheberrecht statt. Die Leute organisieren sich, solidarisieren sich. Sie marschieren in Paraden für ihr Lieblingshaustier, den Dackel, oder für die grüne Insel Irland zum St. Patrick’s Day. Und als Großstadtreporterin, gerüstet mit Stift und Block, marschiert man oft mittendrin.

Auch die St. Patrick’s Day Parade erlebte die Volontärin. Foto: Elisa-Madeleine Glöckner

Jeden Tag ein Abenteuer

Am Wahlabend aus der ersten Reihe berichten

Die drei Volontäre der Augsburger Allgemeinen im bayerischen Landtag: Stephanie Lorenz, Denis Dworatschek und Judith Roderfeld (von links). Foto: Julian Burmann

Drei Volontäre der Augsburger Allgemeinen erleben im bayerischen Landtag hautnah mit, wie eng Glück und Leid zusammen liegen – und wie Journalisten live darüber berichten

Versteinerte Gesichter. Stille. Einige Anhänger der SPD kämpfen sogar mit den Tränen. Gerade eben wurden die ersten Prognosen der bayerischen Landtagswahl auf dem großen Fernseher gezeigt. Magere zehn Prozent erreichen die Genossen. In einem anderen Raum herrscht dagegen grenzenlose Begeisterung. Die Grünen feiern ausgelassen ihr starkes Ergebnis. So eng liegen Glück und Leid zusammen – und mittendrin sind an diesem Wahlabend drei Volontäre der Augsburger Allgemeinen.

Sie filmen, interviewen und fotografieren. Dann schreiben sie noch ein oder zwei Zeilen dazu – und schon steht das Ganze live im Internet. Um sich im Labyrinth des bayerischen Landtages zurecht zu finden, zeigt ihnen vorab Uli Bachmeier alle wichtigen Räumlichkeiten. Der München-Korrespondent schüttelt dabei mal hier und da eine Hand, gibt wertvolle Tipps, worauf die Drei achten sollen und wer für die Bewirtung im Landtag zuständig ist.

Viel Austausch zwischen den Medienvertretern

Zwischen all den Medienvertretern kann es auch mal ruppig werden. Und die drei Volontäre müssen ihre Ellenbogen einsetzen, um sich durch die Mengen zu kämpfen. Dabei kann es manchmal nicht schaden, einfach durch den Landtag zu laufen und sich mal eine kurze Auszeit zu gönnen. Wie durch Zufall laufen einem dann vielleicht der Augsburger Oberbürgermeister Kurt Gribl über den Weg oder die SPD-Kandidatin Natascha Kohnen. Im Gespräch mit anderen Medienvertretern erfährt man so manche wichtige Information. Wann kommt wer wo hin.

Im Steinernen Saal im bayerischen Landtag tummeln sich verschiedene Medienvertreter. Alle warten auf die ersten Hochrechnungen. Foto: Denis Dworatschek

Nach gut drei Stunden tickern, lösen sich nach und nach die einzelnen Wahlveranstaltungen der Parteien auf. Die Anhänger gehen entweder enttäuscht nach Hause oder feiern noch bis spät in die Nacht auf den Wahlpartys. Für die Fernsehteams ist dann auch meistens Schluss. Im Foyer, wo ein großes Buffet aufgebaut ist, findet man sie beim Diskutieren, Trinken und Essen. Die Zeitungsjournalisten dagegen hacken wie wild auf ihre Laptops ein, der baldige Andruck sitzt ihnen im Nacken.

Im Erdgeschoss des bayerischen Landtag ist ein großes Buffet aufgebaut. Foto: Denis Dworatschek