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Jeden Tag ein Abenteuer

Einblicke ins wahre Leben: Alltag eines Gerichtsreporters

Die Presse wird oft als "Vierte Gewalt" bezeichnet. Als Reporter trägt man eine große Verantwortung. Foto: Tanja Gimmi

Die Gerichtsberichterstattung ist jedes Mal aufs neue ein Abenteuer. „Schreib alles mit, was Du für wichtig hältst“, gibt mir meine Kollegin in der Lokalredaktion vor dem ersten Einsatz als Reporter mit auf den Weg. „Na super“, denke ich mir. Was ist denn alles wichtig? Die vielen guten Tipps aus unserem siebenwöchigen Einführungskurs sind zwar nicht vergessen, doch in der Praxis ist man auf sich alleine gestellt, macht vieles intuitiv. Eine leichte Aufregung ist schon da beim ersten Mal. 

Mein erster Einsatz als Gerichtsreporter

Mit Block und Stift schreite ich ins Amtsgericht, Audio-Mitschnitte während der Verhandlung sind ja verboten. Im Gericht angekommen packe ich mein Hab und Gut aus, denn zuerst muss ich durch die Sicherheitsschleuse. „Sie sind von der Presse, oder?“, fragt mich ein Justizbeamter. Ich zeige ihm meinen Presseausweis und erhalte prompt ohne Kontrolle Zugang ins Gebäude – andere Gäste müssen warten und schauen mich skeptisch an.

An der Tafel erfahre ich, wo „mein“ Prozess stattfindet. Ich bin natürlich viel zu früh da. Der Verhandlungssaal ist noch abgesperrt, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Ich setze mich auf die Wartebank – dort, wo normalerweise die Zeugen Platz nehmen. Die Bank fühlt sich nicht gut an, etwas hart.

„Sie sind ein Zeuge?“ werde ich plötzlich hinterrücks von einem mir unbekannten Mann angesprochen. „Nein, nein, ich schaue nur zu“, antworte ich. Wie sich später herausstellt, sprach mich der Verteidiger an. Wäre ich ein Zeuge gewesen, was wollte er von mir? Eine Antwort werde ich wohl nie erhalten.

Die Mitschrift ist ein Fall für Grafologen

Nach einer gefühlten Ewigkeit versammeln sich immer mehr Menschen vor dem Saal. Gleich geht es los. Drinnen suche ich mir einen Platz mit guter Sicht auf die Anklagebank. Ich beobachte das Verhalten des mutmaßlichen Täters, schaue ihm in die Augen. Er ist ein 23-Jähriger, der viel auf dem Kerbholz haben soll: gefährliche Körperverletzung, Beamtenbeleidigung und Bedrohung. So gefährlich schaut er gar nicht aus.

Die Staatsanwaltschaft braucht über fünf Minuten, um die Anklageschrift zu verlesen. Mir tut bald die Hand weh.Audio-Aufzeichnungen sind im Gerichtssaal verboten. Deshalb gilt, mitzuschreiben. Je schneller, desto besser. Foto: Oliver Wolff Muss ich wirklich alles mitschreiben? Schließlich sollte mein Gekrakel halbwegs entzifferbar bleiben. Schnell komme ich zum Entschluss, mich auf Stichpunkte zu beschränken – sozusagen als Gedächtnisstütze.

Tiefgründige Zitate schreibe ich im Wortlaut mit. Das sind Sätze wie „um mich und mein Verhalten zu verstehen, müssen Sie in meiner Vergangenheit herumwühlen, und das möchte ich nicht“. Etwa 90 Minuten lang geht meine Premiere im Gericht. Zurück in der Redaktion haue ich das Erlebte in die Tasten, es muss ja schließlich aktuell ins Blatt. Das Schreiben geht schneller als gedacht, ich benötige kaum Blicke in meine Notizen.

Bei spannenden Kriminalfällen hautnah dabei

Mein Rekord bezüglich der Dauer von Gerichtsverhandlungen liegt mittlerweile bei fünfeinhalb Stunden. Das heißt, fünfeinhalb Stunden Konzentration. Und wichtig dabei: Bei kurzen Unterbrechungen sofort aufstehen, den Saal verlassen und die eingeschlafenen Füße vertreten. Langes Sitzen auf harten Stühlen ist der Preis für spannende Kriminalfälle.

Zum Beispiel wird eine Mutter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem sie ihren Sohn dazu angestiftet hat, Drogen in der Schule zu verticken. Oder ein Ingenieur wird aus der U-Haft in Handschellen vor den Richter geführt, weil er bei einem Automobilzulieferer 220 Gigabyte Daten, darunter geheime Forschungsergebnisse, gestohlen und Konkurrenzherstellern zum Kauf angeboten hat.

Wer sind die, die so etwas machen? Was sind ihre Beweggründe? Im Gericht erfahre ich etwas über ihre Herkunft, ihre Vita. Manche Angeklagten zeigen Gefühle, andere verstarren stundenlang, geben keinen Mucks von sich und lassen nur ihre Anwälte sprechen. Oft sind die Beschuldigten äußerlich total unscheinbare Menschen. Menschen, die meine Nachbarn sein könnten.

Gerichtstermine: Im Journalismus sind sie unentbehrlich

Was ich mir im Nachhinein oft denke: Viele Urteile fallen milde aus. Aber das ist nur meine persönliche Wahrnehmung, auch geschuldet meiner noch wenigen Erfahrung. Mit mehr Routine verstehe ich vielleicht manches Strafmaß besser. 

Als Gerichtsreporter habe ich wichtige Aufgaben: Zum einen ist die Presse eine Art Kontrollinstanz, auch wenn das Staatsanwaltschaft und Richter möglicherweise ungern hören wollen. Zum anderen kann ich mit meinen Berichten der Öffentlichkeit einen Einblick in juristische und gesellschaftliche Angelegenheiten geben. 

Oft kommen die Erfahrungen der Opfer zu kurz – in Verhandlungen und in der Berichterstattung. Das ist ein Problem. Viele sagen, im Gericht spiele sich das „wahre Leben“ ab. Für Beobachter kann ein Besuch im Gericht eine wertvolle Erfahrung sein. Journalisten wird oft vorgeworfen, in einer Filterblase zu leben – manchmal zu Recht.