Jan-Luc Treumann

Jan-Luc Treumann, 1993 in Köln geboren, ist noch mit Büchern aus Papier aufgewachsen – die Leidenschaft dafür hat sich bis heute gehalten. Nach dem Abitur studierte er in Augsburg Geschichte und Interdisziplinäre Europastudien (Schwerpunkte in Neuere und Neueste Geschichte sowie Europäische Ethnologie/Volkskunde). Dennoch ist er kein wandelndes historisches Lexikon. Während seines Studiums begleitete ihn immer wieder die Frage nach dem späteren Beruf – es war ein Weg, der nur im Journalismus enden konnte. Berufliche Erfahrungen sammelte er unter anderem bei Spox und als Freier Mitarbeiter der Augsburger Allgemeinen. Sein Lokaljahr hat er in Nördlingen absolviert.

Jeden Tag ein Abenteuer

Der Volo-Redakteur

Der Volontär im Homeoffice.

Seit rund vier Monaten bin ich zurück in der Nördlinger Lokalredaktion – obwohl ich diese Zeit eigentlich noch im Mantel hätte verbringen sollen.

Seit rund vier Monaten bin ich zurück in der Nördlinger Lokalredaktion – obwohl ich diese Zeit eigentlich noch im Mantel hätte verbringen sollen.

Rückblick, Ende August 2020: Es ist bereits ein kleiner Abschied. Vom Volontariat und von meinen Volontärskolleginnen und -kollegen. Eigentlich wäre meine Ausbildung im Haupthaus noch bis zum Jahresende gegangen, doch die Nördlinger Lokalreaktion braucht Unterstützung. Die Redaktionsleiterin ist im Mutterschutz, ein anderer Kollege wird die Redaktion wenige Monate später auf eigenen Wunsch verlassen, das ist bereits klar.

Bereits im Lokaljahr als Volontär hat es mir in Nördlingen gut gefallen

Da braucht es jemanden, der schnell helfen kann, der die Redaktion und die Stadt kennt. Ich war als Volo im Lokaljahr bis vor sieben Monaten noch vor Ort. Der Kontakt zu den Kollegen ist nie ganz abgerissen und ich habe verfolgt, was sich in der Stadt getan hat, wer zum Oberbürgermeister gewählt wurde, welche Themen die Nördlinger bewegen. Ich möchte den Kollegen im Lokalen helfen, habe Aussicht auf eine Übernahme und die Stadt hat es mir bereits während meines Lokaljahrs angetan. Also sage ich gerne zu.

Doch das bedeutet eben auch, dass mein Volontariat ein bisschen früher endet oder jedenfalls anders, als ich das ursprünglich gedacht habe. Eigentlich hätte ich noch Monate in der Wirtschafts- und Bayernredaktion, beim Radio oder im Korrespondentenbüro in München erleben dürfen. Das fällt nun weg. Immerhin habe ich meine Geschichte für die Seite Drei noch im August im Ressort Politik schreiben dürfen. Üblicherweise verfassen die Volontäre die sonst erst im Bayern-Monat. Und natürlich ist da der Abschied von meinen Volo-Kollegen. Das gemeinsame Mittagessen in der Zentrale entfällt, ebenso der Austausch, wenn man sich mal im Flur über den Weg läuft.

Der Volontär auf dem Weg zum Jungredakteur

Und so lande ich wieder in ‚meiner‘ Lokalredaktion. Am Anfang geht es für mich darum, in der Zeitungsproduktion voll einsatzfähig zu werden, sodass ich auch gelegentliche Sonntagsdienste übernehmen kann. Zwar habe ich in meinem Lokaljahr schon mal eine Woche lang produziert, aber das ist auch schon ein bisschen her und Routine habe ich in dieser Hinsicht natürlich noch keine. Produktion bedeutet, die Zeitung aus den einzelnen Artikeln am Bildschirm so zusammenzubauen, wie sie hinterher in gedruckter Form oder als E-Paper schlussendlich aussieht.

Die Lokalredaktion der Rieser Nachrichten sieht der Volontär derzeit nur selten von innen.

Aber das ist nicht alles. Der Producer braucht den Überblick über die Themen, den Maileingang, spricht sich mit den Kollegen aus der benachbarten Kreisredaktion ab, bestellt Seiten für die nächste Ausgabe, beauftragt freie Mitarbeiter, macht Themenpläne etc. Anfangs brauche ich ein bisschen, um in all das reinzukommen, doch mit der Zeit werden die Abläufe zur Routine.

Offiziell bin ich noch ein Volontär

Nach und nach komme ich dann auch mehr zum Schreiben. Zudem übernehme ich die Berichterstattung aus dem Gericht sowie über eine Reihe kleinerer Gemeinden.

Natürlich bin ich noch Volontär, nehme noch an den Volontärstagen teil, sofern sie coronabedingt stattfinden können. Doch nun ist alles ein bisschen anders, ich arbeite wie ein Redakteur. Auch als Volo im ersten Ausbildungsjahr bekommt man in Nördlingen viel Verantwortung übertragen, doch man ist noch nicht ganz so sehr in die Produktion oder die Sonntagsdienste involviert. Das ist nun anders. Ich weiß, dass nun mehr von mir erwartet wird und ich erwarte auch von mir selbst, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Mit dem Jahreswechsel endet nun auch ganz offiziell mein Volontariat. Ab jetzt bin ich Jungredakteur, kein Volo mehr. Nach einem Übergang von der Ausbildung in den Redakteursalltag fühlt sich das im Moment noch nicht wirklich an. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich schon die Monate zuvor die Aufgaben eines Jungredakteurs übernommen habe. Und daran, dass ich noch einmal etwas für diesen Blog hier schreiben darf. Tschüss Volo, es war eine schöne Zeit.

Fliegendes Klassenzimmer

Berlin, Berlin, wir fahren nicht nach Berlin

Das Olympiastadion in Berlin stand nicht auf dem Programm. Vielleicht wäre für die Volontäre Zeit für einen kurzen Abstecher gewesen, doch die Bildungsfahrt findet nicht statt. Foto: Treumann (Archiv)

Ende März hätte die Bildungsfahrt der Volontäre nach Berlin stattfinden sollen. Besuche bei der Deutschen Presse-Agentur, der Bundespressekonferenz und den Berliner Korrespondeten standen auf dem Programm. Doch dann kam Corona.

Vor einigen Wochen saß eine Gruppe von Altvolontären, also die im zweiten Ausbildungsjahr, zusammen und sprach über die für Ende März geplante Bildungsfahrt nach Berlin. Wir warteten auf das Programm und überlegten, wann es wohl losgehen würde. „Ziemlich früh“ meinte einer, „hoffentlich nicht zu früh“, ein anderer. Als wir das Programm einige Tage später bekamen, war klar: Um sieben Uhr geht es los. Verglichen mit der Online-Frühschicht, die um 7 Uhr beginnt, doch gar kein Problem… Was die nur alle haben.

Es waren ganz andere Sorgen, die vor einigen Wochen noch im Land herrschten. Als wir Anfang März die Details zur Berlinfahrt erhielten, gab es nach Angaben des Robert-Koch Instituts 639 Fälle von Infizierten mit Covid-19 in ganz Deutschland. Es gab noch keine Ausgangsbeschränkungen, und Toilettenpapier war noch kein gehamstertes Gut.

Das Coronavirus beeinflusst die Ausbildung an der Günter Holland Journalistenschule

Doch in den darauffolgenden zwei Wochen entwickelte sich hinsichtlich der Ausbreitung des Coronavirus eine unglaubliche Dynamik – zum Vergleich: Am 28. März verzeichnete allein das Bundesland Brandenburg 645 Fälle an Infizierten. Die Weltgesundheitsorganisation hat Covid-19 zur Pandemie erklärt. Betriebe haben geschlossen, Menschenansammlungen sind untersagt, der große Teil unseres Alltags steht unter dem Einfluss des Coronavirus. Und so auch unsere Ausbildung an der Günter Holland Journalistenschule.In der Corona-Zeit berichtet unsere Zeitung über den Redaktionsalltag und den Einfluss von Corona auf die Arbeit. Foto: Treumann

Noch bevor die Ausgangsbeschränkungen in Bayern und Deutschland erlassen wurden, erreichte uns die Nachricht, dass unsere Reise nach Berlin nicht stattfinden wird: Das Kanzleramt, der Bundestag und die Deutsche Presse-Agentur hatten uns zu diesem Zeitpunkt bereits ausgeladen.

Ach Berlin.

Es war ein interessantes Programm, dass unsere Ausbildungsleiterin für uns zusammengestellt hatte:
Eben der Besuch von Deutscher Presse-Agentur, Bundespressekonferenz, Bundeskanzleramt, wir hätten die Korrespondenten unserer Zeitung besucht und und und. Alt- und Jungvolontäre hätten sich noch besser kennenlernen können. Kollegen, die die Fahrt vor einigen Jahren absolviert haben, schwärmten von der Reise. Es wäre sicher eine spannende Fahrt geworden. Wäre, wäre Fahrradkette, wie mancher Fußball-TV-Experte sagen würde.

Redaktionsalltag: Homeoffice, keine Außentermine, Videokonferenzen

Das Coronavirus hat aber auch abgesehen von der ausgefallenen Bildungsfahrt Einfluss auf unsere Ausbildung an der Günter Holland Journalistenschule. Mittlerweile arbeitet der Großteil der Redaktionskollegen im Homeoffice, und der übliche Ressortwechsel ist für die meisten Altvolontäre im April ausgesetzt. Denn vom Homeoffice aus ist ein Wechsel samt Einarbeitung in einen neuen Bereich nicht umsetzbar.

Auch sonst beeinflusst das Coronavirus unsere Arbeit: Außentermine sind kaum mehr möglich, Gesprächspartner sind teilweise nicht mehr zu erreichen. Statt uns mit den Kollegen im Büro zusammenzusetzen, konferieren wir per Video oder Telefon. Da kommt es auch schon mal vor, dass einige Sekunden Stille in der Leitung herrscht, weil keiner den andern unterbrechen will. Situationen, die früher ein Blick gelöst hätte.

All das war vor einigen Wochen noch nicht absehbar, als wir über die Abfahrtszeit nach Berlin diskutierten. Ein Volontariat in der Zeit von Corona – das ist eine Ausbildung unter besonderen Bedingungen.

Im Logbuch der Redaktion berichten die Kollegen von ihren Erfahrungen mit der Corona-Krise und deren Auswirkungen auf den Alltag

Jeden Tag ein Abenteuer

Viel Trubel im Lokaljahr

Der Volontär filmt den Auftritt des Ministerpräsidenten. Foto: Jochen Aumann

Den Großteil des ersten Jahres verbringen die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule in ihren Lokalredaktionen. Und dort ist eine ganze Menge zu tun und manchmal mehr los, als man denkt.

Im September vergangenen Jahres bekam ich mitgeteilt, dass ich mein Lokaljahr in Nördlingen absolvieren werde. Aus Augsburg, einer Stadt mit rund 300 000 Einwohnern, ging es für mich in eine mit 20 000 – ein kleiner Unterschied. So ganz wusste ich nicht, was mich in Nördlingen erwartet, dort, wo vor 15 Millionen Jahren ein Meteorit einschlug.

Was ist dort los, was passiert in Nördlingen? Kein Jahr später weiß ich: eine ganze Menge. Ein Großereignis war natürlich die Nördlinger Mess‘, noch dazu im Jahr des großes Jubiläums: Vor 800 Jahren wurde die Messe das erste Mal urkundlich erwähnt und das wurde entsprechend gefeiert. Was ich dort alles erlebt und zu tun hatte, kann man hier nachlesen.

Doch die Mess‘ war nicht die einzige Großveranstaltung, die ich in meinem Lokaljahr erlebt habe. Im September stand das Historische Stadtmauerfest an. Alle drei Jahre findet dieses in Nördlingen statt. Dann verwandelt sich der Ort im Ries in eine mittelalterliche Stadt.

Dass etwas Großes ansteht, habe ich in den Wochen vor Beginn des Festes gemerkt, die ersten Buden standen in den Straßen herum, Stahltribünen wurden am Marktplatz aufgebaut und viele Nördlinger ließDer Aufbau für das Stadtmauerfest. Foto: Treumannen sich einen Bart wachsen – so wie es sich vermeintlich für einen mittelalterlichen Menschen gehört – stimmt aber gar nicht, wie mein Kollege herausfand. Ein Glück für mich unbärtigen Volontär.

Auch der Volontär trägt ein historisches Gewand

Ich übernahm den Großteil der Berichterstattung. Das fing in der Vorbereitung an: Warum fand eigentlich zeitgleich auch in Dinkelsbühl ein historisches Fest statt? Wie läuft es mit dem Aufbau? Einen Tag bevor es losging, bin ich durch die Nördlinger Gassen gestreift, wo viele Ehrenamtliche alles für den großen Event vorbereiteten und umherwuselten.

 

An dem Freitag, als das Fest eröffnet wurde, war ich für die Videos zuständig. Wie so viele Besucher trug ich ein historisches Gewand, eine weite grüne Filzhose, ein einfaches Hemd – ohne fühle man sich etwas fehl am Platze, wurde mir in der Redaktion gesagt. Ein kurzes Video für Facebook, ein ausführlicheres für die Homepage, das waren meine Aufgaben für den Abend. Und ich filmte: wie die Knabenkapelle einmarschierte, Auftritte der Gaukler und anderer Gruppen, die Ansprachen des Herolds und des Oberbürgermeisters sowie die Salutschüsse.

Dann habe ich schnell das erste Video zusammengeschnitten, nur um festzustellen, dass der Akku von 100 auf zwei Prozent gesunken war – somit ging es für mich hurtig in die Redaktion zum Akku laden. Und um das zweite Video zu schneiden. Irgendwann am Abend war das auch erledigt. Feierabend.

Der Samstag bedeutete für mich, Material für eine Reportage zu sammeln, Fotos und Videos zu machen und den Facebook-Kanal der Rieser Nachrichten den ganzen Tag über zu bespielen: Das volle Programm eben. Am Morgen gab es eine sogenannte Gautschfeier einer Druckerei zu bestaunen, eine Taufe für all diejenigen Mitarbeiter, die bislang noch keinen Gautschbrief vorweisen konnten. Dabei haben die sogenannten Packer sich ihre Kollegen geschnappt, ihnen einen nassen gelben Schwamm ins Gesicht gedrückt und sie in einer kleinen Wanne untergetaucht. Einmal, zweimal, zehnmal. Es ist ein Brauch der Buchdrucker – oder der Anhänger der „schwarzen Kunst“, wie es dort hieß.

Der Volontär filmt den Auftritt des Ministerpräsidenten. Foto: Jochen AumannDoch das war nur ein Programmpunkt auf meiner Liste. Ich habe auf dem Stadtmauerfest eine echte Hochzeit erlebt – natürlich stilecht in historischen Gewändern -, habe eine Modenschau und einen Gottesdienst besucht. Dazu gab es Musik, der Dudelsack war ein häufiger akustischer Begleiter. Am Sonntag musste all das zusammengeschrieben werden – dazu standen noch ein Festumzug und der Besuch von Ministerpräsident Markus Söder an. Auch dessen Auftritt wurde natürlich gefilmt und verschriftlicht. Ein anstrengendes, aber spannendes Wochenende endete so.

 

Als Volontär durfte ich die Berichterstattung für die Donauries-Ausstellung organisieren

Wenige Wochen später ging es mit dem nächsten Großereignis weiter: der Donauries-Ausstellung. Eine Messe, ähnlich der Afa in Augsburg. 13 Hallen, viele Betriebe aus der Region stellten sich vor und zeigten ihre Produkte. Alle vier Jahre kommt die Messe nach Nördlingen. Meine Aufgabe war es, die gesamte Berichterstattung zu organisieren, jede Halle sollte drankommen.

Die Ausstellung fand in der Woche des Tags der deutschen Einheit statt, das hieß für mich: Weniger Erscheinungstage und weniger Ausgaben, in denen ich die Sonderseiten unterbringen konnte. Zunächst habe ich mir einen Überblick verschafft, wie viele Ausgaben stehen mir für die Berichterstattung zur Verfügung, wie viele Sonderseiten können wir pro Tag unterbringen? Dann teilte ich auf, welche der Hallen wann in der Zeitung erscheinen sollten.

Später ging es an die Einteilung der Redakteure und freien Mitarbeiter: Welche Hallen übernehme ich selbst, wer kann was schreiben? Bei der Einteilung der Mitarbeiter habe ich gemerkt: Genaue Instruktionen sind wichtig. Wie viele Zeilen Text, wie viele Bilder, bis wann muss er oder sie liefern. Dazu habe ich Fotografen eingeteilt, denn für jeden Tag haben wir eine Bildergalerie benötigt.

Sogar ins Stadtmauerfest-Buch hat es der Volontär geschafft

Wenn die Texte eingetroffen waren, musste ich sie redigieren, bei manchem Autor noch einmal einige Zeilen nachliefern lassen, wenn er nicht genügend geschickt hatte. Dazu kam das Bauen der Sonderseiten und – nicht zu vergessen – das Schreiben meiner eigenen Texte. Als all das erledigt war, war die Ausstellung auch schon vorüber, ein Fazit musste noch her.

Der Nördlinger Volontär ist auch im Buch zum Stadtmauerfest vertreten. Foto: Treumann

Viel Arbeit und viel Vorbereitung waren hierfür nötig, doch es hat sich gelohnt: Alles lief glatt, alle Texte kamen an und alle Seiten erschienen wie geplant.

Jetzt ist erstmal Pause, denn irgendwann gehen auch Nördlingen mal die Großereignisse aus. Ach halt, da steht im kommenden Frühjahr ja noch diese Kommunalwahl mit vier OB-Kandidaten an…

PS: Im Dezember wurde das Stadtmauerfest für mich noch einmal zum Thema  – die Vorstellung des offiziellen Buchs zum Fest stand an. Ich saß im Rathaus, schrieb mit und plötzlich sagte der Pressesprecher der Stadt Nördlingen zu mir: „Herr Treumann, Sie sind ja auch drin abgebildet.“ Tatsache, auf einem Bild zur Eröffnung bin ich mit meinem historischen Gewand mitten in der Menge zu sehen, wie ich filme. Auch auf anderen Seiten bin ich manchmal im Hintergrund zu entdecken. Lokaljournalismus heißt eben: Mittendrin statt nur dabei zu sein.