Sophia Huber

Sophia Huber, Jahrgang 1997 und somit Küken des Volojahrgangs 2020/2021. Bei den Volokollegen auch als Royal-Expertin bekannt und verantwortlich für zuverlässigen Klatsch&Tratsch. Sophia ist in Nördlingen aufgewachsen und hat in Bamberg studiert (die Schwäche für alte Städte bleibt). Zwischendurch mal einen Abstecher für das Studium nach Göteborg gemacht. Weil Schweden schön, aber teuer und halt nicht Bayern ist, hat sie sich für ein Volontariat in Augsburg entschieden. Ihr Lokaljahr verbringt sie an der Bundeslandgrenze, in Neu-Ulm.

Jeden Tag ein Abenteuer

Wie die Querdenker die Containern-Reportage der Volontärin retteten

Mara aus Ulm ist 19, studiert und hat ein illegales Hobby: das Container. Dass sie sich dabei strafbar macht, ist ihr bewusst. Ich habe Mara in einer Freitagnacht begleitet.

Den Querdenkern aus Ulm sei Dank, dass diese Reportage doch noch zustande kam: Eines Nachmittags, so zwischen zweiter und dritter Tasse Kaffee, warf ich mal wieder einen Blick in die Messenger-App Telegram. Denn seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr gibt es in Ulm eine große Querdenker-Bewegung, bei der Kritiker der Corona-Maßnahmen regelmäßig auf dem Münsterplatz demonstrieren, einen Schlauchboot-Aufstand auf der Donau ankündigen oder zum großen Autokorso durch die Innenstadt aufrufen. Die Termine werden meistens über Telegram mitgeteilt. Seitdem gehört die App  zu den neuen Recherchemöglichkeiten im Redaktionsalltag bei der Neu-Ulmer Zeitung. Telegram soll außerdem sicherer sein als WhatsApp, da die Nachrichten verschlüsselt versendet werden.

In Ulm gibt es eine große „Foodsharing“-Szene

Also öffnete ich nach ein paar Tagen mal wieder die Telegram App. Und neben 57 Nachrichten in der Querdenker Gruppe fiel mir auf einmal eine Nachricht auf, die da wohl schon ein paar Tage stand. Eine unbekannte Nummer schrieb mir: „Hallo, ich bin Mara und Sarah (Namen wurden geändert) hat mir deinen Kontakt gegeben wegen dem Artikel über das Containern…“ Da fiel mir wieder ein Thema ein, das ich schon beinahe vergessen hatte. Meine junge Kollegin Sarah aus der Jugendseiten-Redaktion hatte ihrer Freundin Mara meine Kontaktdaten weitergeleitet. Ich wollte die 19-jährige Mara gerne bei ihrem illegalen Hobby begleiten, dem Containern. Umgangssprachlich wird das Containern auch Mülltauchen genannt. Die Mülltaucher „retten“ weggeworfene Lebensmittel aus Mülltonnen von Supermärkten. Meist aus Gründen der Nachhaltigkeit und um ein Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung in Deutschland zu setzen. Die Idee für diese Reportage kam mir, als ich auf Facebook die Gruppe „Foodsharing Ulm“ vorgeschlagen bekam. Dort bieten vor allem Studenten kostenlose Lebensmittel an, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben. Außerdem gab es vor einigen Monaten den Fall vor Gericht, als zwei Studentinnen zu einer Geldstrafe verurteilt wurden, weil sie weggeworfene Lebensmittel aus Supermarktmülltonnen gestohlen hatten.

Warum meldet sich Mara aus Ulm nicht?

Einige Tage wartete ich bereits auf eine Nachricht oder einen Anruf von Mara – dass sie mir auf Telegram schreiben wird, hatte ich nicht erwartet. Doch später erklärte sie mir, es sei für sie die sicherere Variante gewesen, denn: Dass Mara Containern geht, sollte vor allem die Polizei nicht mitbekommen. Containern kann unter anderem als Hausfriedensbruch und Diebstahl bestraft werden. Erwischt wurde sie zwar noch nie, davor habe sie auch keine Angst, dennoch wolle sie kein Risiko eingehen. Sie freute sich jedoch über meinen Vorschlag. Nach einem kurzen Telefonat vereinbarten wir noch für die gleiche Woche einen Containern-Termin.

Die Uhrzeit des Termins ist im Redaktionsalltag der Augsburger Allgemeinen eher ungewöhnlich

Freitag, 23 Uhr. Keine gewöhnliche Uhrzeit für einen Termin. Doch ein anderer Zeitpunkt stand gar nicht zur Debatte. Frühestens eine Stunde nach Ladenschluss geht Mara normalerweise los, um von den Supermärkten weggeworfene Nahrungsmittel aus den Tonnen zu holen. An dem Freitag, als ich sie begleitete, trafen wir uns vor einem Parkplatz in der Nähe des Supermarkts. Mara lachte mich freundlich an, hatte bereits ihre Kapuze auf und meinte, sie sei heute gar nicht so aufgeregt, weil ich dabei sei. Na toll, dafür war ich ab diesem Zeitpunkt doch ein bisschen nervös. Das wurde nicht besser, als Mara mir sagte, ich solle während sie die Lebensmittel stiehlt am besten nicht in die Überwachungskameras schauen, die genau auf die Mülltonnen gerichtet sind.

19-Jährige aus Ulm containert regelmäßig, um Lebensmittel aus den Tonnen zu retten. 

Mara aus Ulm beim Containern

Mara in Action: Das Containern dauerte nicht lange. 

Um kurz nach 23 Uhr ging es dann los. Die Aktion dauerte höchstens zehn Minuten. Während Mara in routinierter Schnelligkeit das Obst, Gemüse und Brot aus den Tonnen sammelte, versuchte ich, ein paar brauchbare Bilder zu machen. Wir redeten währenddessen nur sehr leise miteinander, was es schwer machte, brauchbare Anweisungen für mein zentrales Foto zu geben. Dazu kam, dass Mara auf dem Foto nicht zu erkennen sein durfte. Mein Kollege, der sich in der Neu-Ulmer Redaktion um Online und Digitales kümmert, kam ebenfalls dazu und drehte noch ein kurzes, anonymes Interview mit Mara. Dass sie anonym bleiben wird, hatte ich ihr bereits im Voraus versichert. Nach dem Containern ging ich mit meiner Protagonistin nach Hause, um das geklaute Gemüse und Obst zu waschen und zu sortieren. Da besprachen wir die weiteren Kriterien, um sie nicht erkennbar zu machen. Das Alter und den Wohnort zu nennen, war für sie beispielsweise okay. Trotz einiger Widrigkeiten zu Beginn kam eine ausführliche Reportage zustande.

Zuhause wurde das Obst und Gemüse sortiert und gewaschen. 

Ein Teil der Ausbeute: In den Tonnen war viel Gemüse dabei. 

Den vollständigen Text inklusive Videomaterial gibt es unter diesem Link https://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Containern-Mara-aus-Ulm-macht-sich-strafbar-weil-sie-Lebensmittel-retten-will-id58578851.html