Katja Neitemeier

Irgendwo zwischen Frankreich und Rumänien zuhause, verbringt Katja Neitemeier mindestens die nächsten zwei Jahre in Augsburg. Davor: Freiwilligendienst in Polen und Studium in Mainz und Brasilien. Um die Welt besser zu verstehen erst einen Bachelor in Ethnologie und Polonistik gemacht. Dazwischen durch die Weltgeschichte getingelt. Dabei in Brasilien gelernt, wie man Mangos richtig schneidet und einen rumänischen Winter überlebt. Dann festgestellt, dass ein Studium nicht reicht und einen Master in Journalismus drangehängt. Anstatt durch fremde Länder zu ziehen, viele verschiedene Redaktionen von innen gesehen. Zuletzt in der Onlineredaktion von SWR1 in Mainz gearbeitet. Freut sich besonders darauf, im Lokaljahr in Aichach nicht nur am Schreibtisch zu sitzen.

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Sprachkurs jenseits des Weißwurstäquators

„Käsebrötchen oder Käsesemmel? Volontärin Katja Neitemeier lernt in ihrem Volo nicht nur redaktionelle Abläufe, sondern auch eine ganz neue Sprache.“

Von Norddeutschland zog Katja Neitemeier für das Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule nach Bayern – Kulturschock und Verständigungsprobleme inklusive.

Von Norddeutschland zog ich fürs Volontariat an der Günter Holland Journalistenschule nach Bayern – Kulturschock und Verständigungsprobleme inklusive.

Ich komme aus Westfalen. Das hat sich bisher für mich nie richtig nach Norddeutschland angefühlt. Seitdem ich in Augsburg lebe, ist das anders. Für mein Volontariat zog ich Ende Dezember mit Sack und Pack nach Bayern. Hier werde ich in diesem Jahr die Redaktion der Aichacher Nachrichten, einer Lokalausgabe der Augsburger Allgemeinen, unterstützen. Zwischen meinem Heimatort und Aichach liegen zwar über 600 Kilometer, trotzdem dachte ich: „So groß werden die Unterschiede zwischen Bayern und Westfalen schon nicht sein.“ Falsch gedacht! Als waschechte Westfälin muss ich mich noch an die ein oder andere bayerische Eigenart gewöhnen.

„Können Sie das bitte wiederholen?“

Da ist natürlich vor allem diese Sache mit der Sprache. Ein „Pfiad di“ oder „Servus“ kommt mir bislang noch nicht flüssig über die Lippen. Die ersten Sprachbarrieren zeigten sich bereits vor Beginn meines Volontariates.

Ich suchte ein Zuhause in Augsburg. Nach vielen E-Mails und einigen Telefonaten drang ich bis zu dem Vermieter einer kleinen 1-Zimmer-Wohnung am Augsburger Königsplatz durch. Voller Vorfreude rief ich ihn an, bereit mich von meiner besten Seite zu zeigen. Es läutete. 

Mit einem Knacken wurde der Telefonhörer abgenommen. Und dann verstand ich kein Wort mehr. Ein älterer Herr mit starkem Dialekt redete auf mich ein, stellte Fragen und lachte zwischendurch. Hochkonzentriert hörte ich zu. „Entschuldigung, das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden“, sagte ich einige Male. Der ältere Herr ließ sich nicht beirren. Er redete genauso unverständlich weiter, nur lauter. Nach geschlagenen zehn Minuten gab ich auf. Die Wohnung habe ich nicht bekommen. Inzwischen habe ich einen Unterschlupf gefunden, samt Vermieterin, mit einem weniger stark ausgeprägten Dialekt.

Verwirrung in der Bäckerei 

Seit Februar arbeite ich in der Lokalredaktion in Aichach. Dort, südlich des Weißwurst-Äquators, kommt es schon das ein oder andere Mal zu Verständigungsproblemen. Das beginnt schon früh morgens. Wenn es mal wieder schnell gehen muss, hole ich mir oft ein belegtes Brötchen in der Bäckerei. Richtig gelesen: Ich kaufe „Brötchen“ und keine „Semmel“. Die Verkäuferin hält dann einen Moment inne und schaut mich etwas skeptisch an. Schließlich legt sie die gewünschte Backware aber doch auf den Tresen. Mein Frühstück habe ich immer noch bekommen. Aber ähnlich wie mein fast-Vermieter sprechen auch die Verkäuferinnen hinter dem Tresen immer besonders laut mit mir, wenn sie merken, dass ich „zugezogen“ bin. 

Damit enden aber nicht die sprachlichen Barrieren. In meinem Kopf herrscht auch bei dem Wort „Krapfen“ Verwirrung. In meiner Heimat heißen die nämlich „Berliner“.  Bei meinem nächsten Besuch in der Bäckerei war ich jedoch auf dieses Hindernis vorbereitet. Ich holte tief Luft und bestellte tatsächlich einen „Krapfen“.

Es ist ein bisschen so, als ob ich noch einmal eine neue Sprache lerne. Auf wenig kann ich, die ohne Dialekt aufwuchs, mich verlassen. Ein „s“ wird hier gerne mal zu einem „sch“ und auch ein gerolltes „R“ ist in diesen Breitengraden keine Seltenheit. Manche Wörter klingen in meinen norddeutschen Ohren mysteriös. Da wäre zum Beispiel der Ausdruck „heuer“. Erst dachte ich, dass er so viel wie „heute“ bedeutet. Inzwischen weiß ich es besser. „Heuer“ heißt nichts anders als „in diesem Jahr“.

Ich werde während meiner Zeit in Aichach nicht nur zur Redakteurin ausgebildet, sondern auch zur Wort-Detektivin. Mit gespitzten Ohren laufe ich durch die Straßen. Immer auf der Suche nach neuen Wörtern und Ausdrücken. Mein Jahr in Aichach ist also beides: Volontariat und Intensivsprachkurs.

Und plötzlich sind alle nett

Es gibt aber auch noch andere Dinge, über die ich mich nach mittlerweile drei Monaten immer noch wundere. Zum Beispiel sind alle Menschen sehr nett, sogar die Busfahrer. Aus meiner Heimat bin ich es gewöhnt, dass Busfahrer eher ein einsilbiger Menschenschlag sind. In Augsburg und in Aichach ist das ganz anders. Dort wurde mir von den Fahrern immer genau erklärt, in welchen Bus ich steigen solle. Einmal ist sogar jemand ausgestiegen und hat mir die richtige Bushaltestelle gezeigt.