Kategorie: Alles, was uns bewegt

Alles, was uns bewegt

Sprachkurs jenseits des Weißwurstäquators

„Käsebrötchen oder Käsesemmel? Volontärin Katja Neitemeier lernt in ihrem Volo nicht nur redaktionelle Abläufe, sondern auch eine ganz neue Sprache.“

Von Norddeutschland zog Katja Neitemeier für das Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule nach Bayern – Kulturschock und Verständigungsprobleme inklusive.

Von Norddeutschland zog ich fürs Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule nach Bayern – Kulturschock und Verständigungsprobleme inklusive.

Ich komme aus Westfalen. Das hat sich bisher für mich nie richtig nach Norddeutschland angefühlt. Seitdem ich in Augsburg lebe, ist das anders. Für mein Volontariat zog ich Ende Dezember mit Sack und Pack nach Bayern. Hier werde ich in diesem Jahr die Redaktion der Aichacher Nachrichten, einer Lokalausgabe der Augsburger Allgemeinen, unterstützen. Zwischen meinem Heimatort und Aichach liegen zwar über 600 Kilometer, trotzdem dachte ich: „So groß werden die Unterschiede zwischen Bayern und Westfalen schon nicht sein.“ Falsch gedacht! Als waschechte Westfälin muss ich mich noch an die ein oder andere bayerische Eigenart gewöhnen.

„Können Sie das bitte wiederholen?“

Da ist natürlich vor allem diese Sache mit der Sprache. Ein „Pfiad di“ oder „Servus“ kommt mir bislang noch nicht flüssig über die Lippen. Die ersten Sprachbarrieren zeigten sich bereits vor Beginn meines Volontariates.

Ich suchte ein Zuhause in Augsburg. Nach vielen E-Mails und einigen Telefonaten drang ich bis zu dem Vermieter einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung am Augsburger Königsplatz durch. Voller Vorfreude rief ich ihn an, bereit mich von meiner besten Seite zu zeigen. Es läutete. 

Mit einem Knacken wurde der Telefonhörer abgenommen. Und dann verstand ich kein Wort mehr. Ein älterer Herr mit starkem Dialekt redete auf mich ein, stellte Fragen und lachte zwischendurch. Hochkonzentriert hörte ich zu. „Entschuldigung, das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden“, sagte ich einige Male. Der ältere Herr ließ sich nicht beirren. Er redete genauso unverständlich weiter, nur lauter. Nach geschlagenen zehn Minuten gab ich auf. Die Wohnung habe ich nicht bekommen. Inzwischen habe ich einen Unterschlupf gefunden, samt Vermieterin, mit einem weniger stark ausgeprägten Dialekt.

Verwirrung in der Bäckerei 

Seit Februar arbeite ich in der Lokalredaktion in Aichach. Dort, südlich des Weißwurst-Äquators, kommt es schon das ein oder andere Mal zu Verständigungsproblemen. Das beginnt schon früh morgens. Wenn es mal wieder schnell gehen muss, hole ich mir oft ein belegtes Brötchen in der Bäckerei. Richtig gelesen: Ich kaufe „Brötchen“ und keine „Semmel“. Die Verkäuferin hält dann einen Moment inne und schaut mich etwas skeptisch an. Schließlich legt sie die gewünschte Backware aber doch auf den Tresen. Mein Frühstück habe ich immer noch bekommen. Aber ähnlich wie mein fast-Vermieter sprechen auch die Verkäuferinnen hinter dem Tresen immer besonders laut mit mir, wenn sie merken, dass ich „zugezogen“ bin. 

Damit enden aber nicht die sprachlichen Barrieren. In meinem Kopf herrscht auch bei dem Wort „Krapfen“ Verwirrung. In meiner Heimat heißen die nämlich „Berliner“.  Bei meinem nächsten Besuch in der Bäckerei war ich jedoch auf dieses Hindernis vorbereitet. Ich holte tief Luft und bestellte tatsächlich einen „Krapfen“.

Es ist ein bisschen so, als ob ich noch einmal eine neue Sprache lerne. Auf wenig kann ich, die ohne Dialekt aufwuchs, mich verlassen. Ein „s“ wird hier gerne mal zu einem „sch“ und auch ein gerolltes „R“ ist in diesen Breitengraden keine Seltenheit. Manche Wörter klingen in meinen norddeutschen Ohren mysteriös. Da wäre zum Beispiel der Ausdruck „heuer“. Erst dachte ich, dass er so viel wie „heute“ bedeutet. Inzwischen weiß ich es besser. „Heuer“ heißt nichts anders als „in diesem Jahr“.

Ich werde während meiner Zeit in Aichach nicht nur zur Redakteurin ausgebildet, sondern auch zur Wort-Detektivin. Mit gespitzten Ohren laufe ich durch die Straßen. Immer auf der Suche nach neuen Wörtern und Ausdrücken. Mein Jahr in Aichach ist also beides: Volontariat und Intensivsprachkurs.

Und plötzlich sind alle nett

Es gibt aber auch noch andere Dinge, über die ich mich nach mittlerweile drei Monaten immer noch wundere. Zum Beispiel sind alle Menschen sehr nett, sogar die Busfahrer. Aus meiner Heimat bin ich es gewöhnt, dass Busfahrer eher ein einsilbiger Menschenschlag sind. In Augsburg und in Aichach ist das ganz anders. Dort wurde mir von den Fahrern immer genau erklärt, in welchen Bus ich steigen solle. Einmal ist sogar jemand ausgestiegen und hat mir die richtige Bushaltestelle gezeigt.

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Wie viel Nähe verträgt guter Journalismus?

Volontär Michael Postl (links) mit SPD-Politiker Kevin Kühnert.

Der Volontär hat während seiner Zeit als Lokaljournalist viele nette Menschen kennengelernt. Würde er sich von ihnen auch auf ein Bier einladen lassen?

Drei Freunde habe sie in der ihr zugeteilten Stadt, sagte mir unlängst eine Lokalredakteurin der Augsburger Allgemeinen. NUR drei muss man fast sagen, ist sie doch einen Katzensprung entfernt aufgewachsen und nicht nur deshalb in der Gegend tief verwurzelt. Bekannte, ja, da gibt es viele. Man könnte die halbe Stadt aufzählen, die meisten Bewohner und Bewohnerinnen kennt sie seit über 20 Jahren. Uns Volontären bleiben dagegen nur elf Monate in unserer Lokalzeit, in denen wir Kontakte knüpfen, pflegen und wieder aufgeben dürfen, beziehungsweise müssen.

Ich mag Christian Bräuninger (Name geändert). Er ist Gemeinderat in dem 6000-Seelen-Ort, den ich während meiner Zeit in der Friedberger Redaktion der Augsburger Allgemeinen lokalpolitisch betreut habe. Er unterstützt denselben Fußballverein wie ich und hat mir schon einige Male Hintergrundwissen vermittelt, das man sich in elf Monaten kaum aneignen kann: Strömungen, Meinungen, Entwicklungen innerhalb der Gemeinde, die für eine umfassende und ganzheitliche Berichterstattung unabdingbar sind. Er ist da nicht der einzige, ich könnte drei, vier weitere Rätinnen und Räte aufzählen, die ich sehr schätze. Von ihnen meldet sich aber eben niemand mit „Mölders“, dem Nachnamen meines Lieblingsspielers am Telefon, um sich einen Scherz zu erlauben.

Würde sich der Volontär sein Bier bezahlen lassen?

Christian Bräuninger ist auch sicherlich ein Mensch, mit dem ich ein Bier trinken würde. Würde ich es mir aber bezahlen lassen? Schwierig. Die Faustregel im Journalismus ist, wie mir ein ehemaliger Chef mal sagte, dass ein Geschenk nicht mehr kosten dürfe „als a Veschber“ – eine kleine Brotzeit also. Journalisten werden oft eingeladen und beschenkt, abhängig davon, worüber man berichtet. Die Bauersfrau drückt einem noch einen Salatkopf in die Hand, der Getränkehersteller ein paar Flaschen Glühwein, der Dönerbrater einen Gutschein für ein komplettes Menü.

Die Frage ist: Verschleiert ein vollgeschlagener Bauch mir die Sinne, wenn die nette Bäuerin und der herzliche Dönermann in ihrem Unternehmen eine Verfehlung unterläuft? Und für wen berichte ich eigentlich? Letzteres ist klar – für den Leser und die Leserin. Ersteres ist da schon schwieriger zu beantworten. Ich würde den Gemeinderat auch mögen, wenn er mir kein Bier ausgibt. Wenn er sich einen Fehler leistet, berichte ich trotzdem darüber – für die Leser. Es muss aber auch keinen Salat geben, damit ich erwähne, dass die Tiere es auf dem zu beschreibenden Bauernhof gut haben. Wäre das nicht der Fall, würde ich über diese Missstände ebenfalls berichten.

Freunde sind okay, auch im Journalismus

Journalisten sind die Anwälte ihrer Leser, sie berichten nicht nur, sondern enthüllen, beeinflussen, auch wenn sie sich noch so sehr um Objektivität bemühen, und polarisieren. Im Lokalen ist das nicht ganz einfach, da kann es auch mal sein, dass einem auf die Schulter geklopft wird für einen Text. Was womöglich als Lob gemeint ist, kann einem, der ein kritischer Journalist sein möchte, auch ein Dorn im Auge sein.

Fazit: Freunde sind okay, auch im Journalismus. Aber der wahre Freund ist immer der, der die Wahrheit sagt. Oder eben schreibt.

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Ohne großes Händeschütteln: der Start ins Volontariat

Volontärin Lisa Gilz in der Redaktion der Rieser Nachrichten in Nördlingen. Bild: Lisa Gilz

Ihren Einführungskurs an der Günter Holland Journalistenschule hat Neu-Volontärin Lisa Gilz hauptsächlich digital erlebt. Wie es ihr dabei ergangen ist und auf was sie sich nun am meisten freut, lest ihr hier.

Als ich letztes Jahr die Zusage für einen Volontariatsplatz an der Günter Holland Journalistenschule der Augsburger Allgemeinen bekommen habe, war ich ziemlich aus dem Häuschen. Natürlich, die Pandemie war noch im vollen Gange, aber im Herbst habe ich gedacht, dass mit Abstand alles funktionieren werde. Leider kam dann die zweite Welle, mit mehr Infizierten als in der ersten und Bayern ging wieder in den Lockdown.

Neuanfänge sind etwas, das ich liebe, man wird ganz kribbelig und freut sich auf die vielen Sachen, die man lernen und die unbekannten Menschen, die man treffen wird. Besonders auf meine elf Mit-Volontäre hatte ich mich gefreut. Schließlich sind wir ein Team und bestreiten mehr oder weniger die kommenden zwei Jahre zusammen. Nach mehreren Updates war dann Anfang des Jahres klar, dass wir uns erstmal nur über Videoanrufe sehen würden. Anstatt sieben Wochen gemeinsam in einem Raum die Grundlagen des Journalismus zu lernen, lief alles virtuell ab, ohne großes Händeschütteln.

Die meiste Zeit des Volo-Einführungskurses nahmen Online-Meetings in Anspruch

Anstatt dass wir in den Seminarräumen der Augsburger Allgemeinen saßen, wurden wir schon in unsere Lokalredaktionen geschickt. Ein Vorteil, den die Volontäre vor uns noch nicht hatten. Hier konnten wir uns an das Redaktionsgeschehen herantasten, wenn wir Luft nach den Online-Seminaren hatten. Ich konnte dadurch auch meinen Vorgänger noch treffen, mich an die neue Umgebung in Nördlingen gewöhnen und in den Rhythmus der Rieser Nachrichten kommen. Die meiste Zeit nahmen aber die Online-Meetings in Anspruch. Technische Probleme wurden meist schnell beseitigt und uns wurde das Wichtigste an die Hand gegeben, um im Redaktionsalltag zurecht zu kommen.

Während unsere Seminarleiterinnen und -leiter versuchten, das Wissen best möglich zu vermitteln, gaben wir unser Bestes zueinander Anschluss zu finden. Wir haben Glück, in einer Zeit zu leben, in der das Internet eine Vielzahl an Plattformen bietet, um zusammen zu kommen. Auch wenn man sich vielleicht nur als eins von zwölf Bildchen bei einem Video-Call kennt, wurden Fragen von Anfang an in einer Chatgruppe geklärt und nach der ersten Woche ohne Video-Meetings haben wir es auch geschafft, uns virtuell zu treffen und unsere ersten Eindrücke zu teilen.

Ich sehne schon die Zeit nach der Pandemie herbei, wenn wir die praktischen Seminarteile nachholen und Exkursionen im Rahmen des Volontariats machen. Mit dem Gedanken so viele Menschen in Realität zu treffen steigt die Vorfreude auf das kommende Jahr und das kribbelige Gefühl macht sich wieder bemerkbar.