Oliver Wolff

Oliver Wolff, Jahrgang 1992, ist in Augsburg geboren. Er hat nur im übertragenen Sinn den klassischen Weg gewählt. Nach seinem Musikstudium in der deutschen Mozartstadt und einem Engagement als Filmkomponist für einen Kinofilm schnupperte der Violinist als freier Mitarbeiter in den Kultur- und Lokaljournalismus. Ein Quereinstieg, der nicht von ungefähr kommt. Ob auf der Bühne oder am Schreibtisch – Musiker und Journalisten haben einiges gemeinsam: Sie präsentieren ihre Arbeit anderen Menschen, stehen unter Beobachtung der Konsumenten und sollten neben all ihrer Kreativität bestenfalls ihr Handwerk beherrschen. Besonders faszinierend am Journalistenalltag ist für den Volontär, Informationen aus erster Hand zu erfahren und andere darüber zu informieren. Kurzum: dabeisein, wenn die Musik spielt.

Alles, was uns bewegt Jeden Tag ein Abenteuer

Lokales und Mantel: im Grunde gleich, nur anders

Augsburger Allgemeine und Mindelheimer Zeitung

Im Lokal-Teil einer Tageszeitung führen wir Gespräche meist mit im Ort oder im Landkreis bekannten Persönlichkeiten. Im Mantel-Teil dagegen versuchen wir, in der Berichterstattung eine gewisse Metaebene zu erzeugen.

Das Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule ist zweigeteilt. Die erste Hälfte arbeiten die Volontäre in einer Lokalredaktion und im zweiten Ausbildungsjahr durchlaufen sie so gut wie alle Ressorts der Zentrale in Augsburg-Lechhausen. Nach knapp 11 Monaten in der Lokalredaktion Mindelheim bin ich direkt in die Politik- und Wirtschaftsredaktion gekommen.

Politik und Wirtschaft: Zwei Ressorts in einer Redaktion 

Sie ist eine der größten Redaktionen der Augsburger Allgemeinen und vereint die beiden Ressorts Politik und Wirtschaft, weil die Themen oft verzahnt sind. Politische Entscheidungen haben meistens unmittelbare Auswirkungen auf die Wirtschaft, und anders herum bestimmt die wirtschaftliche Konjunktur den politischen Diskurs. Volontäre arbeiten einen Monat in der Abteilung Politik und einen Monat in der Abteilung Wirtschaft. Aber auch hier sind die Übergänge fließend. Je nach Nachrichtenlage schreiben wir über politische Themen oder über wirtschaftliche.   

Da ich unmittelbar von der Lokalredaktion in das Nachrichten-Ressort gewechselt bin, konnte ich feststellen, wie unterschiedlich dort die Arbeit im Vergleich zum Lokalen ist. Klar, die journalistische Herangehensweise ist im Grunde gleich: Man schreibt über Themen und benötigt dafür Aussagen von Experten, von wichtigen oder interessanten Personen, die etwas zu erzählen haben.

Warum im Lokalen die redaktionelle Auswahl der Gesprächsteilnehmer anders ist

Aber die Auswahl der Gesprächsteilnehmer, die der Volontär oder der Redakteur vornimmt, ist anders. Im Lokalen führen wir Gespräche meist mit im Ort oder im Landkreis bekannten Persönlichkeiten: Das können Bürgermeister sein, Wirte, Ladenbesitzer, Vertreter von Vereinen oder Bürger aus der Region, die ihre Erlebnisse schildern möchten. Alles, was diese Menschen erzählen, ist relevant für die Leser zum Beispiel der Mindelheimer Zeitung, aber in den meisten Fällen nicht relevant für etwa die nur 25 Kilometer entfernten Leser des Lokalteils der Schwabmünchner Allgemeine.

Im Sommer 2020 besuchte ich den Mindelheimer Koch und Gastronom Peter Weyh-Immerz

Im Sommer 2020 besuchte ich den Mindelheimer Koch und Gastronomen Peter Weyh-Immerz. Bild: Oliver Wolff

Das heißt, mit einer veränderten Zielgruppe passen wir unsere redaktionelle Auswahl der Gesprächsteilnehmer an, obwohl wir oft über das gleiche, übergeordnete Thema schreiben. Die Corona-Berichterstattung in Mindelheim habe ich mit am Ort ansässigen Personen gemacht: Ärzte, Gewerbetreibende, Bürger aus und um Mindelheim. Im Mantelteil der Augsburger Allgemeinen dagegen setzen wir den Fokus bayern- und bundesweit. Da diese Artikel nicht nur in Augsburg, sondern auch im Allgäu (Allgäuer Zeitung) oder in Unterfranken (Main-Post) gelesen werden – und online potenziell im gesamten deutschsprachigen Raum.

Im Mantel ist die Recherche meist aufwändiger

Wir sprechen zum Beispiel mit Bundesvereinigungen, Bundesvorständen oder Bundespolitikern, um eine gewisse Metaebene in der Berichterstattung zu erzeugen. Während im Lokalen die Gesprächspartner in den meisten Fällen Protagonisten sind, hat im Mantel vor allem das Thema Priorität. Nicht selten fragen wir mehrere Gesprächspartner, zum Beispiel Regierung und die Opposition – um Aussagen und vermeintliche Fakten zu verifizieren. Oder um einen Widerspruch darzustellen. In einem Artikel über die geplante Einführung einer Bürgernummer habe ich zum Beispiel sechs Personen zu Wort kommen lassen, unter ihnen zwei Universitätsprofessoren, um die Pläne der Bundesregierung einzuordnen. Eine solch aufwendige Recherche gibt es im Lokalen meistens nicht.

Nichtsdestotrotz, die journalistischen Maßstäbe bleiben gleich, egal ob wir im Lokalen ein Interview mit dem Landwirt aus dem Nachbarort führen oder im Mantel mit einem führenden Politiker: Neutralität ist für den Autor das oberste Gebot. Es ist immer besser, wenn der Autor jemanden zitiert, als seine eigene Einschätzung zu einem Thema zu geben. Denn die eigene Meinung ist nie objektiv.

Jeden Tag ein Abenteuer

Einblicke ins wahre Leben: Alltag eines Gerichtsreporters

Die Presse wird oft als "Vierte Gewalt" bezeichnet. Als Reporter trägt man eine große Verantwortung. Foto: Tanja Gimmi

Die Presse wird oft als „Vierte Gewalt“ bezeichnet. Journalisten haben als Gerichtsreporter nicht nur eine Kontrollfunktion. Hinter Kriminalfällen verbergen sich oft gesellschaftliche Probleme und persönliche Schicksale. Über die Erfahrungen der Opfer wird in der Öffentlichkeit nur selten gesprochen.

Die Gerichtsberichterstattung ist jedes Mal aufs neue ein Abenteuer. „Schreib alles mit, was Du für wichtig hältst“, gibt mir meine Kollegin in der Lokalredaktion vor dem ersten Einsatz als Reporter mit auf den Weg. „Na super“, denke ich mir. Was ist denn alles wichtig? Die vielen guten Tipps aus unserem siebenwöchigen Einführungskurs sind zwar nicht vergessen, doch in der Praxis ist man auf sich alleine gestellt, macht vieles intuitiv. Eine leichte Aufregung ist schon da beim ersten Mal. 

Mein erster Einsatz als Gerichtsreporter

Mit Block und Stift schreite ich ins Amtsgericht, Audio-Mitschnitte während der Verhandlung sind ja verboten. Im Gericht angekommen packe ich mein Hab und Gut aus, denn zuerst muss ich durch die Sicherheitsschleuse. „Sie sind von der Presse, oder?“, fragt mich ein Justizbeamter. Ich zeige ihm meinen Presseausweis und erhalte prompt ohne Kontrolle Zugang ins Gebäude – andere Gäste müssen warten und schauen mich skeptisch an.

An der Tafel erfahre ich, wo „mein“ Prozess stattfindet. Ich bin natürlich viel zu früh da. Der Verhandlungssaal ist noch abgesperrt, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Ich setze mich auf die Wartebank – dort, wo normalerweise die Zeugen Platz nehmen. Die Bank fühlt sich nicht gut an, etwas hart.

„Sie sind ein Zeuge?“ werde ich plötzlich hinterrücks von einem mir unbekannten Mann angesprochen. „Nein, nein, ich schaue nur zu“, antworte ich. Wie sich später herausstellt, sprach mich der Verteidiger an. Wäre ich ein Zeuge gewesen, was wollte er von mir? Eine Antwort werde ich wohl nie erhalten.

Die Mitschrift ist ein Fall für Grafologen

Nach einer gefühlten Ewigkeit versammeln sich immer mehr Menschen vor dem Saal. Gleich geht es los. Drinnen suche ich mir einen Platz mit guter Sicht auf die Anklagebank. Ich beobachte das Verhalten des mutmaßlichen Täters, schaue ihm in die Augen. Er ist ein 23-Jähriger, der viel auf dem Kerbholz haben soll: gefährliche Körperverletzung, Beamtenbeleidigung und Bedrohung. So gefährlich schaut er gar nicht aus.

Die Staatsanwaltschaft braucht über fünf Minuten, um die Anklageschrift zu verlesen. Mir tut bald die Hand weh.Audio-Aufzeichnungen sind im Gerichtssaal verboten. Deshalb gilt, mitzuschreiben. Je schneller, desto besser. Foto: Oliver Wolff Muss ich wirklich alles mitschreiben? Schließlich sollte mein Gekrakel halbwegs entzifferbar bleiben. Schnell komme ich zum Entschluss, mich auf Stichpunkte zu beschränken – sozusagen als Gedächtnisstütze.

Tiefgründige Zitate schreibe ich im Wortlaut mit. Das sind Sätze wie „um mich und mein Verhalten zu verstehen, müssen Sie in meiner Vergangenheit herumwühlen, und das möchte ich nicht“. Etwa 90 Minuten lang geht meine Premiere im Gericht. Zurück in der Redaktion haue ich das Erlebte in die Tasten, es muss ja schließlich aktuell ins Blatt. Das Schreiben geht schneller als gedacht, ich benötige kaum Blicke in meine Notizen.

Bei spannenden Kriminalfällen hautnah dabei

Mein Rekord bezüglich der Dauer von Gerichtsverhandlungen liegt mittlerweile bei fünfeinhalb Stunden. Das heißt, fünfeinhalb Stunden Konzentration. Und wichtig dabei: Bei kurzen Unterbrechungen sofort aufstehen, den Saal verlassen und die eingeschlafenen Füße vertreten. Langes Sitzen auf harten Stühlen ist der Preis für spannende Kriminalfälle.

Zum Beispiel wird eine Mutter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem sie ihren Sohn dazu angestiftet hat, Drogen in der Schule zu verticken. Oder ein Ingenieur wird aus der U-Haft in Handschellen vor den Richter geführt, weil er bei einem Automobilzulieferer 220 Gigabyte Daten, darunter geheime Forschungsergebnisse, gestohlen und Konkurrenzherstellern zum Kauf angeboten hat.

Wer sind die, die so etwas machen? Was sind ihre Beweggründe? Im Gericht erfahre ich etwas über ihre Herkunft, ihre Vita. Manche Angeklagten zeigen Gefühle, andere verstarren stundenlang, geben keinen Mucks von sich und lassen nur ihre Anwälte sprechen. Oft sind die Beschuldigten äußerlich total unscheinbare Menschen. Menschen, die meine Nachbarn sein könnten.

Gerichtstermine: Im Journalismus sind sie unentbehrlich

Was ich mir im Nachhinein oft denke: Viele Urteile fallen milde aus. Aber das ist nur meine persönliche Wahrnehmung, auch geschuldet meiner noch wenigen Erfahrung. Mit mehr Routine verstehe ich vielleicht manches Strafmaß besser. 

Als Gerichtsreporter habe ich wichtige Aufgaben: Zum einen ist die Presse eine Art Kontrollinstanz, auch wenn das Staatsanwaltschaft und Richter möglicherweise ungern hören wollen. Zum anderen kann ich mit meinen Berichten der Öffentlichkeit einen Einblick in juristische und gesellschaftliche Angelegenheiten geben. 

Oft kommen die Erfahrungen der Opfer zu kurz – in Verhandlungen und in der Berichterstattung. Das ist ein Problem. Viele sagen, im Gericht spiele sich das „wahre Leben“ ab. Für Beobachter kann ein Besuch im Gericht eine wertvolle Erfahrung sein. Journalisten wird oft vorgeworfen, in einer Filterblase zu leben – manchmal zu Recht.