Kategorie: Jeden Tag ein Abenteuer

Jeden Tag ein Abenteuer

Die Gegend kennen lernen – jede einzelne Gemeinde

Ich sitze in einem Redaktionsauto der Augsburger Allgemeinen in der Tiefgarage, gebe eine Adresse in das Navigationssystem ein, starte den Wagen. Aus dem Radio erklingen Klassiker aus den 1970er und 80er Jahren. „Gloria, Gloria!“ ruft die Sängerin Laura Branigan mir ins Ohr. Die Kollegen, die das Auto vor mir hatten, hören am liebsten die Sender […]

Ich sitze in einem Redaktionsauto der Augsburger Allgemeinen in der Tiefgarage, gebe eine Adresse in das Navigationssystem ein, starte den Wagen. Aus dem Radio erklingen Klassiker aus den 1970er und 80er Jahren. „Gloria, Gloria!“ ruft die Sängerin Laura Branigan mir ins Ohr. Die Kollegen, die das Auto vor mir hatten, hören am liebsten die Sender Rock Antenne oder Bayern 1. Dann fahre ich in Gersthofen los. Manchmal nur ein paar Minuten in eine Nachbargemeinde, manchmal fast eine halbe Stunde in den nördlichsten oder westlichsten Winkel des Landkreises Augsburg. Manchmal durch Regen und Schneegestöber, manchmal, während die Sonne vom Himmel lacht.

Dieses Szenario wiederholt sich für mich seit Beginn meines Volontariats in der Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen in Gersthofen oft wöchentlich, im Schnitt jede zweite Woche. Und doch ist es immer wieder anders, immer wieder interessant. Im Januar hatte der Redaktionsleiter die Idee, dass meine Volo-Kollegin in Schwabmünchen (ebenfalls Landkreis Augsburg) und ich uns zusammen um eine Serie kümmern. Das Thema: Was weiß Wikipedia über den Landkreis Augsburg? Seitdem erscheint jede Woche ein Artikel über eine der 46 Gemeinden des Augsburger Landes.

Wikipedia-Artikel lesen, Gesprächspartner finden, Termin ausmachen

Die Recherche beginnt mit der Lektüre des Wikipedia-Artikels zur jeweiligen Gemeinde. Zu Auffälligkeiten, etwa kuriosen historischen Fakten oder bedeutenden Persönlichkeiten der Gemeinde, notiere ich mir Fragen. Dann gilt es, einen geeigneten Gesprächspartner zu finden. Oder mehrere. Erst frage ich die Redakteure, die den Landkreis am besten kennen, nach Tipps. Wenn ihnen niemand einfällt, rufe ich die Kreisheimatpflegerin oder den Bürgermeister der jeweiligen Gemeinde an. Spätestens dann fällt ein Name – ein Chronist, ein ehemaliger Lokalpolitiker, oder einfach ein Alteingesessener, der seinen Ort in- und auswendig kennt. Je länger die Serie andauert, desto leichter wird es, die Experten zu einem Treffen zu überreden: Die meisten kennen die Artikel der Vorwochen schon.

Die Schwerpunkte ergeben sich während des Treffens dann meist von allein. Wissen die Gesprächspartner mehr über die Geschichte des Ortes oder erzählen sie lieber Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit? Haben sie sich mehr mit archäologischen Funden oder mit der Politik ihrer Heimatgemeinde beschäftigt? Daraus ergibt sich meist ein subjektives Porträt, was meiner Meinung nach aber eine Stärke der Serie ist. Denn für die rohen Fakten gibt es ja Wikipedia.

Erst Stress, dann Vorfreude

Direkt über alle Teile des Landkreises schreiben zu müssen (dürfen), war am Anfang herausfordernd. Der Gedanke daran, für den folgenden Montag wieder einen Teil der Wikipedia-Serie abliefern zu müssen, war manchmal etwas stressig. Wie finde ich Experten zur jeweiligen Gemeinde? Stelle ich irgendwann nur noch dieselben Fragen, weil mir nichts Neues mehr einfällt? Komme ich überhaupt dazu, mich um andere Themen zu kümmern, wenn ich jede zweite Woche einen Ort porträtieren muss? Bisher hat sich keines dieser Bedenken bestätigt.

Dafür kam es mir schon oft zu Gute, dass ich über einen Ort, aus dem es was zu berichten gab, schon einiges wusste – weil ich mit einem Alteingesessenen über den Wikipedia-Artikel gesprochen hatte. Mittlerweile freue ich mich, wenn ich weiß, dass ich in den kommenden Tagen wieder eine Gemeinde porträtieren darf.

Alles, was uns bewegt Jeden Tag ein Abenteuer

Lokales und Mantel: im Grunde gleich, nur anders

Augsburger Allgemeine und Mindelheimer Zeitung

Im Lokal-Teil einer Tageszeitung führen wir Gespräche meist mit im Ort oder im Landkreis bekannten Persönlichkeiten. Im Mantel-Teil dagegen versuchen wir, in der Berichterstattung eine gewisse Metaebene zu erzeugen.

Das Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule ist zweigeteilt. Die erste Hälfte arbeiten die Volontäre in einer Lokalredaktion und im zweiten Ausbildungsjahr durchlaufen sie so gut wie alle Ressorts der Zentrale in Augsburg-Lechhausen. Nach knapp 11 Monaten in der Lokalredaktion Mindelheim bin ich direkt in die Politik- und Wirtschaftsredaktion gekommen.

Politik und Wirtschaft: Zwei Ressorts in einer Redaktion 

Sie ist eine der größten Redaktionen der Augsburger Allgemeinen und vereint die beiden Ressorts Politik und Wirtschaft, weil die Themen oft verzahnt sind. Politische Entscheidungen haben meistens unmittelbare Auswirkungen auf die Wirtschaft, und anders herum bestimmt die wirtschaftliche Konjunktur den politischen Diskurs. Volontäre arbeiten einen Monat in der Abteilung Politik und einen Monat in der Abteilung Wirtschaft. Aber auch hier sind die Übergänge fließend. Je nach Nachrichtenlage schreiben wir über politische Themen oder über wirtschaftliche.   

Da ich unmittelbar von der Lokalredaktion in das Nachrichten-Ressort gewechselt bin, konnte ich feststellen, wie unterschiedlich dort die Arbeit im Vergleich zum Lokalen ist. Klar, die journalistische Herangehensweise ist im Grunde gleich: Man schreibt über Themen und benötigt dafür Aussagen von Experten, von wichtigen oder interessanten Personen, die etwas zu erzählen haben.

Warum im Lokalen die redaktionelle Auswahl der Gesprächsteilnehmer anders ist

Aber die Auswahl der Gesprächsteilnehmer, die der Volontär oder der Redakteur vornimmt, ist anders. Im Lokalen führen wir Gespräche meist mit im Ort oder im Landkreis bekannten Persönlichkeiten: Das können Bürgermeister sein, Wirte, Ladenbesitzer, Vertreter von Vereinen oder Bürger aus der Region, die ihre Erlebnisse schildern möchten. Alles, was diese Menschen erzählen, ist relevant für die Leser zum Beispiel der Mindelheimer Zeitung, aber in den meisten Fällen nicht relevant für etwa die nur 25 Kilometer entfernten Leser des Lokalteils der Schwabmünchner Allgemeine.

Im Sommer 2020 besuchte ich den Mindelheimer Koch und Gastronom Peter Weyh-Immerz

Im Sommer 2020 besuchte ich den Mindelheimer Koch und Gastronomen Peter Weyh-Immerz. Bild: Oliver Wolff

Das heißt, mit einer veränderten Zielgruppe passen wir unsere redaktionelle Auswahl der Gesprächsteilnehmer an, obwohl wir oft über das gleiche, übergeordnete Thema schreiben. Die Corona-Berichterstattung in Mindelheim habe ich mit am Ort ansässigen Personen gemacht: Ärzte, Gewerbetreibende, Bürger aus und um Mindelheim. Im Mantelteil der Augsburger Allgemeinen dagegen setzen wir den Fokus bayern- und bundesweit. Da diese Artikel nicht nur in Augsburg, sondern auch im Allgäu (Allgäuer Zeitung) oder in Unterfranken (Main-Post) gelesen werden – und online potenziell im gesamten deutschsprachigen Raum.

Im Mantel ist die Recherche meist aufwändiger

Wir sprechen zum Beispiel mit Bundesvereinigungen, Bundesvorständen oder Bundespolitikern, um eine gewisse Metaebene in der Berichterstattung zu erzeugen. Während im Lokalen die Gesprächspartner in den meisten Fällen Protagonisten sind, hat im Mantel vor allem das Thema Priorität. Nicht selten fragen wir mehrere Gesprächspartner, zum Beispiel Regierung und die Opposition – um Aussagen und vermeintliche Fakten zu verifizieren. Oder um einen Widerspruch darzustellen. In einem Artikel über die geplante Einführung einer Bürgernummer habe ich zum Beispiel sechs Personen zu Wort kommen lassen, unter ihnen zwei Universitätsprofessoren, um die Pläne der Bundesregierung einzuordnen. Eine solch aufwendige Recherche gibt es im Lokalen meistens nicht.

Nichtsdestotrotz, die journalistischen Maßstäbe bleiben gleich, egal ob wir im Lokalen ein Interview mit dem Landwirt aus dem Nachbarort führen oder im Mantel mit einem führenden Politiker: Neutralität ist für den Autor das oberste Gebot. Es ist immer besser, wenn der Autor jemanden zitiert, als seine eigene Einschätzung zu einem Thema zu geben. Denn die eigene Meinung ist nie objektiv.

Jeden Tag ein Abenteuer

Aus dem Volo-Alltag eines „Germany’s Next Topmodel“-Reporters

Block, Stift und Laptop: So sieht der Arbeitsplatz von Volontär Maximilian Sonntag aus, wenn Germanys Next Topmodel gezeigt wird.

Seit Februar berichte ich wöchentlich über Heidi Klums Kult-Modelshow. Der Grund: Es gibt eine Kandidatin, die aus dem Kreis Neu-Ulm stammt.

Um ganz ehrlich zu sein, hätte ich zum Start meines Volontariats an der Günter Holland Journalistenschule nicht gedacht, dass ich ab Februar wöchentlich über Heidi Klums Kult-Modelshow berichten würde. Aber wie es im Leben eines Redakteurs nun einmal ist, kommt Unverhofft oft. Und ich muss zugeben: Es macht Spaß.

Viele fragen sich bestimmt, wieso ein Volontär, der in der Illertisser Lokalredaktion am Rande des Verbreitungsgebietes der Augsburger Allgemeinen sitzt, über Heidi Klum und ihre Topmodel-Anwärterinnen schreibt. Ganz einfach: weil auch die 20-jährige Ana Martinovic aus Nersingen um die Krone in der Castingshow kämpft. Mittlerweile ist sie unter den besten Zehn gelandet – Ende offen. Wer weiß, vielleicht schafft es unsere Lokalheldin ja auf Platz Eins. Und wer kann dann schon von sich behaupten, dieses für das kleine Nersingen im Landkreis Neu-Ulm weltbewegende Phänomen als Journalist begleitet zu haben?

Meine GNTM-Vergangenheit holt mich ein

Nun ist das Modelbusiness zwar nicht mein Steckenpferd, Klums Castingshow schaue ich mir donnerstags aber dennoch gerne an. Bereits die ersten der inzwischen 16 Staffeln durfte ich mit meinen älteren Geschwistern vor vielen Jahren gespannt verfolgen. Dann verließ mich aber irgendwann das Interesse an Fotoshooting, Laufsteg und High-Heels. Bis zum Februar 2021 blieb dies auch so.

Dann, am Abend vor der Ausstrahlung der dritten Episode der diesjährigen GNTM-Staffel, fragte mich ein Redaktionskollege, ob ich mir nicht die aktuelle Folge ansehen könnte, um über Anas Leistung zu berichten. Wieso nicht einmal wieder zurück in die Jugend und sich etwas „Trashiges“ anschauen. Ich sagte zu und war überrascht, wie schnell mich die Show wieder in ihren Bann gezogen hat.

So berichte ich als Volontär über die Kultmodelshow 

Grundsätzlich beginnt für mich als GNTM-Reporter die Arbeit schon am Dienstag. Dann landet nämlich der Newsletter mit Informationen zur kommenden Episode im Postfach unserer Redaktion. Von da an setze ich mich damit auseinander, welches schrille Neon-Outfit Ana tragen wird und unter welchem Motto sie Heidi Klum auf dem Laufsteg überzeugen muss. Sollte ich eine persönliche Einschätzung der 20-jährigen Nersingerin zur kommenden Folge brauchen, kontaktiere ich einfach die Pressestelle des Senders. Und auch ein persönliches Interview ist geplant, sobald sie aus der Show ausgeschieden ist.

Noch habe ich die BWL-Studentin aus dem Kreis Neu-Ulm nicht persönlich getroffen. Gerade daher bin ich gespannt, ob sie tatsächlich so ist, wie sie im Fernsehen dargestellt wird. In der Sendung gilt Ana als das süße „Staffelküken“ und die „Unschuld vom Lande“. Zwar zeigte sie bislang durchgehend gute Leistungen, Heidi Klum attestierte ihr aber bereits fehlenden Pep. Diesen Eindruck habe ich – zumindest zum Teil – auch. Ob und wie sich die Nersingerin durch die Castingshow verändert hat, bleibt abzuwarten.

Zugegeben: Manche Aufgaben, Outfits und Zickenkriege verstehe ich bis heute nicht, aber die Sendung hat etwas Einzigartiges. Ob das Format mittlerweile zum deutschen TV-Kulturgut zählt oder auf den Friedhof ausgedienter Sendungen gehört, sei dahingestellt – für mich ist Germany’s Next Topmodel ein Stück weit Nostalgie. Und ja, ich berichte gerne über Anas Performance und hoffe aus lokaler Verbundenheit, dass sie gewinnt.