Kategorie: Jeden Tag ein Abenteuer

Jeden Tag ein Abenteuer

Einmal Ungarn und zurück

Simon Erno, ungarischer Sprecher des UNHCR, schildert Volontär Daniel Weber, wie es am Bahnhof Keleti in Budapest vor fünf Jahren zuging. Bild: Max Kramer

Erst konnte ich kaum glauben, was mir mein Volontärs-Kollege Max Kramer da sagte. Das Journal-Ressort der Augsburger Allgemeinen hatte ihm angeboten, für unsere Samstagsbeilage eine große Reportage über den Beginn der Flüchtlingskrise zu schreiben, der sich bald zum fünften Mal jähren würde. Damals kamen innerhalb weniger Wochen zigtausende Menschen über die Balkanroute am Münchner Hauptbahnhof […]

Erst konnte ich kaum glauben, was mir mein Volontärs-Kollege Max Kramer da sagte. Das Journal-Ressort der Augsburger Allgemeinen hatte ihm angeboten, für unsere Samstagsbeilage eine große Reportage über den Beginn der Flüchtlingskrise zu schreiben, der sich bald zum fünften Mal jähren würde. Damals kamen innerhalb weniger Wochen zigtausende Menschen über die Balkanroute am Münchner Hauptbahnhof an. Für die Recherche sollte Max die damals wichtigen Stationen von München bis Budapest selbst in Augenschein nehmen. Eine Wahnsinns-Geschichte! Und das Tollste daran: Ich sollte mich mit ihm zusammen auf den Weg machen.

Natürlich sagte ich sofort zu. Wie viele spannende Erlebnisse und wie viel Arbeit ich mir damit beschert hatte, ahnte ich das erste Mal, als wir das Projekt mit den Kollegen durchsprachen. Max und ich bekamen freie Hand: Wir sollten die wichtigen Orte auf der Flüchtlingsroute abklappern und uns dort von Zeitzeugen erzählen lassen, wie es damals war. Etwa fünf Tage dürfe die Reise dauern, die Kosten trage die Redaktion.

Als Volontär die Recherchereise selbst planen

So viel Freiraum bedeutete eine Menge Organisationsaufwand im Vorfeld. Max und ich stürzten uns in die Recherche, bis wir genau wussten, wann, wo und warum vor fünf Jahren welche Flüchtlinge unterwegs gewesen waren. Wir entwarfen eine Reiseroute, die uns von München über alle damals wichtigen Stationen durch Österreich in die ungarische Hauptstadt Budapest führen würde. Dort hatte die Flüchtlingskrise für Deutschland ihren Anfang genommen.

Nachdem wir die Strecke geklärt hatten, ging es los mit dem Telefonieren und Mail-Schreiben. Wir kontaktierten Organisationen und Behörden in Deutschland, Österreich und Ungarn auf der Suche nach passenden Gesprächspartnern, die damals involviert waren und sich mit uns vor Ort treffen würden. Dabei saß uns immer die Zeit im Nacken: In wenigen Tagen sollte es losgehen, aber ausgerechnet in München, unserer ersten Station, hatten wir lange kein Glück. Alle vielversprechenden Kontakte waren entweder gerade im Urlaub, hatten am fraglichen Tag keine Zeit oder wollten wahlweise ihren Namen oder ihr Foto nicht der Öffentlichkeit preisgeben.

Kommunikationsprobleme am Telefon

Außerdem gestaltete sich die Kommunikation mit den ungarischen Quellen sehr schwierig, weil wir kein Ungarisch können und viele Ungarn offenbar nicht nur kein Deutsch, sondern auch kein Englisch. Aber schließlich hatten wir Polizisten, Helfer von Nicht-Regierungsorganisationen, Flüchtlinge, Anwohner, Bürgermeister, Bahnhofspersonal und sogar den ehemaligen österreichischen Kanzler Christian Kern für unsere Geschichte gewinnen können.

Weil wir auch für das Bildmaterial selbst sorgen sollten, suchten wir uns vor unserer Reise viele Archivfotos zusammen, die an den Orten aufgenommen worden waren, die wir besuchen wollten. Wir hofften, einige der Plätze wiederzufinden und wollten vorher-nachher-Aufnahmen machen. Mit den Online-Kollegen planten wir außerdem Videos für eine Multimedia-Reportage und eine Instagram-Story. Dann deckten wir uns mit allerlei Kabelgewirr, Handy, Mikrofon, Kamera, Stativ, Laptop und einer großen Packung Masken ein und reservierten einen Dienstwagen. Und los ging’s.

Journalismus kann ziemlich anstrengend sein

Unterwegs lief einfach alles glatt. Wir hatten uns genau die richtigen Gesprächspartner geangelt, genau die richtigen Schauplätze ausgesucht, sogar die Aufnahmeorte der Archivbilder fanden wir wieder. Nur für Sightseeing blieb leider keine Zeit, weil wir immer entweder einen Zeitzeugen interviewten, fotografierten oder filmten, irgendwo auf Spurensuche waren oder auf dem Weg zum nächsten Termin im Auto saßen. Nach dem Check-in im Hotel, einem Abendessen und einer abschließenden Lagebesprechung waren wir immer so müde, dass wir froh waren, ins Bett zu dürfen. Denn am nächsten Morgen ging es schon früh wieder los.

Eine Zeitzeugin zeigt Volontär Max Kramer, wo die Flüchtlinge vor fünf Jahren über den Grenzfluss zwischen Salzburg und Freilassing nach Deutschland kamen. Bild: Daniel Weber

Eine Zeitzeugin zeigt Volontär Max Kramer, wo die Flüchtlinge vor fünf Jahren über den Grenzfluss zwischen Salzburg und Freilassing nach Deutschland kamen. Bild: Daniel Weber

Dafür erfuhren wir in den fünf Tagen so viele spannende Geschichten, dass wir sie unmöglich alle in der Reportage unterbringen konnten. Die zu schreiben war eine Menge Arbeit: Sechs Seiten Platz bekamen wir in der Samstagsbeilage für unsere Texte. Unsere Geschichten und die vorher-nachher-Bildpaare kamen bei den Kollegen gut an, aber noch war die Arbeit nicht erledigt. Die Videos mussten für die Multimedia-Reportage (hier verlinkt) und die Instagram-Story geschnitten, der Artikel für das Netz mit weiteren Bildern aufgehübscht, Facebook-Kacheln zum Verlinken gebaut werden, und, und, und.

Aber am Ende hat sich der ganze Aufwand mehr als gelohnt. Obwohl einige unserer Kollegen selbst vor fünf Jahren über die Flüchtlingskrise berichtet hatten, sagten sie, dass sie beim Lesen der Reportage viel Neues erfahren hätten. Abgesehen davon war es eine tolle Erfahrung, ein so großes Projekt so selbstständig durchführen zu können. Und bei schönstem Sommerwetter hatte das Arbeiten direkt am Grenzfluss zum österreichischen Salzburg, im für Passanten gesperrten Bereich der österreichisch-ungarischen Zollstation oder in der Altstadt von Budapest immer auch einen Touch von Urlaub.

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein Reich nur für den Volo

Bei der Augsburger Allgemeinen muss man nicht erst Redaktionsleiter werden, um ein geräumiges Büro für sich allein zu haben. Zumindest für einen Monat kommt man in diesen Genuss schon als Volontär – und darf sich in aller Ruhe mit Geschichten rund um Mensch und Tier beschäftigen. Tom Trilges schreibt über vier Arbeitswochen, die nur einen kleinen Makel hatten.

Was macht eigentlich ein Projektvolontär? Zugegeben, der Name ist in etwa so nichtssagend wie „Volontär für besondere Aufgaben“ oder „Volontär im Spezialeinsatz“. Tatsächlich sind die Aufgaben, die hinter dem Titel stehen, deutlich konkreter zugeschnitten. Der Projektvolontär betreut im Wesentlichen drei Bereiche: die Mensch-und-Tier-Seite, die Schule-Seite und den Voloblog. Außerdem wird er tatsächlich projektbezogen eingesetzt, wenn beispielsweise das medienpädagogische Projekt der Augsburger Allgemeinen „Zeitung in der Schule“ (kurz ZiSCH) es erfordert – oder wenn Ausbildungsmessen, Berufsfindungstage an Schulen, Schülermedientage oder Ähnliches anstehen. Einen Monat lang darf jeder Volontär der Augsburger Allgemeinen während seiner Ausbildung den Posten besetzen.

Das ist mit einem einmaligen Vorzug verbunden: Um sich ohne Störungen diesen wichtigen Dingen anzunehmen, pachtet der Projektvolontär ein geräumiges Büro ganz für sich allein. Die Arbeitszeiten bestimmt er weitgehend selbst, nur die Leistung muss am Ende stimmen. Das heißt: Zu bestimmten Terminen müssen entweder Text- oder Bilderseiten zu Mensch-und-Tier-Themen oder Schule-Seiten fertig sein. Abgenommen werden sie von der Ausbildungsleiterin Stefanie Sayle.

Zu Beginn des Monats darf der Projektvolontär seine Ideen für Artikel vorstellen und diese nach Absprache mit Stefanie Sayle in weitgehender Eigenverantwortung angehen. In einem Schrank schräg gegenüber des Arbeitsplatzes befindet sich Material für spezielle Zeitungsseiten: Neben den klassischen Textseiten gehören auch solche mit Tierbuch-Rezensionen zu den Arbeitsaufträgen. Stundenlang kann sich der Projektvolontär also mit Pferdeerziehung, Vogelführern oder Anleitungen zur Hundehaltung beschäftigen.

Projektmonat Volontäre

Die Beschäftigung mit Tierbüchern ist eine der vielen spannenden Aufgaben des Projektvolontärs.

Während es in den beschriebenen Bereichen darauf ankommt, selbstständig seine Themen voranzutreiben, ist der Projektvolontär im dritten Aufgabenfeld, dem Voloblog, ganz gewaltig von seinen lieben Volontärskollegen abhängig. In schöner Regelmäßigkeit kündigen die tolle Geschichten an, die sie für den Blog schreiben wollen – nur damit ihnen wenig später auffällt, dass sie es neben dem stressigen Redaktionsalltag gerade zeitlich nicht schaffen. Die wichtigste Eigenschaft des Projekvolontärs lautet also: Beharrlichkeit.

Klingt die bisherige Jobbeschreibung überwiegend positiv, sei auch auf einen kleinen Makel des Projektmonats ehrlich hingewiesen. Erwischt es einen in den Sommermonaten, muss man recht hitzeunempfindlich sein. An sehr warmen Tagen gleicht das Büro ab mittags eher einer Sauna. In diesen Stunden fragt sich der Projektvolontär, zumindest war es bei mir so, ob es nicht doch angenehmer ist, mit den Kollegen das Klimaanlange-gekühlte Großraumbüro in der Zentrale der Augsburger Allgemeinen zu teilen, obwohl das mitunter mit einem höheren Geräuschpegel und dem unfreiwilligen Mitlauschen teils verstörender Gespräche verbunden ist. Wer also ein Büro alleine UND gekühlt haben will, der muss wohl oder übel Karriere machen und in die Führungsriege der Zeitung aufsteigen – so ein Pech aber auch.

Jeden Tag ein Abenteuer

Volontärin kommt (400 Meter) hoch hinaus

Nach Monaten im Homeoffice können die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule in ihrem Lokaljahr bei der Augsburger Allgemeinen jetzt endlich die Gegend erkunden. Die Volontärin in Aichach wird sich an drei ihrer Geschichten noch lange erinnern.

Lokaljournalismus. Das bedeutet für mich rausgehen, mit Leuten reden. Ständig unterwegs sein und möglichst viele Menschen in der Umgebung kennenlernen. Kurz: Karla Kolumna sein. Diesem Vorhaben stand recht früh in meinem Lokaljahr etwas im Weg: Wegen Corona sollte ich lange nicht auf Termine fahren, war zwei Monate lang im Homeoffice. Dabei ist die Region um Aichach, das Wittelsbacher Land, wunderschön und voller Geschichten.

Jetzt im Sommer hat sich die Arbeit zum Glück einigermaßen normalisiert. Inzwischen bin ich oft draußen unterwegs, lerne Leute und Gegend endlich kennen. Das Gericht, das Freibad, die Wochenmärkte. Viele Orte und Termine. Drei Geschichten haben es mir aber besonders angetan: eine Nachtschicht mit den First Respondern, eine Weizenernte und eine Heißluftballonfahrt.

Volontärin der Günter Holland Journalistenschule übernachtet im Feuerwehrhaus

First Responder sind ehrenamtliche Helfer, die Versorgungslücken im ländlichen Raum schließen. In Aindling zum Beispiel gibt es nachts keinen professionellen Rettungsdienst. Bis ein Krankenwagen aus den umliegenden Orten eintrifft, braucht es meist um die zwanzig Minuten. Bei Notfällen kann aber jede Minute entscheidend sein. Da kommen die First Responder ins Spiel.

In Aindling sind sie Teil der Freiwilligen Feuerwehr. Bei Notfällen sind sie nachts die ersten, die vor Ort sind. Für meine Reportage wollte ich bei einer Schicht dabei sein. Die First Responder waren begeistert davon, dass jemand von der Augsburger Allgemeinen sich ihre Arbeit ansieht. Als ich ankam, war mein Bett im Feuerwehrhaus bereits bezogen. Ich bekam einen „Funkpiepser“, den die First Responder so nennen, weil er bei Notfällen sehr laut piepst. Außerdem erhielt ich eine Jacke, wie sie auch die First Responder tragen.

Volontärin Marlene Weyerer mit der First-Responder-Jacke.

Ich unterhielt mich lange mit den Männern, bekam viele Geschichten erzählt. Von Einsätzen, die gut endeten. Von Patienten, denen sie nicht mehr helfen konnten. Von Bildern, die sie nicht mehr vergessen würden. In der Nacht konnte ich kaum schlafen. Die ganze Zeit hatte ich den Piepser neben mir und war nervös. Man hatte mir gesagt, wenn es piepst, müsste ich in eineinhalb Minuten unten sein. Jacke, Block und Stift lagen griffbereit neben dem Bett.

Am Ende war die Sorge umsonst. Das Einzige, was laut klingelte, war mein Handy: Der Wecker sagte Bescheid, dass die Schicht vorbei war. Komplett übernächtigt und etwas enttäuscht begab ich mich um halbsieben Uhr morgens auf den Heimweg. Trotzdem machte es Spaß die Geschichte zu schreiben. Und zumindest habe ich einen Einblick bekommen, was so eine Nachtschicht bedeuten kann.

Der Landwirt Richard Herb erntet in Sielenbach mit seinem Mähdrescher den ersten Weizen.

Mein zweites Reportage-Thema war die Getreideernte. Ich begleitete einen Landwirt aus Sielenbach bei seiner ersten Weizenernte in diesem Jahr. Als ich in den Mähdrescher kletterte, war der Bauer etwas erstaunt über die viele Ausrüstung, die es für so eine Geschichte braucht: Block und Stift in der einen Hand, mein Handy für die Instagram-Story in der anderen Hand und eine Kamera über der Schulter.

Mähdrescher sieht man ja oft genug von weitem, es ist aber etwas ganz Anderes in einem drin zu sitzen. Auch hier war das spannendste das Gespräch mit dem Landwirt, der nach einer Weile sehr locker erzählte. Die gewohnte Umgebung hat da sicherlich geholfen. Zwischenzeitlich durfte ich mich auch mal auf den Fahrersitz setzen und Weizen ernten.

Ausblick auf das Wittelsbacher Land

Ebenfalls viel anpacken konnte ich bei meinem dritten Reportage-Termin. In der Region ist häufig ein Heißluftballon mit dem Logo des Wittelsbacher Lands zu beobachten. Für die Geschichte sollte ich mal von oben herab auf das Wittelsbacher Land sehen. Morgens um 5.45 Uhr traf ich mich mit zwei anderen Mitfahrerinnen und dem Ballonfahrer in Obergriesbach. Der Wecker um 4.30 Uhr war zwar nicht angenehm, dafür verzauberte die Natur um diese Uhrzeit: Morgenröte färbte den Nebel über dem Boden rosa. Viel kitschiger kann Landschaft gar nicht aussehen. Bei dem Aufbau des Ballons mussten wir kräftig mithelfen und dann hoben wir auch schon ab. Passend mit dem Start des Heißluftballons ging die Sonne auf. Die Fahrt (Ballone fliegen nicht, sie fahren, wie mein Ballonfahrer betonte) war ein tolles Erlebnis. Und die Aussicht auf das Wittelsbacher Land wunderschön.

Mit diesen und vielen weiteren Geschichten habe ich langsam das Gefühl, Karla Kolumna näher zu kommen. Auch wenn es natürlich Jahre und Jahrzehnte braucht, sich wirklich auszukennen: Ich kenne inzwischen doch schon einige Leute aus der Region und habe viele Ecken gesehen. Auch aus ganz ungewöhnlichen Perspektiven.

Die Ballonfahrt ging über Orte, Flüsse und viele Felder.