Jeden Tag ein Abenteuer

Volontärin kommt (400 Meter) hoch hinaus

Nach Monaten im Homeoffice können die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule in ihrem Lokaljahr bei der Augsburger Allgemeinen jetzt endlich die Gegend erkunden. Die Volontärin in Aichach wird sich an drei ihrer Geschichten noch lange erinnern.

Lokaljournalismus. Das bedeutet für mich rausgehen, mit Leuten reden. Ständig unterwegs sein und möglichst viele Menschen in der Umgebung kennenlernen. Kurz: Karla Kolumna sein. Diesem Vorhaben stand recht früh in meinem Lokaljahr etwas im Weg: Wegen Corona sollte ich lange nicht auf Termine fahren, war zwei Monate lang im Homeoffice. Dabei ist die Region um Aichach, das Wittelsbacher Land, wunderschön und voller Geschichten.

Jetzt im Sommer hat sich die Arbeit zum Glück einigermaßen normalisiert. Inzwischen bin ich oft draußen unterwegs, lerne Leute und Gegend endlich kennen. Das Gericht, das Freibad, die Wochenmärkte. Viele Orte und Termine. Drei Geschichten haben es mir aber besonders angetan: eine Nachtschicht mit den First Respondern, eine Weizenernte und eine Heißluftballonfahrt.

Volontärin der Günter Holland Journalistenschule übernachtet im Feuerwehrhaus

First Responder sind ehrenamtliche Helfer, die Versorgungslücken im ländlichen Raum schließen. In Aindling zum Beispiel gibt es nachts keinen professionellen Rettungsdienst. Bis ein Krankenwagen aus den umliegenden Orten eintrifft, braucht es meist um die zwanzig Minuten. Bei Notfällen kann aber jede Minute entscheidend sein. Da kommen die First Responder ins Spiel.

In Aindling sind sie Teil der Freiwilligen Feuerwehr. Bei Notfällen sind sie nachts die ersten, die vor Ort sind. Für meine Reportage wollte ich bei einer Schicht dabei sein. Die First Responder waren begeistert davon, dass jemand von der Augsburger Allgemeinen sich ihre Arbeit ansieht. Als ich ankam, war mein Bett im Feuerwehrhaus bereits bezogen. Ich bekam einen „Funkpiepser“, den die First Responder so nennen, weil er bei Notfällen sehr laut piepst. Außerdem erhielt ich eine Jacke, wie sie auch die First Responder tragen.

Volontärin Marlene Weyerer mit der First-Responder-Jacke.

Ich unterhielt mich lange mit den Männern, bekam viele Geschichten erzählt. Von Einsätzen, die gut endeten. Von Patienten, denen sie nicht mehr helfen konnten. Von Bildern, die sie nicht mehr vergessen würden. In der Nacht konnte ich kaum schlafen. Die ganze Zeit hatte ich den Piepser neben mir und war nervös. Man hatte mir gesagt, wenn es piepst, müsste ich in eineinhalb Minuten unten sein. Jacke, Block und Stift lagen griffbereit neben dem Bett.

Am Ende war die Sorge umsonst. Das Einzige, was laut klingelte, war mein Handy: Der Wecker sagte Bescheid, dass die Schicht vorbei war. Komplett übernächtigt und etwas enttäuscht begab ich mich um halbsieben Uhr morgens auf den Heimweg. Trotzdem machte es Spaß die Geschichte zu schreiben. Und zumindest habe ich einen Einblick bekommen, was so eine Nachtschicht bedeuten kann.

Der Landwirt Richard Herb erntet in Sielenbach mit seinem Mähdrescher den ersten Weizen.

Mein zweites Reportage-Thema war die Getreideernte. Ich begleitete einen Landwirt aus Sielenbach bei seiner ersten Weizenernte in diesem Jahr. Als ich in den Mähdrescher kletterte, war der Bauer etwas erstaunt über die viele Ausrüstung, die es für so eine Geschichte braucht: Block und Stift in der einen Hand, mein Handy für die Instagram-Story in der anderen Hand und eine Kamera über der Schulter.

Mähdrescher sieht man ja oft genug von weitem, es ist aber etwas ganz Anderes in einem drin zu sitzen. Auch hier war das spannendste das Gespräch mit dem Landwirt, der nach einer Weile sehr locker erzählte. Die gewohnte Umgebung hat da sicherlich geholfen. Zwischenzeitlich durfte ich mich auch mal auf den Fahrersitz setzen und Weizen ernten.

Ausblick auf das Wittelsbacher Land

Ebenfalls viel anpacken konnte ich bei meinem dritten Reportage-Termin. In der Region ist häufig ein Heißluftballon mit dem Logo des Wittelsbacher Lands zu beobachten. Für die Geschichte sollte ich mal von oben herab auf das Wittelsbacher Land sehen. Morgens um 5.45 Uhr traf ich mich mit zwei anderen Mitfahrerinnen und dem Ballonfahrer in Obergriesbach. Der Wecker um 4.30 Uhr war zwar nicht angenehm, dafür verzauberte die Natur um diese Uhrzeit: Morgenröte färbte den Nebel über dem Boden rosa. Viel kitschiger kann Landschaft gar nicht aussehen. Bei dem Aufbau des Ballons mussten wir kräftig mithelfen und dann hoben wir auch schon ab. Passend mit dem Start des Heißluftballons ging die Sonne auf. Die Fahrt (Ballone fliegen nicht, sie fahren, wie mein Ballonfahrer betonte) war ein tolles Erlebnis. Und die Aussicht auf das Wittelsbacher Land wunderschön.

Mit diesen und vielen weiteren Geschichten habe ich langsam das Gefühl, Karla Kolumna näher zu kommen. Auch wenn es natürlich Jahre und Jahrzehnte braucht, sich wirklich auszukennen: Ich kenne inzwischen doch schon einige Leute aus der Region und habe viele Ecken gesehen. Auch aus ganz ungewöhnlichen Perspektiven.

Die Ballonfahrt ging über Orte, Flüsse und viele Felder.

Fliegendes Klassenzimmer

Abp-Seminar statt Corona-Alltag

Der Corona-Blues traf im Frühjahr auch die Jung-Volontäre der Augsburger Allgemeine. Das Seminar „Zeitungsjournalismus I“ an der Akademie der Bayerischen Presse war eine willkommene Abwechslung für uns.

Das Coronavirus hatte in den vergangenen Monaten auch die Günter Holland Journalistenschule der Augsburger Allgemeinen im Griff. Der siebenwöchige Einführungskurs blieb noch verschont, danach folgte Absage um Absage. Die heiß ersehnte Berlinfahrt fiel aus, der Besuch auf dem Bauernhof ebenso. Anstatt auf Ortsterminen neue Menschen und ihre Geschichten kennenzulernen, hieß es im Homeoffice sozialen Abstand nehmen. Der Alltag war plötzlich recht unspektakulär und monoton. Mit der Rückkehr in die Redaktionen verbesserte sich die Laune.

Jung-Volos der Augsburger Allgemeine im Corona-Blues

Die Volo-Tage und damit den Kontakt zu den Kollegen vermissten wir aber weiterhin schmerzlich. Im Gruppenchat diskutierten wir, ob nun auch das Seminar „Zeitungsjournalismus I“ an der Akademie der Bayerischen Presse (abp) in München ausfiele. Und ja, die erste Gruppe der Augsburger Allgemeinen, die im Mai in die bayerische Landeshauptstadt hätte fahren sollen, wurde auf den Herbst vertröstet. Immerhin. Nun folgte der zweite Termin an der abp, vom 6. bis 17. Juli, mit den Jung-Volos Piet Bosse, David Holzapfel, Sören Becker und mir. Die Freude war groß, als das Go kam. Zwei Wochen lang volles Lernprogramm, neue Leute kennenlernen und Hotelleben. Kurzum: Wir hatten Bock.

Im Hotel herrscht Maskenpflicht – außer für diesen Roboter in Lederhosen am Empfang. Fotos: Vanessa Polednia

Mit Gepäck beladen und dem obligatorischen Mundschutz ging es vom Augsburger Hauptbahnhof mit dem Regionalzug nach München. In der Akademie der Bayerischen Presse im Stadtteil Schwabing angekommen, gab es zunächst einmal eine Vorstellungsrunde und den Ablauf von Seminarleiter Claus Lochbihler erklärt. Zehn unterschiedliche, aber harmonierende Individuen von bayerischen und hessischen Verlagshäusern trafen hier aufeinander. Allein für den Austausch unter angehenden Redakteuren lohnte sich der Aufenthalt an der Akademie.

Vier Volontäre der Augsburger Allgemeine an der abp

Aber auch inhaltlich hatte der Kurs es in sich: Am Montag diskutierten wir mit Autor und Journalismustrainer Detlef Dreßlein über die journalistische Sprache in Print und Online. An zweieinhalb Tagen stand das Thema Reportage auf dem Programm. Hierfür begeisterte uns Chris Bleher, ebenfalls freier Autor und Journalismustrainer, mit seinem Wissen und Ideenreichtum. Dessen Leidenschaft für spannende und einfühlsame Texte steckte uns bei der Recherche und dem Schreiben der eigenen Übungsreportage an. 

Mit Peter Gaide zeigte uns ein erfahrener Interviewer, wie man aus einem mittelmäßigen Gespräch ein lesenswertes Interview macht. Dabei durften wir auch selbst ran. Drei Gäste aus verschiedenen Fachgebieten standen zur Verfügung: aus dem Sport, dem Tourismus und dem Münchner Immobilienmarkt. Das aufgenommene Videomaterial wurde im Anschluss gezeigt. Für einen Zeitungsjournalisten eine eher ungewöhnliche Situation. Doch das Feedback der Gruppe und des Kursleiters ließ aufatmen: Alle Interviews waren besser als erwartet.
Ebenso lehrreich waren die Kurstage mit Kassian Stroh, Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Er zeigte uns, worauf es beim Redigieren ankommt und wie eine perfekte Nachricht aussehen muss. Reporterin Andrea Mertes lehrte uns die Kunst kreativer Kleintexte.

In den Pausen wurde auch Sport gemacht. Hier die Volos Piet Bosse (links) und David Holzapfel. 

Wie digitaler Journalismus im Jahre 2020 funktioniert – und was man dafür können muss, zeigte Sascha Borowski. Der „Chief Digital Editor“ der Allgäuer Zeitung, die ebenfalls zur Hälfte zur Augsburger Mediengruppe Pressedruck gehört, gestaltete einen abwechslungsreichen Kurstag. In zwei Lokalredaktionen aufgeteilt, übten wir unter anderem die mediale Aufbereitung einer Großveranstaltung und eines Unwetters in den Sozialen Medien. Und auch hier zeigte sich: Theorie ist gut, Übung ist besser. Theorie und Praxis kombiniert ist am besten.

Jeden Tag ein Abenteuer

Einblicke ins wahre Leben: Alltag eines Gerichtsreporters

Die Presse wird oft als "Vierte Gewalt" bezeichnet. Als Reporter trägt man eine große Verantwortung. Foto: Tanja Gimmi

Die Presse wird oft als „Vierte Gewalt“ bezeichnet. Journalisten haben als Gerichtsreporter nicht nur eine Kontrollfunktion. Hinter Kriminalfällen verbergen sich oft gesellschaftliche Probleme und persönliche Schicksale. Über die Erfahrungen der Opfer wird in der Öffentlichkeit nur selten gesprochen.

Die Gerichtsberichterstattung ist jedes Mal aufs neue ein Abenteuer. „Schreib alles mit, was Du für wichtig hältst“, gibt mir meine Kollegin in der Lokalredaktion vor dem ersten Einsatz als Reporter mit auf den Weg. „Na super“, denke ich mir. Was ist denn alles wichtig? Die vielen guten Tipps aus unserem siebenwöchigen Einführungskurs sind zwar nicht vergessen, doch in der Praxis ist man auf sich alleine gestellt, macht vieles intuitiv. Eine leichte Aufregung ist schon da beim ersten Mal. 

Mein erster Einsatz als Gerichtsreporter

Mit Block und Stift schreite ich ins Amtsgericht, Audio-Mitschnitte während der Verhandlung sind ja verboten. Im Gericht angekommen packe ich mein Hab und Gut aus, denn zuerst muss ich durch die Sicherheitsschleuse. „Sie sind von der Presse, oder?“, fragt mich ein Justizbeamter. Ich zeige ihm meinen Presseausweis und erhalte prompt ohne Kontrolle Zugang ins Gebäude – andere Gäste müssen warten und schauen mich skeptisch an.

An der Tafel erfahre ich, wo „mein“ Prozess stattfindet. Ich bin natürlich viel zu früh da. Der Verhandlungssaal ist noch abgesperrt, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Ich setze mich auf die Wartebank – dort, wo normalerweise die Zeugen Platz nehmen. Die Bank fühlt sich nicht gut an, etwas hart.

„Sie sind ein Zeuge?“ werde ich plötzlich hinterrücks von einem mir unbekannten Mann angesprochen. „Nein, nein, ich schaue nur zu“, antworte ich. Wie sich später herausstellt, sprach mich der Verteidiger an. Wäre ich ein Zeuge gewesen, was wollte er von mir? Eine Antwort werde ich wohl nie erhalten.

Die Mitschrift ist ein Fall für Grafologen

Nach einer gefühlten Ewigkeit versammeln sich immer mehr Menschen vor dem Saal. Gleich geht es los. Drinnen suche ich mir einen Platz mit guter Sicht auf die Anklagebank. Ich beobachte das Verhalten des mutmaßlichen Täters, schaue ihm in die Augen. Er ist ein 23-Jähriger, der viel auf dem Kerbholz haben soll: gefährliche Körperverletzung, Beamtenbeleidigung und Bedrohung. So gefährlich schaut er gar nicht aus.

Die Staatsanwaltschaft braucht über fünf Minuten, um die Anklageschrift zu verlesen. Mir tut bald die Hand weh.Audio-Aufzeichnungen sind im Gerichtssaal verboten. Deshalb gilt, mitzuschreiben. Je schneller, desto besser. Foto: Oliver Wolff Muss ich wirklich alles mitschreiben? Schließlich sollte mein Gekrakel halbwegs entzifferbar bleiben. Schnell komme ich zum Entschluss, mich auf Stichpunkte zu beschränken – sozusagen als Gedächtnisstütze.

Tiefgründige Zitate schreibe ich im Wortlaut mit. Das sind Sätze wie „um mich und mein Verhalten zu verstehen, müssen Sie in meiner Vergangenheit herumwühlen, und das möchte ich nicht“. Etwa 90 Minuten lang geht meine Premiere im Gericht. Zurück in der Redaktion haue ich das Erlebte in die Tasten, es muss ja schließlich aktuell ins Blatt. Das Schreiben geht schneller als gedacht, ich benötige kaum Blicke in meine Notizen.

Bei spannenden Kriminalfällen hautnah dabei

Mein Rekord bezüglich der Dauer von Gerichtsverhandlungen liegt mittlerweile bei fünfeinhalb Stunden. Das heißt, fünfeinhalb Stunden Konzentration. Und wichtig dabei: Bei kurzen Unterbrechungen sofort aufstehen, den Saal verlassen und die eingeschlafenen Füße vertreten. Langes Sitzen auf harten Stühlen ist der Preis für spannende Kriminalfälle.

Zum Beispiel wird eine Mutter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem sie ihren Sohn dazu angestiftet hat, Drogen in der Schule zu verticken. Oder ein Ingenieur wird aus der U-Haft in Handschellen vor den Richter geführt, weil er bei einem Automobilzulieferer 220 Gigabyte Daten, darunter geheime Forschungsergebnisse, gestohlen und Konkurrenzherstellern zum Kauf angeboten hat.

Wer sind die, die so etwas machen? Was sind ihre Beweggründe? Im Gericht erfahre ich etwas über ihre Herkunft, ihre Vita. Manche Angeklagten zeigen Gefühle, andere verstarren stundenlang, geben keinen Mucks von sich und lassen nur ihre Anwälte sprechen. Oft sind die Beschuldigten äußerlich total unscheinbare Menschen. Menschen, die meine Nachbarn sein könnten.

Gerichtstermine: Im Journalismus sind sie unentbehrlich

Was ich mir im Nachhinein oft denke: Viele Urteile fallen milde aus. Aber das ist nur meine persönliche Wahrnehmung, auch geschuldet meiner noch wenigen Erfahrung. Mit mehr Routine verstehe ich vielleicht manches Strafmaß besser. 

Als Gerichtsreporter habe ich wichtige Aufgaben: Zum einen ist die Presse eine Art Kontrollinstanz, auch wenn das Staatsanwaltschaft und Richter möglicherweise ungern hören wollen. Zum anderen kann ich mit meinen Berichten der Öffentlichkeit einen Einblick in juristische und gesellschaftliche Angelegenheiten geben. 

Oft kommen die Erfahrungen der Opfer zu kurz – in Verhandlungen und in der Berichterstattung. Das ist ein Problem. Viele sagen, im Gericht spiele sich das „wahre Leben“ ab. Für Beobachter kann ein Besuch im Gericht eine wertvolle Erfahrung sein. Journalisten wird oft vorgeworfen, in einer Filterblase zu leben – manchmal zu Recht.