Marco Keitel

Marco Keitel ist 1995 in Rothenburg ob der Tauber geboren. Während er in Tübingen Amerikanistik studierte, wurde aus der groben Berufsvorstellung „irgendwas mit Schreiben“ das konkrete Ziel, Journalist zu werden. Nach Praktika und einer freien Mitarbeit bei Lokalzeitungen, einem einjährigen Auslandsstudium bei meist 45 Grad Celsius in der Wüste Arizonas und einem weiteren Praktikum beim Onlinemagazin Vice in Berlin zog es den angehenden Journalisten, der hier in der dritten Person über sich schreibt, an die Günter Holland Journalistenschule in Augsburg und somit in die Gersthofener Lokalredaktion. Dort freut der basketballbegeisterte Franke sich auf eine interessante Mischung aus Großstadt und Idylle, aus überregionalem und lokalem Journalismus.

Jeden Tag ein Abenteuer

Die Gegend kennen lernen – jede einzelne Gemeinde

Ich sitze in einem Redaktionsauto der Augsburger Allgemeinen in der Tiefgarage, gebe eine Adresse in das Navigationssystem ein, starte den Wagen. Aus dem Radio erklingen Klassiker aus den 1970er und 80er Jahren. „Gloria, Gloria!“ ruft die Sängerin Laura Branigan mir ins Ohr. Die Kollegen, die das Auto vor mir hatten, hören am liebsten die Sender […]

Ich sitze in einem Redaktionsauto der Augsburger Allgemeinen in der Tiefgarage, gebe eine Adresse in das Navigationssystem ein, starte den Wagen. Aus dem Radio erklingen Klassiker aus den 1970er und 80er Jahren. „Gloria, Gloria!“ ruft die Sängerin Laura Branigan mir ins Ohr. Die Kollegen, die das Auto vor mir hatten, hören am liebsten die Sender Rock Antenne oder Bayern 1. Dann fahre ich in Gersthofen los. Manchmal nur ein paar Minuten in eine Nachbargemeinde, manchmal fast eine halbe Stunde in den nördlichsten oder westlichsten Winkel des Landkreises Augsburg. Manchmal durch Regen und Schneegestöber, manchmal, während die Sonne vom Himmel lacht.

Dieses Szenario wiederholt sich für mich seit Beginn meines Volontariats in der Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen in Gersthofen oft wöchentlich, im Schnitt jede zweite Woche. Und doch ist es immer wieder anders, immer wieder interessant. Im Januar hatte der Redaktionsleiter die Idee, dass meine Volo-Kollegin in Schwabmünchen (ebenfalls Landkreis Augsburg) und ich uns zusammen um eine Serie kümmern. Das Thema: Was weiß Wikipedia über den Landkreis Augsburg? Seitdem erscheint jede Woche ein Artikel über eine der 46 Gemeinden des Augsburger Landes.

Wikipedia-Artikel lesen, Gesprächspartner finden, Termin ausmachen

Die Recherche beginnt mit der Lektüre des Wikipedia-Artikels zur jeweiligen Gemeinde. Zu Auffälligkeiten, etwa kuriosen historischen Fakten oder bedeutenden Persönlichkeiten der Gemeinde, notiere ich mir Fragen. Dann gilt es, einen geeigneten Gesprächspartner zu finden. Oder mehrere. Erst frage ich die Redakteure, die den Landkreis am besten kennen, nach Tipps. Wenn ihnen niemand einfällt, rufe ich die Kreisheimatpflegerin oder den Bürgermeister der jeweiligen Gemeinde an. Spätestens dann fällt ein Name – ein Chronist, ein ehemaliger Lokalpolitiker, oder einfach ein Alteingesessener, der seinen Ort in- und auswendig kennt. Je länger die Serie andauert, desto leichter wird es, die Experten zu einem Treffen zu überreden: Die meisten kennen die Artikel der Vorwochen schon.

Die Schwerpunkte ergeben sich während des Treffens dann meist von allein. Wissen die Gesprächspartner mehr über die Geschichte des Ortes oder erzählen sie lieber Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit? Haben sie sich mehr mit archäologischen Funden oder mit der Politik ihrer Heimatgemeinde beschäftigt? Daraus ergibt sich meist ein subjektives Porträt, was meiner Meinung nach aber eine Stärke der Serie ist. Denn für die rohen Fakten gibt es ja Wikipedia.

Erst Stress, dann Vorfreude

Direkt über alle Teile des Landkreises schreiben zu müssen (dürfen), war am Anfang herausfordernd. Der Gedanke daran, für den folgenden Montag wieder einen Teil der Wikipedia-Serie abliefern zu müssen, war manchmal etwas stressig. Wie finde ich Experten zur jeweiligen Gemeinde? Stelle ich irgendwann nur noch dieselben Fragen, weil mir nichts Neues mehr einfällt? Komme ich überhaupt dazu, mich um andere Themen zu kümmern, wenn ich jede zweite Woche einen Ort porträtieren muss? Bisher hat sich keines dieser Bedenken bestätigt.

Dafür kam es mir schon oft zu Gute, dass ich über einen Ort, aus dem es was zu berichten gab, schon einiges wusste – weil ich mit einem Alteingesessenen über den Wikipedia-Artikel gesprochen hatte. Mittlerweile freue ich mich, wenn ich weiß, dass ich in den kommenden Tagen wieder eine Gemeinde porträtieren darf.