Anna Schmid

Anna Schmid aus Aichach, Jahrgang 1995, hat wider eigenes Erwarten noch keinen Bestseller geschrieben. Für das Medizinstudium war sie zu empfindlich, für Ernährungswissenschaften zu wenig technisch begabt – für Geschichte und Sprachen allerdings genau richtig. Sie studierte in München und Tel Aviv und kehrte mit soliden Neu-Hebräisch-Kenntnissen zurück, die im Lebenslauf bei jedem Bewerbungsgespräch erst einmal Rätsel aufwarfen. Anschließend entschied sie sich mit einem Volontariat bei der Augsburger Allgemeine für die zweitschönste Karriere nach Bestsellerautorin und verbringt ihr Lokaljahr in Illertissen.

Jeden Tag ein Abenteuer

Die Reportage – eine Königsdisziplin? Unterwegs mit einer argentinischen Boxerin

Die Boxerin Amalia Mazzarello im Boxclub in München. Foto: Anna Schmid

„Sie zieht sich den dicken Wollmantel enger um den Körper und flucht: „Shitty cold.“ Um ihre Augen glitzert ein blauer Lidstrich. Maria Amalia Mazzarello ist Boxerin…“ Reportagen haben es in sich – vor allem die Recherchen dazu. Hochs und Tiefs während des Reportagekurses der Akademie der Bayerischen Presse.

„Sie zieht sich den dicken Wollmantel enger um den Körper und flucht: „Shitty cold.“ Um ihre Augen glitzert ein blauer Lidstrich, die nassen Haare hat sie mit Spangen aus dem Gesicht gesteckt. Maria Amalia Mazzarello ist Boxerin…“
Das war einer der möglichen Anfänge meiner Reportage. Es ging zwar nur um einen Übungstext, den ich an der Akademie der Bayerischen Presse für einen Kurs und nicht für die Veröffentlichung in der Augsburger Allgemeine schreiben sollte, aber die Lust am Schreiben hatte mich gepackt. Der Schreibstil darf sich verändern, ist weniger nachrichtlich, mehr beschreibend. Als Leser in die Geschichte eintauchen, nah an den Protagonisten sein: Reportagen leben von Szenen. Doch die muss man erst einmal finden.

Recherche für die Reportage: Kein leichtes Unterfangen

An der Akademie der Bayerischen Presse lernten wir die Grundlagen zur Recherche und dem Schreiben von Reportagen. Gianna Niewel, Reporterin bei der Süddeutschen Zeitung, unterstützte uns auch bei der Themenfindung. Ich war durch Zufall im ZEIT-Magazin auf eine argentinische Boxerin aufmerksam geworden, die in einem kurzen Text beschrieb, wie sie in München durchstarten wollte und Corona sie davon abhielt. Kurzerhand schrieb ich der Argentinierin auf Instagram, ob sie Lust auf ein Treffen hätte – ihre Zusage kam fünf Minuten später. So schnell sollte sie mir später nicht mehr zurückschreiben. Manchmal ließ sie mich Tage warten, nur um mir den ausgemachten Termin für ein Treffen abzusagen, oder schrieb mir eine halbe Stunde zuvor, dass sie jetzt Zeit hätte. Ein ewiges Hin und Her, zwischen Verzweiflung und vielen Nachrichten meinerseits und lockerer Spontaneität ihrerseits.

Bei unserem ersten Treffen trainierte sie am Morgen allein in dem Boxclub. Zwischen ihren Übungen redete sie kaum mit mir, nur einige wenige Sätze. Während sie trainierte, notierte ich mir alles, was mir auffiel. Ein Handtuch über den Seilen des Boxrings. Wie Amalia während ihren Übungen zur Musik summte, die viel zu sanft für einen Boxclub klang. Lilafarbene Gummimatten, der Geruch nach Leder und Schweiß. Sie fluchte sehr viel. Weil ihr voriger Mieter sie überraschend aus der Wohnung geworfen hatte, wohnte und schlief sie im Trainingsraum auf einer Ledercouch. „Scheiße unbequem“, kommentierte sie.

Warum Szenen allein für eine Reportage nicht genügen

Nach dem Training wollte Amalia frühstücken und wir setzten uns in ein Café. Milchkaffee und Rosinenbrötchen. Ich war gerade dabei, ihr Fragen zu stellen, als sie sich hektisch ihr süßes Teilchen in den Mund stopfte und mich unterbrach. Ein wichtiges Fotoshooting mit ihrem Sponsor – hatte sie total vergessen. Als sie aus dem Café stürmte, war ich am Fluchen. Ich hatte tolle Szenen für die Reportage, wie sie trainierte, einen Sandsack boxte, sang und summte, nach dem Training wie verwandelt aus der Umkleide schwebte und ein zuckriges Rosinenbrötchen mit Marmeladenfüllung aß, das so gar nicht zu der athletischen Boxerin passte – aber. Aber! Wie war sie überhaupt zum Boxen gekommen? Was trieb sie an? Wie lief das Gruppentraining, wer trainierte sie? Und das waren nur die grundlegenden Fragen.
Ich hatte noch einen Tag bis zur Deadline für die Reportage. Wieder gab sie mir schwammige Antworten, was ein nächstes Treffen betraf. In der Zwischenzeit setzte ich mich an meinen Laptop und tippte die ersten Szenen. Es las sich jedoch genau nach dem, was ich erlebt hatte: nach einem oberflächlichen Zusehen ohne tieferes Wissen. Nach vielen Nachrichten hin und her sagte sie mir für Sonntagabend zu, dass ich zum Gruppentraining kommen könnte. Danach habe sie Zeit. Ein bisschen knapp für die Abgabe am Montag – aber es war ja nur eine Übungsreportage.

„Show, don’t tell“ – Endlich gibt es etwas zu erzählen

Beim Gruppentraining am Abend saß ich auf der Couch und machte mir Notizen. Beobachtete, wie aggressiv sie angriff, sich unter Schlägen duckte und ihre Handschuhe in den Rippen ihres Gegners versenkte. Fast wäre es wieder nichts mit einem Gespräch geworden. Denn im Anschluss an das Training entschuldigte sie sich bei mir – sie müsse kurz Sachen in ihre neue Wohnung bringen. Ich bot ihr meine Hilfe an, aber Amalias Trainer fiel mir in den Rücken: Er könne mir ja in der Zwischenzeit das Boxen erklären. Nach eineinhalb langen Stunden kam sie glücklicherweise wieder. Wir setzten uns in ein Restaurant in der Nähe.
Amalia erzählte mir von ihrer schweren Kindheit, einem abwesenden Vater, Geldsorgen. Wie sie ihre Kleidung verkauft hatte, um den Flug nach München zu bezahlen. Dass sie das Boxen erst mit 24 Jahren begann. Mit wilder Gestik beschrieb sie einen Überfall, bei dem sie in Buenos Aires von einem Auto angefahren wurde. Wie sie es nicht ins argentinische Nationalteam schaffte. „Alle korrupt“, schimpfte sie. Wie gerne sie singt. Sie zählte mir die Bestandteile ihres Make-Ups auf, das sie mit nach München nahm, und sprach über Weiblichkeit im Boxsport. Haufenweise Notizen später machte ich mich auf den Rückweg.

Auf der Zielgeraden der Reportage: Schreiben und Abgeben

Mit den neuen Informationen und Zitaten versuchte ich, Tiefe in die Szenen bringen: Weiblichkeit im Boxsport? Amalia, wie sie mit blauem Lidstrich und Glitzer im Gesicht aus der Umkleidekabine kommt. Die zitternde Frau, die sich in einen dicken Mantel hüllt, den sie sich erst vor kurzem gekauft hat, weil sie nur mit Sportkleidung nach Deutschland kam. Warum sie mit so einer Stärke und Entschlossenheit boxt? Das Kämpfen zieht sich durch ihr ganzes Leben. Mit etwas Verspätung gab ich die Reportage an der Akademie der Bayerischen Presse ab – und freute mich wieder auf den Redaktionsalltag bei der Augsburger Allgemeinen, in dem so sprunghafte Ansprechpartner doch eher die Ausnahme sind.