Michael Postl

Die Integration bestand für den Nürnberger Michael Postl darin, sich dem TSV Friedberg anzuschließen, in Augsburg-Lechhausen wohnhaft zu werden und auf fränkische Schäufele zu verzichten. Die Folge: Klassenerhalt, eine Ein-Zimmer-Wohnung und kulinarische Resignation. Seitdem gilt es für den 27-Jährigen, sich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu konzentrieren: das Schreiben und Dinosaurier. In Friedberg kann sich Michael Ersterem widmen, nachdem er bereits für den Kicker, den HC Erlangen, die Nürnberger Zeitung und die Neue Osnabrücker Zeitung geschrieben hat. Doch auch Letzteres bleibt nicht auf der Strecke, ist der Dinosaurierpark im Altmühltal doch nur einen Katzensprung entfernt.

Jeden Tag ein Abenteuer

Alles, nur kein PR: Volontär auf Pressereise nach Piemont

Arbeit, die sich wie Urlaub anfühlt, ist die beste Arbeit. Für Journalistinnen und Journalisten gilt das beizeiten im Wortsinn, besonders, wenn das Journal ruft. Dieses Ressort liefert bei der Augsburger Allgemeinen neben Anderem samstags das Wochenend- und dienstags das Reisejournal. Eines Tages kam die Sekretärin des Ressorts in die Sportredaktion, in der ich in diesem […]

Arbeit, die sich wie Urlaub anfühlt, ist die beste Arbeit. Für Journalistinnen und Journalisten gilt das beizeiten im Wortsinn, besonders, wenn das Journal ruft. Dieses Ressort liefert bei der Augsburger Allgemeinen neben Anderem samstags das Wochenend- und dienstags das Reisejournal. Eines Tages kam die Sekretärin des Ressorts in die Sportredaktion, in der ich in diesem Monat arbeitete, und fragte mich, ob ich der sei, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Mein noch immer an mir klebendes, atmungsaktives Polyesterhirt war stummes Zeugnis davon. Die Sekretärin erzählte mir dann etwas von einem Kollegen, der abgesprungen sei, und dass sie nun händeringend Ersatz für ihn suche. Was das mit meiner wohlriechenden Kleidung zu tun hatte, war schnell klar: Der Kollege, selbst ein begeisterter Radsportler, hätte fürs Reisejournal einen Trip in die italienische Region Piemont machen und darüber eine Reportage schreiben sollen, musste aber kurzfristig absagen. Und ich durfte nun sein Ersatz sein. Weil ich zweimal pro Woche drei Kilometer von Lechhausen Süd nach Lechhausen Nord radle. Eine gute Wahl. Denn im Piemont, das im Nordwesten Italiens am Rande der Alpen liegt, kann man eben viele Berge hochfahren.

Volontär auf Pressereise: Klamotten vergessen – aber nicht die Prinzipien

Das war auch der Grund, weshalb ich mir gleich drei verschiedene Radleroutfits einpackte. Man will ja gut vorbereitet sein. Was ich nicht wusste war, dass für das Event „Piemont mit dem Bike erkunden“ eigentlich nur ein Radltag geplant war. Und dass der Rest des Programms aus leichtem Wandern und Städtebesichtigungen bestand. Dafür hatte ich exakt ein Hemd und eine Hose dabei. Bestückt mit dem Logo des 1. FC Nürnberg. Nach der Ankunft am Flughafen Saluzzo, der ebenso groß ist wie ein durchschnittlicher Augsburger Supermarkt, ging es ins Hotel. Schmale Gassen, backsteingepflasterte Straßen, die Pflanzen quollen aus den kleinen Balkons – Saluzzo-City ist eine Stadt wie aus einem Reiseprospekt. Das Hotel war perfekt, die Betten groß und die Klimaanlage eingestellt. Bei gefühlten 40 Grad Außentemperatur eine Wohltat.

Pressereisen sind in der Regel ein Geben und ein Nehmen: Agenturen zeigen uns eine Stadt oder eine Region, wir schreiben darüber – und machen mit aller gebotenen journalistischen Sorgfalt und Distanz die jeweilige Örtlichkeit etwas bekannter. Deshalb sind die Organisatorinnen und Organisatoren erpicht darauf, alles perfekt zu gestalten und die Vorzüge der Region hervorzuheben. Das wissen auch die Menschen vor Ort und überschütten einen gerne mit Informationen, Geschichten – und Essen. In Italien gab es das etwa fünfmal am Tag, immer mit Käse und Wein. Händler stellten spontan ein Buffet mit lokalen Köstlichkeiten auf dem örtlichen Mercato zur Verfügung, Restaurantbesitzerinnen referierten über ihre speziellen Pizzaöfen. Alles perfekt, man fühlte sich wie im Paradies. Dabei immer den Blick fürs Wesentliche zu behalten und sich nicht wie Gott in Piemont zu fühlen und das dann auch noch nicht zu werblich aufzuschreiben, ist gar nicht so einfach. Umso mehr schaute ich auf die Natur – und die ist fantastisch. Berge, Täler, Landschaften, Flüsse, Seen, die Region hat viel zu bieten. Ich hatte noch nie zuvor eine Reisereportage geschrieben, aber durch die vielseitige Landschaft fiel es mir nicht wirklich schwer.

Volontär auf Pressereise: Wo ist hier die Grenze?

Denn Reportagen leben von den Eindrücken vor Ort. Aber wo zieht man nun die Grenze? Schreibe ich den Namen des etwas kauzigen Almonkels, der seit 50 Jahren nichts anderes macht als seinen vorzüglichen Käse auf 1700 Metern herzustellen und der mich großzügig probieren ließ? Eigentlich eine interessante Geschichte, allerdings ist er nicht der einzige Mann mit einer traditionsreichen Käserei im Piemont. Ich habe mich demnach auf die Beschreibung der Szene beschränkt, weder Namen noch Orte genannt. Immer mit dem Anspruch, diesen äußerst netten Menschen nicht zu bevorzugen, nur weil er nun mit einer Agentur zusammenarbeitet. Wie gut die Reportage bei Leserinnen und Lesern ankommt, lässt sich schwer sagen, ich denke aber, dass die Qualität auch bei Reiseberichten durch gut angewandtes schreiberisches Handwerk zunimmt.  

Letztendlich bin ich mit meinen hautengen Radlerhosen über den Mercato gelaufen und habe den Heimflug in einem schweißaufsaugenden Shirt angetreten. Alles nur, weil ich nicht richtig gelesen hatte und von vier Radtouren während unseres Aufenthaltes  ausgegangen bin. Und natürlich auch, weil ich meinem neuen Freund Girgio sein spottbilliges weißes T-Shirt (in dem ich seiner Aussage nach fruchtbar bellissimo aussah) doch nicht abgekauft habe. Aber er ist übrigens der beste Händler in Piemont, wahrscheinlich der günstigste in Italien und vielleicht auch der qualitativ hochwertigste auf der Welt. So rein objektiv. 

 

Alles, was uns bewegt

Wie viel Nähe verträgt guter Journalismus?

Volontär Michael Postl (links) mit SPD-Politiker Kevin Kühnert.

Der Volontär hat während seiner Zeit als Lokaljournalist viele nette Menschen kennengelernt. Würde er sich von ihnen auch auf ein Bier einladen lassen?

Drei Freunde habe sie in der ihr zugeteilten Stadt, sagte mir unlängst eine Lokalredakteurin der Augsburger Allgemeinen. NUR drei muss man fast sagen, ist sie doch einen Katzensprung entfernt aufgewachsen und nicht nur deshalb in der Gegend tief verwurzelt. Bekannte, ja, da gibt es viele. Man könnte die halbe Stadt aufzählen, die meisten Bewohner und Bewohnerinnen kennt sie seit über 20 Jahren. Uns Volontären bleiben dagegen nur elf Monate in unserer Lokalzeit, in denen wir Kontakte knüpfen, pflegen und wieder aufgeben dürfen, beziehungsweise müssen.

Ich mag Christian Bräuninger (Name geändert). Er ist Gemeinderat in dem 6000-Seelen-Ort, den ich während meiner Zeit in der Friedberger Redaktion der Augsburger Allgemeinen lokalpolitisch betreut habe. Er unterstützt denselben Fußballverein wie ich und hat mir schon einige Male Hintergrundwissen vermittelt, das man sich in elf Monaten kaum aneignen kann: Strömungen, Meinungen, Entwicklungen innerhalb der Gemeinde, die für eine umfassende und ganzheitliche Berichterstattung unabdingbar sind. Er ist da nicht der einzige, ich könnte drei, vier weitere Rätinnen und Räte aufzählen, die ich sehr schätze. Von ihnen meldet sich aber eben niemand mit „Mölders“, dem Nachnamen meines Lieblingsspielers am Telefon, um sich einen Scherz zu erlauben.

Würde sich der Volontär sein Bier bezahlen lassen?

Christian Bräuninger ist auch sicherlich ein Mensch, mit dem ich ein Bier trinken würde. Würde ich es mir aber bezahlen lassen? Schwierig. Die Faustregel im Journalismus ist, wie mir ein ehemaliger Chef mal sagte, dass ein Geschenk nicht mehr kosten dürfe „als a Veschber“ – eine kleine Brotzeit also. Journalisten werden oft eingeladen und beschenkt, abhängig davon, worüber man berichtet. Die Bauersfrau drückt einem noch einen Salatkopf in die Hand, der Getränkehersteller ein paar Flaschen Glühwein, der Dönerbrater einen Gutschein für ein komplettes Menü.

Die Frage ist: Verschleiert ein vollgeschlagener Bauch mir die Sinne, wenn die nette Bäuerin und der herzliche Dönermann in ihrem Unternehmen eine Verfehlung unterläuft? Und für wen berichte ich eigentlich? Letzteres ist klar – für den Leser und die Leserin. Ersteres ist da schon schwieriger zu beantworten. Ich würde den Gemeinderat auch mögen, wenn er mir kein Bier ausgibt. Wenn er sich einen Fehler leistet, berichte ich trotzdem darüber – für die Leser. Es muss aber auch keinen Salat geben, damit ich erwähne, dass die Tiere es auf dem zu beschreibenden Bauernhof gut haben. Wäre das nicht der Fall, würde ich über diese Missstände ebenfalls berichten.

Freunde sind okay, auch im Journalismus

Journalisten sind die Anwälte ihrer Leser, sie berichten nicht nur, sondern enthüllen, beeinflussen, auch wenn sie sich noch so sehr um Objektivität bemühen, und polarisieren. Im Lokalen ist das nicht ganz einfach, da kann es auch mal sein, dass einem auf die Schulter geklopft wird für einen Text. Was womöglich als Lob gemeint ist, kann einem, der ein kritischer Journalist sein möchte, auch ein Dorn im Auge sein.

Fazit: Freunde sind okay, auch im Journalismus. Aber der wahre Freund ist immer der, der die Wahrheit sagt. Oder eben schreibt.

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein lehrreicher Ausflug zweier Volontäre in die Allianz Arena

In der Günter-Holland-Journalistenschule geht es nicht nur theoretisch zu. Viele praktische Inhalte sind über den Einführungsmonat verteilt, so auch ein Besuch beim Eishockey. Ein Fußballspiel stand bislang jedoch nicht auf dem Plan, so machten sich zwei Volontäre auf zum DFB-Pokalspiel in München. Dabei hatten sie eine professionelle Begleitung.

Mit Nachnamen heißen die Fußballer des FC Bayern offenbar alle gleich. Zumindest wenn es nach den Fans der TSG Hoffenheim geht. Diese schrien stets denselben Nachnamen, nachdem der Stadionsprecher der Allianz Arena den Vornamen des jeweiligen Bayern-Spielers vorgelesen hatte. Gut, so muss man sich als Außenstehender die vielen Namen immerhin nicht merken. Dass ihre Mütter aber tatsächlich ihre Körper für Geld verkaufen, dürfte der blühenden Fantasie der Hoffenheimer entspringen. Für uns waren die Nachnamen jedoch kein Problem. Denn mein Kollege und ich, beide Volontäre der Günter Holland Journalistenschule, sind Fußballfans durch und durch.

Das war auch der Grund, warum wir uns spontan entschlossen hatten, zum DFB-Pokalspiel des FC Bayern gegen Hoffenheim in die Münchner Allianz Arena zu fahren. Was wir nicht wussten: Es würde das letzte DFB-Pokalspiel in der Arena für lange Zeit sein. Denn knapp eineinhalb Monate später verkündete Markus Söder die Ausgangsbeschränkungen für ganz Bayern. An Fußballspiele mit Gegnerkontakt und Zuschauern war fortan nicht mehr zu denken.

Vom Voloseminar direkt in die Arena

Dafür waren wir an diesem bitterkalten Februarabend umso motivierter – und erinnern uns noch heute umso lieber und intensiver an dieses Erlebnis. Auch, weil wir in der zwar spärlich besetzten, aber dafür umso lauteren Hoffenheimer Kurve standen. Eine Kurve, für die wir relativ leicht Tickets bekommen hatten, weil das Stadion nicht ausverkauft war. Eigentlich ungewöhnlich für ein solches Spiel. Uns war das aber nur recht und so suchten wir schnurstracks Zugverbindungen heraus, die uns nach unserem Voloseminar an der Günter Holland Journalistenschule in Lechhausen nach München bringen würden.

Als wir gerade diskutierten, ob ein Bayernticket der Deutschen Bahn sinnvoll sei, fiel uns siedend heiß ein, dass wir ja bei der Augsburger Allgemeinen und damit in einer der größten bayerischen Zeitungsredaktionen arbeiten. Von dort musste doch irgendjemand das Spiel anschauen. Von Berufswegen. Ein Besuch in der Sportredaktion und schon hatten wir zwei Exklusivplätze auf der Rückbank eines Redaktionsautos. Kostenlos. Hurra. Hatten ja schon knapp 40 Euro für die Tickets gezahlt. Aber eine halbe Stunde später fanden wir uns erst einmal in einem Stau auf der A 8 in Höhe Dasing wieder.

Ein lehrreicher Ausflug zum Fußball

Schlimm war das aber nicht, war doch die Stimmung dank der zahlreichen Anekdoten des Kollegen aus der Sportredaktion bestens. Dies sollte sich während der gesamten zweieinhalbstündigen Fahrt nur kurz ändern, als das Gespräch auf die Lieblingsvereine HSV und 1860 München kam. Interessant waren auch die Einblicke, die unser Kollege geben konnte. Wir erfuhren nicht nur, inwieweit er bereits die Richtung seines Textes für die Augsburger Allgemeine im Kopf hatte, sondern auch, welche Fragen er bei der anschließenden Pressekonferenz zu stellen gedachte.

Und dann waren wir da. Imposant ist die Arena ja schon. Auch wenn man uns beiden Volos nicht unbedingt als Bayernfans bezeichnen kann. Gerade pünktlich zum Anpfiff saßen wir auf unseren Plätzen. Das satte Grün stand im Kontrast zu dem ansonsten bitterkalten und regnerischen Tag. Das Spiel war aber ohnehin interessanter, trafen mit dem FCB und Hoffenheim doch zwei ambitionierte Teams aufeinander. So langweilig die Partie aus unserer Sicht begonnen hatte (Tor für Bayern), so spektakulär hörte sie auf: Hoffenheim macht in der Schlussphase den Anschluss zum 4:3. Das Ergebnis war uns trotz seiner Knappheit dann aber doch nicht so wichtig, denn viel einprägsamer war die Stimmung.

Der AZ-Sportredakteur ließ keine Frage unbeantwortet

Lange Zeit hielt das Hoffenheimer Grüppchen lautstärketechnisch einigermaßen mit, und sogar die Münchner Fans ließen sich zu einem Wechselgesang hinreißen. Was im Februar noch selbst bei einem Sieg unwahrscheinlich war, ist heute in Zeiten von Geisterspielen unvorstellbar. Was sich festhalten lässt, ist, dass sogar ein Spiel der Bayern gegen Hoffenheim von der Stimmung her besser ist als ein Spiel ohne Zuschauer. Ob diese Einschätzung auch etwas mit unserer Begegnung mit Oliver Kahn am Bayernbus zu tun hat? Vielleicht. Aber noch viel interessanter war, dass der Sportredakteur, der seinen Text live während des Spiels verfasst hatte, uns sein Vorgehen bei der Heimfahrt schilderte. Insofern war der Ausflug auch lehrreich. Und wenn die Bayern demnächst ihre Meisterschaft vor einem leeren Marienplatz feiern, könnte sogar Nostalgie mitschwingen. Und das liegt nicht nur daran, dass die Meisterfeiern auch vor Corona schon immer weniger Besucher hatten.