Jens Noll



Jeden Tag ein Abenteuer

Recherchieren, wo andere Urlaub machen

Ich sollte für eine Reisereportage nach Italien reisen? Doch die Kollegen im Ressort Kultur und Journal meinten es ernst. Sie boten mir an, an einer Pressereise in die Provinz Trentino teilzunehmen.

Zuerst hielt ich es für einen Scherz. Ich sollte für eine Reisereportage nach Italien reisen? Doch die Kollegen im Ressort Kultur und Journal meinten es ernst. Sie boten mir an, an einer Pressereise in die Provinz Trentino teilzunehmen. Nachdem ich den Termin geprüft, die Erlaubnis der Chefredaktion eingeholt und mich angemeldet hatte, konnte es tatsächlich losgehen. Veranstalter der Reise waren die Deutsche und die Österreichische Bahn. So erfolgte die Anreise im Zug. Für die Strecke von Augsburg nach München bekam ich ein Erste-Klasse-Ticket zugeschickt. Praktisch, wenn man einfach den nächstbesten Zug nehmen kann, ohne sich über den Preis Gedanken zu machen. Im Zug von München nach Trient waren dann für die ganze Journalistengruppe Plätze reserviert, natürlich auch in der ersten Klasse. Die Reise über den Brennerpass fiel entsprechend komfortabel aus: Breite Ledersitze, Essen im Speisewagen, äußerst zuvorkommendes Personal und zwei besonders freundliche Reiseleiter. Doch die Reise war auch mit etwas Arbeit verbunden. Das merkte man spätestens, als die ersten Pressemappen verteilt wurden. Ein Dutzend Journalisten nahm an der Reise teil, die meisten aus Bayern, drei aus Österreich. Sie kamen von unterschiedlichen Medien und hatten ganz unterschiedliche Interessen an den einzelnen Programmpunkten. Viele kannten sich bereits von früheren Reisen. Jeder duzte jeden, unsere Reiseleiter mit eingeschlossen.

Am Bahnhof in Trient, 60 Kilometer südlich von Bozen, wartete bereits ein Kleinbus auf uns. Eigentlich hätten wir die paar Meter zum Hotel auch laufen können, doch es tröpfelte ein wenig und unsere Gastgeber wollten wohl nicht, dass wir nass werden. Viel Zeit hatten wir nach dem Einchecken im Hotel nicht. Das Programm begann mit einer Führung durch das Wissenschaftsmuseum Muse, einer neuen Attraktion in Trient. Das sah wieder mehr nach Arbeit aus: Alle machten Fotos und Notizen, ein Kollege vom Radio nahm O-Töne auf. An die Führung schloss sich ein Rundgang durch die Altstadt an. Bevor der Tag mit einem guten Abendessen und vielen Gesprächen ausklang, hörten wir noch einen Vortrag über zwei besondere Bahnstrecken im Trentino.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit einem der Züge in das Val di Non, ein Seitental, in dem während unseres Besuches die Apfelbäume in voller Blüte standen. Wir stiegen an einem kleinen Bahnhof aus, an dem wieder ein Kleinbus wartete. Der brachte uns zum Castel Thun, einem Schloss, das äußerst fotogen über dem Tal liegt. „Fotostop“, riefen einige Teilnehmer, worauf der Fahrer anhielt und uns knipsen ließ. Nach einer Schlossführung und einem üppigen Mittagessen folgte eine sportliche Einlage: eine geführte Tour mit E-Bikes an einem See entlang. Da kam wieder Urlaubsstimmung auf, zumal am Nachmittag noch der Besuch eines Weinguts mit Weinprobe auf dem Programm stand. Dennoch blieb auch an diesem Tag, der wieder mit einem gemeinsamen Essen endete, nicht mehr viel Freizeit.

Am letzten Tag ging es mit der anderen Bahn in das Tal Valsugana nach Levico Terme, einem Kurort mit Badesee. Erst gab es im Kurpark einige Informationen über den Ort, dann einen Espresso in der Ortsmitte, einen Spaziergang zum See, eine Präsentation über den Tourismus im Valsugana, dann Mittagessen auf der Terrasse eines Hotels direkt am See. Gerade, als sich wieder die Urlaubsstimmung einstellte, hieß es: Zeit zu gehen! Ein Kleinbus brachte uns und unser erweitertes Gepäck (Taschen voller Pressemappen, Karten und Prospekte) wieder nach Trient. Auf der Rückfahrt mit dem Zug nach München erkundigten sich einige der Mitreisenden bereits nach dem Ziel der nächsten Pressereise der Bahn.

Fazit: Es ist sehr angenehm, dort Informationen zu sammeln, wo andere Urlaub machen. Obendrein gibt es Essen und Aktivitäten zum Nulltarif. Dafür nimmt man allerdings ein komplett durchorganisiertes Programm in Kauf. Die Gegenleistung besteht darin, eine Reisereportage für unsere Zeitung zu schreiben. Kein schlechter Deal.

Fotos: Jens Noll

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