Kategorie: Alles, was uns bewegt

Alles, was uns bewegt

Volontär in neuer Heimat: beinahe angekommen

Die Nördlinger Mess' ist das beliebteste Volksfest Nordschwabens. Ich hatte mich im Vorfeld sehr darauf gefreut. Wegen des Coronavirus fällt es - wie so vieles - in diesem Jahr aus. Foto: Jochen Aumann

Anschluss in der neuen Heimat finden? Zum ersten Mal eine Wohnung ganz für mich allein? Das wird super, sagte ich mir anfangs. Dann kam das Virus und würfelte meine Planungen ein wenig durcheinander. Eine Zwischenbilanz.

So entspannt, wie ich bei der Verabschiedung von meinen lieben Menschen getan habe, bin ich nicht wirklich. Mir schwirren zahlreiche Gedanken durch den Kopf. Es ist Ende Februar, auf mich warten neue Gesichter, wartet meine erste eigene Wohnung und eine fremde Stadt. Alles neu und auch ein wenig aufregend. Seit Beginn des Jahres bin ich Volontär an der Günter Holland Journalistenschule, für mein Lokaljahr bei der Augsburger Allgemeinen wurde ich nach Nördlingen geschickt. Verschmähte muslimische Bürgermeisterkandidaten, ein Landwirt, der seine Frau in der Güllegrube erstickt haben soll und ein Meteoriden-Einschlag (oder war es ein Asteroid?): Das ist alles, was meine vorbereitende Recherche ergeben hat. Wie überaus ermutigend.

Nördlingen ist eine besondere Stadt. Und die Rieser Nachrichten sind eine besondere Zeitung, dessen werde ich mir nach meiner Ankunft schnell bewusst. Die Lokalausgabe ist eng verwoben mit ihren Lesern: Auf dem Stadtmarkt unterhält man sich über die neueste Titelgeschichte, man packt das dort gekaufte Obst und Gemüse in Zeitungspapier – und passiert hier etwas, wissen es die Lokalredakteure meist als Erste.

Ein Beispiel: Ende März rief ein Mann in der Redaktion an und berichtete unserer Sekretärin am Telefon, er habe beim Spazierengehen mit seinem Hund etwas Seltsames entdeckt, genauer: einen vollständig skelettierten menschlichen Schädel. Was er denn nun tun solle, wollte er weiter wissen. Nach kurzer Beratung ließ sich der Mann schnell überzeugen, dass es vermutlich eine gute Idee sei, doch als allererstes einmal die Polizei zu verständigen. Dies ist nur eine von vielen Anekdoten und sie zeigt auf, welchen Stellenwert eine Zeitung bei ihren Lesern haben kann. Wer bei den Rieser Nachrichten volontiert, erlebt Lokaljournalismus unter dem Brennglas.

Raus aus der Komfortzone 

Dann kam das Coronavirus und mit ihm viele Veränderungen – auch im Leben eines Volontärs. Ich war es bis dato nicht gewohnt, allein zu sein. Vor meiner Zeit in Nördlingen hatte ich noch nie eine Wohnung ganz für mich. Klar, knapp 70 Kilometer oder einen Knopfdruck entfernt warten Freunde und Familie. Aber ich bin nach Nördlingen auch mit der Absicht gekommen, in das hiesige Leben einzutauchen. Ich will mich bewusst auf neue Menschen einlassen und aus meiner Komfortzone heraustreten. „Du bist ein offener Typ, David, das wird nicht schwer“, so sagte ich mir anfangs. Als Journalist ist man ja naturgemäß nah dran am Menschen und an seiner Wirkungsstätte.

Große Hoffnung setzte ich zu Beginn auch auf die Vereine, Bars und Restaurants, die es in Nördlingen in sehr hoher Zahl gibt. Der Grund ist, die nächste Großstadt liegt recht weit entfernt, aus dem Inneren heraus haben sich die Bewohner deshalb eine üppige Kultur- und Gastronomie-Szene geschaffen, mit vielen Festlichkeiten und Veranstaltungen.

Es gibt auch Zwischenerfolge

All das schränkt das Coronavirus im Moment bekanntermaßen stark ein. Ich will mich nicht beschweren. Meine Probleme sind sehr klein angesichts der Belastungen und Existenzsorgen, mit denen sich gerade viele Menschen konfrontiert sehen. Und dennoch: Ein wenig anders vorgestellt hatte ich mir meine ersten Monate in der temporären Heimat schon.

Wenn ich diese Zeilen schreibe, kann ich sagen, dass ich mich wohl fühle in Nördlingen, in der Stadt und auch in der Redaktion. Nur gänzlich angekommen bin ich nach wochenlangem Homeoffice und den coronabedingten Einschränkungen noch immer nicht. Einen ersten Zwischenerfolg gibt es jedoch zu verzeichnen: Nach 50 Nussschnecken bin ich in der Bäckerei meines Vertrauens mittlerweile Stammgast. Auf die Frage „Das gleiche wie immer?“ antworte ich jeden Morgen: „Ja, danke Frau Meyer.“

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Sportjournalismus ohne Sport

Seine Geschichte ist immer noch eine, die Sportfans bewegt: Johann Mühlegg ist ein schwarzes Schaf des Sports. Archivfoto: Titan Kastner

Kein Eishockey, kein Fußball, kurz: überhaupt kein Sport. Die Corona-Krise hätte eine Krise des Sportjournalismus werden sollen. Doch was viele prognostiziert haben, erweist sich als falsch: Der Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen gehen die Themen nicht aus. Und sie nutzt die Chancen, die die Krise bietet.

Kein Eishockey, kein Fußball, kurz: überhaupt kein Sport. Die Corona-Krise hätte eine Krise des Sportjournalismus werden sollen. Doch was viele prognostiziert haben, erweist sich als falsch: Der Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen gehen die Themen nicht aus. Und sie nutzt die Chancen, die die Krise bietet.

Man hätte denken können, dass es für den Sportjournalismus bittere Monate werden. Doch nach fast zwei Monaten, in denen wegen der Coronavirus-Pandemie der Profisport fast weltweit in einer Zwangspause steckt, ist klar: Sportjournalismus funktioniert auch ohne Sport – zumindest zeitweise. Und das sogar überraschend gut. Und wenn das ein Volontär beurteilen kann, dann ich.

Im April war ich Teil der Sportredaktion, ein wenig unerwartet zwar, aber glücklicherweise, wie sich rückblickend sagen lässt. Denn eigentlich hatte ich meine Station im Sport bereits absolviert, hatte mich im Februar erst von den Kollegen in ein anderes Ressort verabschiedet. Doch so wie der Sport nach Corona sein Comeback geben wird, war ich einen Monat später wieder zurück in der Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen. Gelegenheit, kreativ zu sein, sich auf neue Probleme einzustellen, sich der Situation anzupassen. Und zu vergleichen: Wie berichtet man über Sport während Corona, wenn es keinen Sport gibt? Was ist anders als vor einem Monat?

Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen während Corona: Eine Konferenz im Liegen

Die Antwort: eine Menge. Die Konferenz um zehn Uhr findet nicht mehr im Stehen rund um den Schrank mitten in der Redaktion statt, sondern manchmal sogar im Liegen – zumindest bei mir. Bis auf den Producer sind alle im Homeoffice, übers Telefon verbinden wir uns. Eishockey am Abend, Pressekonferenzen vor der Fußball-Bundesliga oder die Ergebnisse vom Tennis? Gehören alle der Vergangenheit an. Oder sind Zukunftsmusik, für die Zeit, wenn die Pandemie vorbei ist. Im Frühjahr 2020 sucht die Sportredaktion der Augsburger Allgemeinen andere Themen. Und findet sie.

Ein virtuelles Radrennen zu Corona-Zeiten. Foto: Christof Paulus

Da sind zum Beispiel die Funktionäre aus der Welt des Fußballs und Olympias. Die lassen sich Zeit, beratschlagen, werden sich nicht einig. Findet die Fußball-EM statt? Wird Olympia verschoben? Es gibt viel zu schreiben über den Stand der Dinge. Erst nach Wochen fällt die Entscheidung, beide Großereignisse 2021 auszutragen. Pressekonferenzen von Kanzlerin und Ministerpräsidenten ersetzen die Spieltage als Fixpunkt der Fußball-Bundesliga. Wann geht es weiter? Wie geht es weiter? Gibt es Geisterspiele? Wird die Saison abgebrochen? Fans erwarten mit Spannung, was die Politiker beschließen. Und wir schreiben darüber – und hinterfragen die Pläne der Bundesliga. Bekommt der Fußball in Deutschland Sonderrechte und wenn ja, zurecht?

Wir schauen über den Fußball hinaus. Andere Sportarten haben andere Probleme: Die Handballer brechen ihre Saison ab, Spiele ohne Zuschauer wären für sie ein großes Minusgeschäft. Boxerin Tina Rupprecht aus Augsburg ist Weltmeisterin – ohne Kämpfe bekommt sie aber weder Gage noch Preisgeld. Sie hofft jetzt auf Geld vom Staat. Georg Zimmermann aus Neusäß hatte gerade erst zum neuen Jahr seinen ersten Profivertrag als Radsportler ergattert – nun kürzt das Team ihm und seinen Kollegen das Gehalt, der Hauptsponsor denkt laut darüber nach, sein Engagement zu beenden.

Volontariat im Home-Office: Themen im Sport gibt es auch in der Pause

Der Breitensport leidet, das Vereinsleben liegt still. Und im Augsburger Sport rumort es: Das Ressort Sport wandert in der neuen Stadtregierung in ein anderes Referat. Sportvereine befürchten, zu kurz zu kommen. Die Pause wird zur Chance: Weil kaum noch Termine anstehen, bleibt Zeit und Platz für Recherchen, die noch mehr in die Tiefe gehen, für Geschichten, die noch mehr die Hintergründe beleuchten. Und selbst in schweren Zeiten bleibt der Sport eine Unterhaltungsbranche: Die Formel 1 startet auf der Konsole, Darts-Profis kann man zusehen, wie sie zuhause spielen.

Die Sportredaktion ist verwaist, die Kollegen im Homeoffice. Foto: Christof Paulus

So ganz ohne die Kniffe für dünne Zeiten kommen wir zwar nicht aus. Doch wenn man es richtig macht, können die sogar zum Gewinn werden – für Leser und Schreiber. Für all die, die gerade ihre Lust an der Bewegung (wieder-)entdecken, geben wir Tipps zum Radeln, Laufen oder Skaten. Und die Serie „Schwarze Schafe des Sports“ erzählt gute Geschichten von Sportlern, die sich nicht immer an die Regeln gehalten haben. In den Archiven zu kramen, den spannenden Dreh zu finden und all das aufzuschreiben, macht Spaß. Und wir erfahren: den Lesern auch. Wer von Skilangläufer Johann Mühlegg liest, der seinen Bundestrainer für einen bösen Geist hielt, kein Allgäuer mehr sein wollte und auf die Hilfe einer portugiesischen Wunderheilerin hoffte, kann nicht anders, als mit dem Kopf zu schütteln. Und die Ausraster von John McEnroe, dem Enfant terrible des Tennis, kann man sich gar nicht häufig genug ansehen – oder die Geschichten dahinter lesen.

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Der Einführungskurs an der Günter Holland Journalistenschule – Sprachbarrieren und neue Perspektiven

Die Volontäre 2020 mit ihren Lokalausgaben vor dem Verlagsgebäude in Lechhausen. Foto: Jochen Aumann

Ob Fotokurs, der Besuch eines Eishockeyspiels der Augsburger Panther, ein Tag im Amtsgericht, oder das Gastspiel in einem streitlustigen Gemeinderat: Die zwölf Volontäre der Günter Holland Journalisten Schule erwartete beim Einführungskurs unbekannte Perspektiven, die die Vielfalt im Journalismus widerspiegeln.

„Hast du Veschper dabei?“ fragte mich der noch ziemlich unbekannte Mitvolontär am ersten Tag des Einführungskurses im Verlagsgebäude der Augsburger Allgemeinen. Vor meinem geistigen Auge taten sich große Fragezeichen auf, ich hatte dieses Wort als Hamburger an meinem ersten Tag in Schwaben noch nie gehört. „Na, Veschper“, wiederholte er und ich war noch immer vollkommen verdattert. „Was soll das sein?“, fragte ich mich – und: „Reden die hier alle so?“ Nein, tun sie zum Glück nicht. Veschper stellte sich nach der freundlichen Aufklärung des Mitvolontärs als fränkischer Begriff für das schwäbische, und sehr viel besser zu verstehende, Wort Brotzeit heraus.

Puh, erste Hürde überstanden, dachte ich mir. Die nächste sprachliche Barriere ließ nicht lange auf sich warten, war aber sehr viel  niedriger. Als mich Stefanie Sayle, Geschäftsführerin der Günter Holland Journalistenschule und somit unsere Volontärs-Ausbilderin, fragte ob ich wisse, was „Zamm“ bedeute.

Es begann mit sprachlichen Barrieren, und auch wenn ich mich als Nordlicht an einige schwäbische Eigenheiten, wie das ständige „Sch“ im Dialekt und die außerordentliche Gesprächsbereitschaft der Menschen, die auch nicht vor der Toilettentüre Halt macht, gewöhnen musste, folgten sieben Wochen voller wirklich spannender Eindrücke und vieler verschiedener Perspektiven.

Multimediale Ausbildung an der Günter Holland Journalistenschule – und Spiele zwischendurch

Ob Fotokurs, der Besuch eines Eishockeyspiels der Augsburger Panther, Überschriftentraining, ein ganzer Tag im Amtsgericht, Kulturberichterstattung, oder das Gastspiel in einem streitlustigen Gemeinderat: Überall erwarteten zwölf stets topmotivierte, wissbegierige und diskussionsfreudige Volos vorher unbekannte Perspektiven, die die Vielfalt im Journalismus widerspiegelten.

Beim Spiel der Augsburger Panther waren die Volontäre sichtlich gut gelaunt bei der Arbeit. Foto: Piet Bosse

Natürlich gab es auch zähere Veranstaltungen, wie das Training mit dem Redaktionssystem Alfa. Und obwohl der ein oder andere in der Lokalredaktion wahrscheinlich immer noch nicht weiß, wie man einen Artikel festsetzt oder die Voreinstellungen der Suchanfrage speichert, war auch der Alfa-Kurs durch – sagen wir mal interessante – Spiele von Abwechslung durchzogen. So mussten wir beispielsweise einen großen Ring zu zwölft auf den Boden legen, ohne ihn loszulassen, oder die Nadel im Heuhaufen finden.

Um andere Perspektiven ging es ebenfalls, als wir uns ganz am Anfang gegenseitig porträtierten und plötzlich die Fragen beantworten sollten, die wir sonst selbst stellen. Perspektivwechsel waren auch der Fotokurs mit Jochen Aumann und Silvio Wyszengrad und das unterhaltsame Videoseminar mit Karl Rauch. Dort haben wir uns in unseren eigenen Videos gegenseitig beigebracht, dass man im Fahrstuhl keinen Rucksack vergessen sollte, dass ohne Kaffee gar nichts geht und, dass sich die Pforten des Verlagsgebäudes nicht mit dem Führerschein öffnen lassen.

Vielfalt steht bei den Volontären im Vordergrund

Natürlich haben uns auch die zahlreichen Redakteure der Augsburger Allgemeinen in verschiedenen Funktionen als Dozenten einiges beigebracht. Vermutlich viel mehr als wir uns gegenseitig hätten beibringen können. Da wäre die Kulturberichterstattung mit Kulturredakteur Richard Mayr, das Überschriftenseminar mit Stefanie Sayle, das journalistische Handwerkszeug und die Nachricht, die uns Michael Pohl nähergebracht hat, die Gerichtsberichterstattung mit Jan Kandzora, das Sportressort mit Milan Sako und, und, und.

Nicht vergessen wollen wir die spannenden Gesprächsrunden mir Chefredakteur Gregor Peter Schmitz, seinem für die digitale Transformation zuständigen Stellvertreter Yannick Dillinger und der stellvertretenden Chefredakteurin Andrea Kümpfbeck. Sie haben uns, genau wie viele weitere Dozenten, neue Perspektiven aufgezeigt.

Mehr als nur eine Schulung bei der Augsburger Allgemeinen

Auch auf dem Eis hatten die Volontäre gemeinsam Spaß. Foto: Piet Bosse

Abseits des idyllisch gelegenen Verlagsgebäudes der Augsburger Allgemeinen zwischen Müllverbrennungsanlage und Autobahn, haben wir uns auch untereinander besser kennengelernt. Ob auf dem Eis beim Schlittschuhlaufen, beim innigen Karaoke-Singen oder nur beim Rauchen in der Mittagspause. Einführungskurs hieß nicht nur viel lernen, neue Eindrücke und schreiben, sondern auch sehr viel Spaß untereinander.

Journalisten wollen schreiben, rausgehen, Fotos machen, mit Menschen reden und Geschichten entwickeln. Wir auch. Umso besser, dass wir uns nun in den Lokalredaktionen der Augsburger Allgemeinen austoben können. Trotzdem denken wir, oder ich zumindest, mit einem Grinsen an die sieben gar nicht mal viel zu langen Wochen zurück. Deshalb freue ich mich auf die in den nächsten zwei Jahren anstehenden Volotage in der Augsburger Zentrale. Dann habe ich mit Sicherheit auch ein „Veschper“ dabei.