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Alles, was uns bewegt

Mehr als nur ein gewöhnlicher Termin

Als Volontärin der Augsburger Allgemeinen haben mich Gesprächstermine während meines ersten Ausbildungsjahres in der Lokalredaktion Augsburg Land immer wieder an die wundersamsten Orte gebracht: So habe ich zum Beispiel ein Interview zwischen wertvollen Kunstwerken geführt und nach einer launigen Feier einem Mann, der bereits genüsslich an seinem Gläschen Sekt nippte, ein Zitat abgerungen. Oder – und das war häufig Teil meines Alltags – ich habe einer Erzieherin inmitten lärmender Kinder eine Aussage entlocken wollen. Erwartungsgemäß gestaltete sich das schwierig. Besonders berührt haben mich in den vergangenen elf Monaten aber zwei Gesprächspartner, die mich tief in ihre Privatsphäre gelassen haben: in ihr Wohnzimmer.

Das gesamte Jahr über veröffentlichten wir bei uns in der Lokalausgabe die Serie „Hausbesuche“. Wie der Name schon sagt, besuchten wir Menschen aus dem Landkreis Augsburg, die besonders leben. Das kann eine lustige Sammellust sein, die sich im Haus widerspiegelt. Genauso habe ich aber auch Menschen in ihrem Zuhause besucht, deren Leben durch Schicksalsschläge nachhaltig verändert wurden. Die Gespräche mit ihnen sind mir auch Monate später nicht aus dem Kopf gegangen. Der Einblick in ihr Privatleben und ihre Ehrlichkeit mir gegenüber, einer fremden Reporterin, haben mich sehr beeindruckt.

Zu Besuch bei einer schwerbehinderten jungen Frau 

So bin ich relativ am Anfang meines Volontariats bei Franziska Ottlik daheim gewesen. Franziska ist 25 Jahre alt und schwerbehindert. Sie ist halbseitig gelähmt, leidet unter Spastiken, Epilepsie und zudem an Dyspraxie – einer Koordinationsstörung, bei der ihr Gehirn nicht weiß, wo sich der Körper befindet. Betroffenen fällt es schwer, sich so zu bewegen, wie sie es wollen. Schon seit Jahren schreibt sie eine Kolumne für die Jugendseite der Augsburger Allgemeine. Bislang kannte ich aber nur ihr Bild. Umso gespannter war ich, sie endlich persönlich kennenzulernen.

Als ich an der Tür ihrer Wohnung in Gersthofen klopfte, hörte ich von drinnen nur aufgeregtes Rufen. Ich wurde nervös – was erwartet mich in einem Gespräch mit einer schwerbehinderten Frau, die sich nicht mit Worten artikulieren kann? Wie reagiere ich auf sie? Ich wollte ihr auf keinen Fall das Gefühl geben, dass ich mich unwohl fühle. Schließlich öffnet sich die Tür und Franziska steht im Türrahmen, mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Ihr Gang wirkt abgehackt, ihre Hand zieht sie angewinkelt an ihren Körper. Wegen der Spastiken hat Franziska Schwierigkeiten, sich frei zu bewegen. Trotzdem streckt sie mir sofort die Hand zur Begrüßung hin. Ohne, dass wir uns in die Augen blicken, schütteln wir uns kurz die Hand – bevor die Situation aber unangenehm werden kann, erscheint hinter ihr ihre Betreuerin Margit. Franziska lebt mit einem Autisten in einer WG, mehrere Betreuer sind rund um die Uhr für die beiden da.

Hausbesuche bei Franziska Ottlik. Franziska Ottlik aus Gersthofen ist halbseitig gelähmt und leidet an Epilepsie. Trotzdem sieht es bei ihr zu Hause nicht viel anders aus als bei anderen 25-Jährigen.

Franziska führt mich ins Wohnzimmer, vorbei an einem Medizinschrank, der im Flur steht. Aber auch an bunten Bildern und Fotos, die an der Wand hängen. Eigentlich sieht es nicht viel anders aus als in einer normalen WG, denke ich mir im ersten Augenblick. Im Gespräch mit ihr wird dieser Eindruck bestätigt. Zwar ist Franziska stark beeinträchtigt, hat aber die gleichen Wünsche und Hoffnungen wie jede andere 25-Jährige: Konzerte, Reisen, Freundschaften pflegen. Der Unterschied: Sie ist immer in Begleitung ihrer Betreuer, umso inniger und vertrauter erscheinen Margit und Franziska im Gespräch.

Mit vielen Eindrücken und großem Respekt vor der Lebensfreude Franziskas verabschiede ich mich nach einer Stunde. Den Text für den Artikel kann ich nicht sofort niederschreiben, wie ich es sonst mache. Zu eindringlich war das Gespräch.

Ein blinder Mann erklärt mir seine dunkle Welt 

Eine ähnlich berührende Erfahrung hatte ich wenige Wochen später, als ich Alfred Schwegler kennengelernt habe. Er ist seit vielen Jahren blind und lebt mit seiner Frau Gerlinde zusammen. Auch dieses Mal sitze ich in ihrem Wohnzimmer. Ein Zimmer, das geschmückt ist mit Fotos der Kinder. Kinder, die er nie richtig gesehen hat. „Ich habe auf meinen Sohn als Baby noch alleine aufgepasst“, erinnert sich der 63-Jährige an die Anfangszeit zurück. Wie die beiden jüngeren Söhne aussehen, weiß er allerdings nicht, seine Augenerkrankung war zu dem Zeitpunkt schon zu weit fortgeschritten. Dieser Satz, den er mir im Vorbeigehen  sagt, bleibt mir das gesamte Gespräch über im Kopf. Wie ist es, seine eigenen Kinder nicht zu sehen, sondern nur noch hören zu können? Für mich unvorstellbar.

Seit vielen Jahren hilft er auch Menschen, die bald erblinden, den Übergang in die Dunkelheit zu erleichtern. Seine Worte zeigen viel Einfühlungsvermögen und Verständnis für die Angst vor dem Unbekannten und helfen auch mir, die Scheu vor seiner Erblindung zu verlieren. Ich merke, wie er mir gegenüber immer offener wird und aus seinem Leben erzählt. Besonders berührt hat mich der Umgang zwischen ihm und seiner Frau, die ihn immer wieder an der Hand durch seinen Garten führt. Denn obwohl er seit Jahren nichts mehr sieht, pflegt er diesen noch immer alleine.

Alfred Schwegler ist blind, kennt sich trotzdem bestens in seinem Garten aus. In manchen Momenten muss ihn trotzdem seine Frau Gerlinde an der Hand führen.

Zwar bin ich nach solchen Terminen emotional immer völlig geschafft und geplättet. Dennoch nehme ich auch viel für mich mit und freue mich, dass mir fremde Menschen so einen privaten Einblick in ihr außergewöhnliches Leben gegeben haben.