Marlene Weyerer

Marlene Weyerer, Jahrgang 1995, aus München. Aufgewachsen in Giesing zwischen 60er Stadion und Bayern-Trainingsgelände kristallisierte sich schon früh kein großes Interesse an Fußball heraus. Dafür umso mehr am Schreiben. Somit stand bereits nach dem Abitur der Berufswunsch Journalismus fest. Um eine fachliche Grundlage zu haben, studierte sie aber erst Chemie im Bachelor und dann im Master Journalismus in Mainz. Praktika hatte sie bei der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, BR und SWR. In ihrem Lokaljahr in Aichach freut sie sich darüber, im Lokalen über eine möglichst bunte Vielfalt an Themen zu schreiben. Vielleicht sogar über Fußball.

Jeden Tag ein Abenteuer

Volontärin kommt (400 Meter) hoch hinaus

Nach Monaten im Homeoffice können die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule in ihrem Lokaljahr bei der Augsburger Allgemeinen jetzt endlich die Gegend erkunden. Die Volontärin in Aichach wird sich an drei ihrer Geschichten noch lange erinnern.

Lokaljournalismus. Das bedeutet für mich rausgehen, mit Leuten reden. Ständig unterwegs sein und möglichst viele Menschen in der Umgebung kennenlernen. Kurz: Karla Kolumna sein. Diesem Vorhaben stand recht früh in meinem Lokaljahr etwas im Weg: Wegen Corona sollte ich lange nicht auf Termine fahren, war zwei Monate lang im Homeoffice. Dabei ist die Region um Aichach, das Wittelsbacher Land, wunderschön und voller Geschichten.

Jetzt im Sommer hat sich die Arbeit zum Glück einigermaßen normalisiert. Inzwischen bin ich oft draußen unterwegs, lerne Leute und Gegend endlich kennen. Das Gericht, das Freibad, die Wochenmärkte. Viele Orte und Termine. Drei Geschichten haben es mir aber besonders angetan: eine Nachtschicht mit den First Respondern, eine Weizenernte und eine Heißluftballonfahrt.

Volontärin der Günter Holland Journalistenschule übernachtet im Feuerwehrhaus

First Responder sind ehrenamtliche Helfer, die Versorgungslücken im ländlichen Raum schließen. In Aindling zum Beispiel gibt es nachts keinen professionellen Rettungsdienst. Bis ein Krankenwagen aus den umliegenden Orten eintrifft, braucht es meist um die zwanzig Minuten. Bei Notfällen kann aber jede Minute entscheidend sein. Da kommen die First Responder ins Spiel.

In Aindling sind sie Teil der Freiwilligen Feuerwehr. Bei Notfällen sind sie nachts die ersten, die vor Ort sind. Für meine Reportage wollte ich bei einer Schicht dabei sein. Die First Responder waren begeistert davon, dass jemand von der Augsburger Allgemeinen sich ihre Arbeit ansieht. Als ich ankam, war mein Bett im Feuerwehrhaus bereits bezogen. Ich bekam einen „Funkpiepser“, den die First Responder so nennen, weil er bei Notfällen sehr laut piepst. Außerdem erhielt ich eine Jacke, wie sie auch die First Responder tragen.

Volontärin Marlene Weyerer mit der First-Responder-Jacke.

Ich unterhielt mich lange mit den Männern, bekam viele Geschichten erzählt. Von Einsätzen, die gut endeten. Von Patienten, denen sie nicht mehr helfen konnten. Von Bildern, die sie nicht mehr vergessen würden. In der Nacht konnte ich kaum schlafen. Die ganze Zeit hatte ich den Piepser neben mir und war nervös. Man hatte mir gesagt, wenn es piepst, müsste ich in eineinhalb Minuten unten sein. Jacke, Block und Stift lagen griffbereit neben dem Bett.

Am Ende war die Sorge umsonst. Das Einzige, was laut klingelte, war mein Handy: Der Wecker sagte Bescheid, dass die Schicht vorbei war. Komplett übernächtigt und etwas enttäuscht begab ich mich um halbsieben Uhr morgens auf den Heimweg. Trotzdem machte es Spaß die Geschichte zu schreiben. Und zumindest habe ich einen Einblick bekommen, was so eine Nachtschicht bedeuten kann.

Der Landwirt Richard Herb erntet in Sielenbach mit seinem Mähdrescher den ersten Weizen.

Mein zweites Reportage-Thema war die Getreideernte. Ich begleitete einen Landwirt aus Sielenbach bei seiner ersten Weizenernte in diesem Jahr. Als ich in den Mähdrescher kletterte, war der Bauer etwas erstaunt über die viele Ausrüstung, die es für so eine Geschichte braucht: Block und Stift in der einen Hand, mein Handy für die Instagram-Story in der anderen Hand und eine Kamera über der Schulter.

Mähdrescher sieht man ja oft genug von weitem, es ist aber etwas ganz Anderes in einem drin zu sitzen. Auch hier war das spannendste das Gespräch mit dem Landwirt, der nach einer Weile sehr locker erzählte. Die gewohnte Umgebung hat da sicherlich geholfen. Zwischenzeitlich durfte ich mich auch mal auf den Fahrersitz setzen und Weizen ernten.

Ausblick auf das Wittelsbacher Land

Ebenfalls viel anpacken konnte ich bei meinem dritten Reportage-Termin. In der Region ist häufig ein Heißluftballon mit dem Logo des Wittelsbacher Lands zu beobachten. Für die Geschichte sollte ich mal von oben herab auf das Wittelsbacher Land sehen. Morgens um 5.45 Uhr traf ich mich mit zwei anderen Mitfahrerinnen und dem Ballonfahrer in Obergriesbach. Der Wecker um 4.30 Uhr war zwar nicht angenehm, dafür verzauberte die Natur um diese Uhrzeit: Morgenröte färbte den Nebel über dem Boden rosa. Viel kitschiger kann Landschaft gar nicht aussehen. Bei dem Aufbau des Ballons mussten wir kräftig mithelfen und dann hoben wir auch schon ab. Passend mit dem Start des Heißluftballons ging die Sonne auf. Die Fahrt (Ballone fliegen nicht, sie fahren, wie mein Ballonfahrer betonte) war ein tolles Erlebnis. Und die Aussicht auf das Wittelsbacher Land wunderschön.

Mit diesen und vielen weiteren Geschichten habe ich langsam das Gefühl, Karla Kolumna näher zu kommen. Auch wenn es natürlich Jahre und Jahrzehnte braucht, sich wirklich auszukennen: Ich kenne inzwischen doch schon einige Leute aus der Region und habe viele Ecken gesehen. Auch aus ganz ungewöhnlichen Perspektiven.

Die Ballonfahrt ging über Orte, Flüsse und viele Felder.