Daniel Weber

Daniel Weber ist mit der Friedberger Allgemeinen aufgewachsen. Dass es ihm im schönen Friedberg sehr gefällt, bewies er, als er gleich nach seinem Studium an der Universität Zürich wieder zurück in die Heimat zog. Mit einem Master in Philosophie, Psychologie und Gender Studies in der Tasche pendelte er zunächst nach München, um dort Redaktionsluft zu schnuppern. In der Branche fühlte er sich von Beginn an wohl, die eintönige Fahrerei tauschte er allerdings rasch gegen eine kreative freie Mitarbeit bei der Lokalredaktion der Friedberger Allgemeinen ein. Die konnte der begeisterte Ausdauersportler bequem mit dem Fahrrad erreichen. Im Jahr darauf begann er sein Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule, derzeit schreibt er für die Lokalredaktion in Schwabmünchen. Die ist zwar etwas weiter weg von Friedberg, aber hin und wieder müsste es trotzdem mit dem Fahrrad klappen.

Jeden Tag ein Abenteuer

Einmal Ungarn und zurück

Simon Erno, ungarischer Sprecher des UNHCR, schildert Volontär Daniel Weber, wie es am Bahnhof Keleti in Budapest vor fünf Jahren zuging. Bild: Max Kramer

Erst konnte ich kaum glauben, was mir mein Volontärs-Kollege Max Kramer da sagte. Das Journal-Ressort der Augsburger Allgemeinen hatte ihm angeboten, für unsere Samstagsbeilage eine große Reportage über den Beginn der Flüchtlingskrise zu schreiben, der sich bald zum fünften Mal jähren würde. Damals kamen innerhalb weniger Wochen zigtausende Menschen über die Balkanroute am Münchner Hauptbahnhof […]

Erst konnte ich kaum glauben, was mir mein Volontärs-Kollege Max Kramer da sagte. Das Journal-Ressort der Augsburger Allgemeinen hatte ihm angeboten, für unsere Samstagsbeilage eine große Reportage über den Beginn der Flüchtlingskrise zu schreiben, der sich bald zum fünften Mal jähren würde. Damals kamen innerhalb weniger Wochen zigtausende Menschen über die Balkanroute am Münchner Hauptbahnhof an. Für die Recherche sollte Max die damals wichtigen Stationen von München bis Budapest selbst in Augenschein nehmen. Eine Wahnsinns-Geschichte! Und das Tollste daran: Ich sollte mich mit ihm zusammen auf den Weg machen.

Natürlich sagte ich sofort zu. Wie viele spannende Erlebnisse und wie viel Arbeit ich mir damit beschert hatte, ahnte ich das erste Mal, als wir das Projekt mit den Kollegen durchsprachen. Max und ich bekamen freie Hand: Wir sollten die wichtigen Orte auf der Flüchtlingsroute abklappern und uns dort von Zeitzeugen erzählen lassen, wie es damals war. Etwa fünf Tage dürfe die Reise dauern, die Kosten trage die Redaktion.

Als Volontär die Recherchereise selbst planen

So viel Freiraum bedeutete eine Menge Organisationsaufwand im Vorfeld. Max und ich stürzten uns in die Recherche, bis wir genau wussten, wann, wo und warum vor fünf Jahren welche Flüchtlinge unterwegs gewesen waren. Wir entwarfen eine Reiseroute, die uns von München über alle damals wichtigen Stationen durch Österreich in die ungarische Hauptstadt Budapest führen würde. Dort hatte die Flüchtlingskrise für Deutschland ihren Anfang genommen.

Nachdem wir die Strecke geklärt hatten, ging es los mit dem Telefonieren und Mail-Schreiben. Wir kontaktierten Organisationen und Behörden in Deutschland, Österreich und Ungarn auf der Suche nach passenden Gesprächspartnern, die damals involviert waren und sich mit uns vor Ort treffen würden. Dabei saß uns immer die Zeit im Nacken: In wenigen Tagen sollte es losgehen, aber ausgerechnet in München, unserer ersten Station, hatten wir lange kein Glück. Alle vielversprechenden Kontakte waren entweder gerade im Urlaub, hatten am fraglichen Tag keine Zeit oder wollten wahlweise ihren Namen oder ihr Foto nicht der Öffentlichkeit preisgeben.

Kommunikationsprobleme am Telefon

Außerdem gestaltete sich die Kommunikation mit den ungarischen Quellen sehr schwierig, weil wir kein Ungarisch können und viele Ungarn offenbar nicht nur kein Deutsch, sondern auch kein Englisch. Aber schließlich hatten wir Polizisten, Helfer von Nicht-Regierungsorganisationen, Flüchtlinge, Anwohner, Bürgermeister, Bahnhofspersonal und sogar den ehemaligen österreichischen Kanzler Christian Kern für unsere Geschichte gewinnen können.

Weil wir auch für das Bildmaterial selbst sorgen sollten, suchten wir uns vor unserer Reise viele Archivfotos zusammen, die an den Orten aufgenommen worden waren, die wir besuchen wollten. Wir hofften, einige der Plätze wiederzufinden und wollten vorher-nachher-Aufnahmen machen. Mit den Online-Kollegen planten wir außerdem Videos für eine Multimedia-Reportage und eine Instagram-Story. Dann deckten wir uns mit allerlei Kabelgewirr, Handy, Mikrofon, Kamera, Stativ, Laptop und einer großen Packung Masken ein und reservierten einen Dienstwagen. Und los ging’s.

Journalismus kann ziemlich anstrengend sein

Unterwegs lief einfach alles glatt. Wir hatten uns genau die richtigen Gesprächspartner geangelt, genau die richtigen Schauplätze ausgesucht, sogar die Aufnahmeorte der Archivbilder fanden wir wieder. Nur für Sightseeing blieb leider keine Zeit, weil wir immer entweder einen Zeitzeugen interviewten, fotografierten oder filmten, irgendwo auf Spurensuche waren oder auf dem Weg zum nächsten Termin im Auto saßen. Nach dem Check-in im Hotel, einem Abendessen und einer abschließenden Lagebesprechung waren wir immer so müde, dass wir froh waren, ins Bett zu dürfen. Denn am nächsten Morgen ging es schon früh wieder los.

Eine Zeitzeugin zeigt Volontär Max Kramer, wo die Flüchtlinge vor fünf Jahren über den Grenzfluss zwischen Salzburg und Freilassing nach Deutschland kamen. Bild: Daniel Weber

Eine Zeitzeugin zeigt Volontär Max Kramer, wo die Flüchtlinge vor fünf Jahren über den Grenzfluss zwischen Salzburg und Freilassing nach Deutschland kamen. Bild: Daniel Weber

Dafür erfuhren wir in den fünf Tagen so viele spannende Geschichten, dass wir sie unmöglich alle in der Reportage unterbringen konnten. Die zu schreiben war eine Menge Arbeit: Sechs Seiten Platz bekamen wir in der Samstagsbeilage für unsere Texte. Unsere Geschichten und die vorher-nachher-Bildpaare kamen bei den Kollegen gut an, aber noch war die Arbeit nicht erledigt. Die Videos mussten für die Multimedia-Reportage (hier verlinkt) und die Instagram-Story geschnitten, der Artikel für das Netz mit weiteren Bildern aufgehübscht, Facebook-Kacheln zum Verlinken gebaut werden, und, und, und.

Aber am Ende hat sich der ganze Aufwand mehr als gelohnt. Obwohl einige unserer Kollegen selbst vor fünf Jahren über die Flüchtlingskrise berichtet hatten, sagten sie, dass sie beim Lesen der Reportage viel Neues erfahren hätten. Abgesehen davon war es eine tolle Erfahrung, ein so großes Projekt so selbstständig durchführen zu können. Und bei schönstem Sommerwetter hatte das Arbeiten direkt am Grenzfluss zum österreichischen Salzburg, im für Passanten gesperrten Bereich der österreichisch-ungarischen Zollstation oder in der Altstadt von Budapest immer auch einen Touch von Urlaub.

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein Volontär erklärt: Was hat denn Facebook mit Journalismus zu tun?

Lokalredakteur – das klingt für den Laien vielleicht nach verstaubter Berichterstattung über Gemeinderäte und Dorffeste. Weit gefehlt! Die Redakteure der 16 Lokalteile der Augsburger Allgemeinen behalten auch die sozialen Netzwerke stets im Blick.

Lokalredakteur – das klingt für den Laien vielleicht nach verstaubter Berichterstattung über Gemeinderäte und Dorffeste. Weit gefehlt! Die Redakteure der 16 Lokalteile der Augsburger Allgemeinen behalten auch die sozialen Netzwerke stets im Blick. Nicht selten schreiben Menschen aus unserem Einzugsgebiet dort über Entwicklungen vor ihrer Haustüre, die hervorragende Themen für die Berichterstattung abgeben und von denen wir sonst nie erfahren würden.

Derzeit volontiere ich in der Lokalredaktion Schwabmünchen und betreue dort vor allem die Gemeinde Untermeitingen. Sie hat vor kurzem einen 40 Jahre alten Spielplatz saniert. Eine Mutter hatte offenbar mit ihrem Nachwuchs die neuen Geräte getestet und war dabei auf ein großes Banner am Zaun einer Anwohnerin aufmerksam geworden. „Auch Anwohner haben ein Recht auf Ruhezeiten!“, prangte dort in roten Lettern. Die Frau postete ein Foto des Schriftzugs in einer lokalen Facebook-Gruppe und bekam schnell viele Kommentare von anderen Untermeitingern, die von „lasst die Kinder doch spielen“ bis zu „die armen Anwohner“ reichten. Ganz klar: Das Thema interessierte die Leute vor Ort.

Dieser Facebook-Post löste einen Wirbel aus. Der Volontär der Schwabmünchner Allgemeinen, Daniel Weber, entdeckte ihn. Foto: Screenshot, Facebook

Der Volontär folgt der Facebook-Spur und recherchiert

Grund genug, die Sache selbst in Augenschein zu nehmen – also schnell Block, Stift und Kamera eingepackt, den Kollegen ein „Ich bin mal kurz auf dem Spielplatz“ zugerufen und ab ins Auto. Vor Ort wollte ich mir als erstes ein Bild von der Anlage machen und das Banner suchen. Doch gleich beim Eingang zum Spielplatz sah ich eine Anwohnerin durch ihren Garten laufen, der direkt an den Spielplatz grenzte. Die erste potenzielle Quelle, wie praktisch! Und der perfekte Glücksgriff, wie sich herausstellen sollte: Sie war nicht nur freundlich und auskunftsfreudig, sondern auch die Urheberin des Banners, das ich wenige Meter entfernt am Zaun entdeckte.
Wortreich beschwerte sich die Frau bei mir über die Gemeinde, die den Spielplatz nicht nur saniert, sondern zu einem Abenteuerparadies umgestaltet und einige Geräte direkt vor ihrem Grundstück platziert habe. Einen Austausch mit den Anwohnern habe es kaum gegeben. Nun kämen viel zu viele Kinder, den ganzen Tag herrsche Geschrei. Am Wochenende sei es besonders schlimm. Die Eltern kümmerten sich nicht darum, dass die Kleinen direkt vor ihrem Zaun spielten, stattdessen würden sie auf der Wiese picknicken oder selbst an Volleyball-Netz und Slackline spielen. Am Abend kämen dann die Jugendlichen, würden zum Teil mit Mofas auf den Spielplatz und mit Fahrrädern die Rutsche hinunter fahren.

Weiter beschwerte sich die Frau, dass die Gemeinde ihr eine Efeuwand oder anderen Lärmschutz untersagt habe. Stattdessen sei diese Hecke am Rand des Spielplatzes vor ihren Zaun gepflanzt worden. Ich blickte belustigt auf ein paar frisch gesetzte, hüfthohe Pflanzen, die keinerlei Lärm- oder Sichtschutz boten. Der Krach sei unerträglich, sagte die Frau. Sie und ihr Mann hätten das Haus erst vor zwei Jahren gebaut, nun wollten sie es verkaufen.
Sie erzählte so viele interessante Details, dass ich mit dem Schreiben kaum hinterherkam. Sie verriet auch, dass die Jugendlichen ihr Abfall in den Garten würfen. Viel mehr lande aber auf dem Grundstück einer anderen Anwohnerin – als Rache dafür, dass diese sich immer wieder bei den jungen Leuten beschwere. Als hätte die besagte Anwohnerin auf ein Stichwort gewartet, fing sie genau in diesem Moment an, vom Balkon herab über zwei junge Erwachsene zu wettern, die neben der Slackline des Spielplatzes noch weitere Gummibänder zwischen den Bäumen aufspannten. „Was wird denn das schon wieder, das gibt bestimmt noch mehr Krach“, schimpfte sie erbost.

Volontäre der Augsburger Allgemeinen lernen, was Lokaljournalismus bedeutet

Den Standpunkt der Anwohnerin hatte ich umfangreich protokolliert, jetzt galt es, die Meinungen der Spielplatz-Besucher einzuholen. Als erstes wollte ich die Slackliner fragen. Und das war der zweite Glücksfall an diesem Tag: Der eine winkte mir fröhlich zu. Gleich erkannte ich den Jugendpfleger der Gemeinde, mit dem ich schon öfter Kontakt hatte. „Wir bauen gerade auf für unser Ferienprogramm, Slackline-Park“, informierte er mich. Für die Jugendarbeit sei der Spielplatz seit der Renovierung ein Glücksfall. Auf die Klagen der Anwohner angesprochen erklärte er, dass er ihnen allen seine Telefonnummer gegeben habe, um Probleme schnell lösen zu können. Bisher sei aber noch keine einzige Beschwerde eingegangen. Außerdem gebe es den Spielplatz schon seit über 40 Jahren – wer hier baue, müsse mit Lärm rechnen. Dieses Argument brachten auch die Mütter vor, mit denen ich anschließend sprach. Nun musste ich nur noch einige Fotos von spielenden Kindern an Klettergerüsten und natürlich von dem Banner machen und schon ging es zurück in die Redaktion.

Der Spielplatz an der Röthstraße in Lagerlechfeld soll neu gestaltet werden. Foto: Daniel Weber

Von dort rief ich den Untermeitinger Bürgermeister an. Der war sehr stolz auf den frisch sanierten und nun sehr gefragten Spielplatz und hatte nach eigener Auskunft nur einen einzigen Beschwerdebrief deswegen bekommen – von der Anwohnerin mit dem Banner. Doch dass gerade die sich aufrege, sei völlig unverständlich, sagte er. Beim Bau des Hauses habe sie schließlich extra eine Sondergenehmigung eingeholt und ihr Haus sieben Meter näher an den Spielplatz gebaut, als es die
Bauvorschriften vorsahen. Außerdem habe sie die dichte Hecke zum Spielplatz hin entfernt, damit die Lastwagen beim Hausbau über die öffentliche Anlage auf das Grundstück fahren konnten. Eine Efeuwand habe ihr die Gemeinde deshalb nicht erlaubt, weil etwas Derartiges aus optischen Gründen im Bebauungsplan für alle Grundstücke in der Gegend ausdrücklich untersagt sei.
Überhaupt sei der Spielplatz vor allem saniert worden, weil die meisten Anwohner darum gebeten hätten, erklärte der Bürgermeister. Zuvor hätten die maroden Geräte nur noch wenige Eltern und Kinder angelockt; stattdessen hätten Jugendliche die Anlage bevölkert, Alkohol getrunken, Lärm gemacht und Müll hinterlassen. Mit den zahlreichen Familien sei nun die soziale Kontrolle viel größer, die Jugendlichen würden bei Fehlverhalten schnell zurechtgewiesen. Mit jedem Wort des Bürgermeisters veränderte sich das Bild, das ich nach dem Gespräch mit der Anwohnerin von der Situation hatte.

Das Ergebnis der Recherche? Zahlreiche Klicks und Leserbriefe für den Volontär

Als ich schließlich auflegte, hatte ich den Stoff für einen guten Artikel beisammen.Die Mühe hat sich gelohnt: Die Online-Variante der Geschichte wurde ausgesprochen gut gelesen, geteilt und auf unserer Facebook-Seite ausgiebig kommentiert. Nach Erscheinen des Artikels Online und in der Zeitung sickerte die Story zu den anderen Lokalmedien durch: Die Frau mit dem Banner erzählte mir später, dass sie Besuch von mehreren Zeitungen und Radiosendern hatte.
In unserer eigenen Zeitung trafen mehrere Leserbriefe zu dem Artikel über den Spielplatz ein – ein untrügliches Zeichen dafür, dass das Thema die Leser interessierte. Und diese ganze Geschichte ergab sich nur, weil wir in der Redaktion einem Facebook-Post nachgegangen sind.