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Alles, was uns bewegt

Autolos von der Großstadt aufs Land

Verwöhnt von U-Bahnen im Zehn-Minutentakt bin ich aus München nach Dillingen gezogen – ohne Auto. Neben Stift, Block und Kamera eigentlich das wichtigste Arbeitsmittel für Lokaljournalisten. Geht’s auch ohne?

Ein Volontär ist, möchte man manchen Stellenausschreibungen glauben, bereits vor seiner Ausbildung zum Redakteur eine publizistische eierlegende Wollmilchsau: Er beherrscht nicht nur Instagram, Tiktok und Snapchat, sondern konnte sich bereits vor dem Volo auch mit sämtlichen eher klassischen journalistischen Stilformen in zahlreichen Praktika vertraut machen. Obendrauf ist es natürlich von Vorteil, wenn man keinen allzu normal-langweiligen Akademiker-Hintergrund hat.

Am besten ist man also ein multimedial denkender junger Mensch, der vielfach gebildet, aber keinesfalls engstirnig sein soll. Mit diesen teils utopischen Anforderungen kommen angehende Volontäre inzwischen gut klar. Etwas ratlos ließ mich dann doch eine Ausschreibung zurück, in der eigentlich gar nicht so viel gefordert wurde – außer einem eigenen Auto. Im Lokaljournalismus ja ein notwendiges Arbeitsmittel. Aber ein Auto kaufen wollte ich nie. Aus meinem Studium in Mainz und München war ich gewohnt, dass man überall mit den Öffentlichen hinkommt. In München konnte ich mich oberirdisch sogar lange nicht orientieren, weil ich es gewohnt war, von der U-Bahn am Startbahnhof verschluckt und am Zielbahnhof wieder mitten im Geschehen ausgespuckt zu werden. 

Nach der Volo-Zusage: Ob die wissen, dass ich kein Auto habe?

Und so machte ich mir meine Gedanken, als ich an der Günter Holland Journalistenschule der Augsburger Allgemeinen angenommen wurde. Ob die wissen, dass ich kein Auto habe? Monatelang fühlte ich mich wie jemand, der im Supermarkt aus Versehen einen Kaugummi geklaut hat, weil er vergessen hat, ihn aufs Kassenband zu legen. Schließlich wurde ich für mein erstes Jahr nach Dillingen eingeteilt. Eine Google-Suche später wusste ich: Es gibt dort sechs Bahnstationen, an denen gut einmal pro Stunde ein Zug hält. Alles, was nördlich und südlich der Donau liegt, ist quasi bahnfrei. Und mit Bussen über Land zu fahren, weiß ich aus meiner oberbayerischen Heimat, ist vielleicht was für Grundschüler und Omas, aber nicht für Leute, die Termine haben. 

Es gibt ein Redaktionsauto und es fährt, auch wenn ich hinterm Steuer sitze

Der erste Tag in Dillingen, angereist mit dem Zug, bestätigte den Eindruck. Der Bahnhof sah verwaist aus im Schneegestöber des Januarmorgens. Da ich sowieso nach Dillingen ziehen wollte, war das Hinkommen nur kurze Zeit ein Problem. Und auch meine Angst, dass ich ohne Auto in der Redaktion festsitze, hat sich nicht bestätigt. Denn es gibt ein Redaktionsauto und es fährt, auch wenn ich hinterm Steuer sitze. Die ersten Touren waren zwar noch etwas holprig – man sieht schlecht, wenn man nachts fährt und die Innenbeleuchtung angeschaltet hat, ist notiert – und ich war mir auch nicht immer sicher, ob der Handyhalter an der Klimaanlage nicht ab und zu einmal aus Versehen den Warnblinker eingeschaltet hat. Aber mit der Zeit hatte auch ich den Dreh raus und kam pünktlich zu meinen Terminen.

Wenn das Auto streikt, kann man immer noch aufs e-Bike umsteigen

Das Gute an der Redaktion in Dillingen ist auch, dass die Landschaft hier eigentlich viel zu schön ist, um nur mit dem Auto vorbeizurauschen. Deshalb bin ich auch gern mal mit dem Rad unterwegs, mal freiwillig, mal gezwungenermaßen. Als ich vor kurzem das Auto holen wollte, um zum Gemeinderat zu fahren, war plötzlich alles tot. Nicht mal der Schlüsselmechanismus funktionierte. Meine Panik, autolos im Landkreis zu sein, kehrte zurück. Weit ist es zum Gemeinderat zwar nicht, zehn Kilometer vielleicht, machbar mit dem Rad. Aber verschwitzt und durch die FFP2-Maske hechelnd in der Sitzung hocken wollte ich dann auch nicht.

Gut, dass es in Dillingen noch das Redaktions-e-Bike gibt, das die meiste Zeit zwischen Kellerabgang und Drucker steht und auf Schönwettereinsätze wartet. Nach einer kleinen Einweisung vom Chef ging es abends dann los im Turbo-Modus durch Dillingen in Richtung Holzheim. Mit 28 Stundenkilometern Reisegeschwindigkeit bin ich in 20 Minuten pünktlich zur Sitzung dort. Und irgendwie bin ich sogar ein bisschen entspannter gefahren als mit dem Auto. Wird vielleicht wiederholt.