Kategorie: Alles, was uns bewegt

Alles, was uns bewegt

Autolos von der Großstadt aufs Land

Verwöhnt von U-Bahnen im Zehn-Minutentakt bin ich aus München nach Dillingen gezogen – ohne Auto. Neben Stift, Block und Kamera eigentlich das wichtigste Arbeitsmittel für Lokaljournalisten. Geht’s auch ohne?

Verwöhnt von U-Bahnen im Zehn-Minutentakt bin ich aus München nach Dillingen gezogen – ohne Auto. Neben Stift, Block und Kamera eigentlich das wichtigste Arbeitsmittel für Lokaljournalisten. Geht’s auch ohne? (mehr …)

Alles, was uns bewegt Jeden Tag ein Abenteuer

Lokales und Mantel: im Grunde gleich, nur anders

Augsburger Allgemeine und Mindelheimer Zeitung

Im Lokal-Teil einer Tageszeitung führen wir Gespräche meist mit im Ort oder im Landkreis bekannten Persönlichkeiten. Im Mantel-Teil dagegen versuchen wir, in der Berichterstattung eine gewisse Metaebene zu erzeugen.

Das Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule ist zweigeteilt. Die erste Hälfte arbeiten die Volontäre in einer Lokalredaktion und im zweiten Ausbildungsjahr durchlaufen sie so gut wie alle Ressorts der Zentrale in Augsburg-Lechhausen. Nach knapp 11 Monaten in der Lokalredaktion Mindelheim bin ich direkt in die Politik- und Wirtschaftsredaktion gekommen.

Politik und Wirtschaft: Zwei Ressorts in einer Redaktion 

Sie ist eine der größten Redaktionen der Augsburger Allgemeinen und vereint die beiden Ressorts Politik und Wirtschaft, weil die Themen oft verzahnt sind. Politische Entscheidungen haben meistens unmittelbare Auswirkungen auf die Wirtschaft, und anders herum bestimmt die wirtschaftliche Konjunktur den politischen Diskurs. Volontäre arbeiten einen Monat in der Abteilung Politik und einen Monat in der Abteilung Wirtschaft. Aber auch hier sind die Übergänge fließend. Je nach Nachrichtenlage schreiben wir über politische Themen oder über wirtschaftliche.   

Da ich unmittelbar von der Lokalredaktion in das Nachrichten-Ressort gewechselt bin, konnte ich feststellen, wie unterschiedlich dort die Arbeit im Vergleich zum Lokalen ist. Klar, die journalistische Herangehensweise ist im Grunde gleich: Man schreibt über Themen und benötigt dafür Aussagen von Experten, von wichtigen oder interessanten Personen, die etwas zu erzählen haben.

Warum im Lokalen die redaktionelle Auswahl der Gesprächsteilnehmer anders ist

Aber die Auswahl der Gesprächsteilnehmer, die der Volontär oder der Redakteur vornimmt, ist anders. Im Lokalen führen wir Gespräche meist mit im Ort oder im Landkreis bekannten Persönlichkeiten: Das können Bürgermeister sein, Wirte, Ladenbesitzer, Vertreter von Vereinen oder Bürger aus der Region, die ihre Erlebnisse schildern möchten. Alles, was diese Menschen erzählen, ist relevant für die Leser zum Beispiel der Mindelheimer Zeitung, aber in den meisten Fällen nicht relevant für etwa die nur 25 Kilometer entfernten Leser des Lokalteils der Schwabmünchner Allgemeine.

Im Sommer 2020 besuchte ich den Mindelheimer Koch und Gastronom Peter Weyh-Immerz

Im Sommer 2020 besuchte ich den Mindelheimer Koch und Gastronomen Peter Weyh-Immerz. Bild: Oliver Wolff

Das heißt, mit einer veränderten Zielgruppe passen wir unsere redaktionelle Auswahl der Gesprächsteilnehmer an, obwohl wir oft über das gleiche, übergeordnete Thema schreiben. Die Corona-Berichterstattung in Mindelheim habe ich mit am Ort ansässigen Personen gemacht: Ärzte, Gewerbetreibende, Bürger aus und um Mindelheim. Im Mantelteil der Augsburger Allgemeinen dagegen setzen wir den Fokus bayern- und bundesweit. Da diese Artikel nicht nur in Augsburg, sondern auch im Allgäu (Allgäuer Zeitung) oder in Unterfranken (Main-Post) gelesen werden – und online potenziell im gesamten deutschsprachigen Raum.

Im Mantel ist die Recherche meist aufwändiger

Wir sprechen zum Beispiel mit Bundesvereinigungen, Bundesvorständen oder Bundespolitikern, um eine gewisse Metaebene in der Berichterstattung zu erzeugen. Während im Lokalen die Gesprächspartner in den meisten Fällen Protagonisten sind, hat im Mantel vor allem das Thema Priorität. Nicht selten fragen wir mehrere Gesprächspartner, zum Beispiel Regierung und die Opposition – um Aussagen und vermeintliche Fakten zu verifizieren. Oder um einen Widerspruch darzustellen. In einem Artikel über die geplante Einführung einer Bürgernummer habe ich zum Beispiel sechs Personen zu Wort kommen lassen, unter ihnen zwei Universitätsprofessoren, um die Pläne der Bundesregierung einzuordnen. Eine solch aufwendige Recherche gibt es im Lokalen meistens nicht.

Nichtsdestotrotz, die journalistischen Maßstäbe bleiben gleich, egal ob wir im Lokalen ein Interview mit dem Landwirt aus dem Nachbarort führen oder im Mantel mit einem führenden Politiker: Neutralität ist für den Autor das oberste Gebot. Es ist immer besser, wenn der Autor jemanden zitiert, als seine eigene Einschätzung zu einem Thema zu geben. Denn die eigene Meinung ist nie objektiv.

Alles, was uns bewegt

Zero Waste: Weniger Plastikmüll im Volontariat

Volontärin Lisa Gilz möchte auch während des Volontariats an der Günter Holland Journalistenschule möglichst auf Plastikmüll verzichten.

Als Studentin plastikfrei leben, um dann im Volontariat wieder in alte Muster zu verfallen? Das kann es doch nicht sein, dachte sich Volontärin Lisa Gilz und fasste einen Plan.

So, für das Thema muss ich erstmal zwei Jahre ausholen. Damals war ich noch Studentin und habe bei der Augsburger Allgemeinen als freie Mitarbeiterin gearbeitet. Angeregt durch verschiedene Umstände startete ich einen siebentägigen Selbstversuch: Ziel war es, möglichst Plastikfrei zu leben und unnötigen Müll zu vermeiden. Da mir das Ganze am Herzen lag, hatte ich mit meiner Redaktion vorab gesprochen und es als Thema vorgeschlagen. Rückblickend auf den Artikel und die sieben Videos, die ich für den Online-Auftritt der Augsburger Allgemeinen gemacht habe, bin ich enttäuscht von mir selbst, dass von dieser Motivation so wenig übrig geblieben ist. Nicht nur die Pandemie, auch der Start in den Arbeitsalltag als Volontärin, haben sich negativ darauf
ausgewirkt, wie konsequent ich meine eigene Umweltpolitik umsetze.

Beim Pendeln im Volontariat in die Plastikfalle getappt

In den letzten Monaten musste ich neu lernen, wie ich möglichst Zero Waste durch den Alltag komme. Dazu gehörte unter anderem, den inneren Schweinehund erneut zu überwinden. Die Entscheidung, jeden Tag mit dem Zug von Augsburg nach Nördlingen, wo meine Lokalredaktion liegt, zu pendeln, machte das zunächst nicht einfach. Statt morgens etwas von zuhause einzupacken, nahm ich mir lieber Frühstück beim Bäcker mit. Die Menge des Mülls, den ich allein durch Bäckertüten anhäufte, machte sich im Eimer unter meinem Arbeitsschreibtisch schnell bemerkbar. Dazu kamen die Artikel, die ich zur Korrektur ausdruckte und die Verpackung meines Mittagessens, das ich mir irgendwo zu Mitnehmen organisierte. Von den gebrauchten Masken, Notizzetteln, oder anderem kleinerem Müll mal abgesehen.

Ziel: Auch als Journalistin weniger Plastikmüll erzeugen

Zeit für Selbstreflektion: Meine Handhabung mit Müll musste sich unbedingt wieder ändern, der meiste Abfall war schließlich das Produkt meiner eigenen Faulheit. Die Rieser Nachrichten,
meine Lokalausgabe, und ihre Mitarbeiter machten mir den Anfang ein bisschen einfacher. Meine Kollegen versuchen ebenfalls, wenig Müll zu produzieren und halten in einer Schublade mehrere
Dosen und Becher bereit, um damit beim Bäcker, im Restaurant oder Café auf Einwegverpackungen verzichten zu können. Nördlingen hat zudem einen Unverpackt Laden, der an zwei Tagen warmen Mittagstisch anbietet. Das Mitbringen einer Dose wird hier erwartet, während in anderen Restaurants Mehrwegprodukte aus dem Privatgebrauch nicht angenommen werden, weil
Einwegverpackungen in der Pandemie hygienischer sind.

Gemüseschalen wandern in den Gefrierschrank, um Müll zu vermeiden.                   Foto: Lisa Gilz

Zuhause habe ich wieder angefangen, Jutebeutel, Brotdose und Thermobecher in meinen Rucksack zu packen. Ich werde immer besser darin, beim Wocheneinkauf Verpackung zu vermeiden. Die meisten Gemüseschalen und Abschnitte wandern in eine Sammeltüte im Gefrierschrank. Daraus kann man prima eine Brühe kochen. Abends koche ich die doppelte Menge, damit ich am nächsten Tag mein Mittagessen bereits dabei habe. Das spart nämlich nicht nur Müll, sondern auch Geld.

Die Augsburger Allgemeine Zeitung wiederverwenden

Als Journalist, der mit Stift und Papier durch die Welt läuft, gibt es einzelne Punkte, die ich noch nicht ganz dem Zero-Waste Lifestyle unterziehen konnte. Da sind zum Beispiel meine Blöcke, die ich nutze um Gespräche festzuhalten und die vielen Kugelschreiber, die sich fast wie von selbst leer schreiben. Ganz abgesehen mal davon, dass die gedruckte Tageszeitung selbst ein Einwegprodukt ist. Doch muss sie nicht gleich weggeschmissen werden. Am Erscheinungstag informiert sie mich und später lässt sich eine Biomülltüte daraus falten, Gläser können damit sicher verstaut und Geschenke verpackt werden. Die Liste Zeitung zu upcyceln ist lang.

Fazit: Das Vorhaben, unnötigen Müll zu vermeiden, erschien mir am Anfang des Volontariats an der Günter Holland Journalistenschule wie etwas Unüberwindbares, für das ich weder die Zeit noch die Motivation aufbringen könnte. Aber wie vor zwei Jahren, musste ich wieder einmal feststellen, dass es einfach Gewohnheitssache ist. Ist man einmal in dem Rhythmus drin, fällt es einem auch nicht mehr so schwer. Zurzeit arbeite ich aus dem Homeoffice, das macht sich positiv in der Müllstatistik bemerkbar. Wer das Haus nicht verlässt, schleppt auch keinen fremden Müll ins eigene Heim. Wenn ich wieder nach Nördlingen pendle, nehme ich mir fest vor, weiter die Augen nach unnötigem Müll offenzuhalten und alternative, müllfreie Lösungen zu finden.