David Holzapfel

David Holzapfel, Jahrgang 1997, geboren in Augsburg, aufgewachsen im beschaulichen Aichach. Hat einmal eine Polizeiausbildung angefangen - und abgebrochen. Schließlich Freier Autor bei der Süddeutschen Zeitung. Mag Menschen mit Herz und Hirn. Schreibt ungern in der dritten Person über sich.

Alles, was uns bewegt

Digitale Tränchen

Der Volontär bei seinem letzten Besuch in der Redaktion der Rieser Nachrichten. Bild: David Holzapfel

Elf Monate hat der Volontär bei den Rieser Nachrichten, der Lokalredaktion der Augsburger Allgemeinen in Nördlingen, verbracht. Doch der Abschied in Richtung Zentrale verläuft anders, als gewünscht.

Das war’s jetzt also. Eben noch habe ich meinen letzten Text zu Ende gebracht, die letzte Polizeimeldung ins Netz gestellt und an der letzten Konferenz teilgenommen. Und nun: ein Jahr in Nördlingen, Hunderte Geschichten, Erfahrungen und Begegnungen, beschlossen in einer Zoom-Konferenz. 40 Minuten lang nur, danach lief das Meeting automatisch ab. Meinem elfmonatigen Ausbildungsabschnitt in Nördlingen folgt nun die Zeit in der Zentrale der Augsburger Allgemeinen. Gerade aber sitze ich am Küchentisch in meiner Augsburger Wohnung, im Home-Office, und bin ein bisschen traurig. Die Pandemie schränkt vieles ein, auch das Abschiednehmen.

Gerne hätte ich meinen Kollegen persönlich „Tschüss“ gesagt. Mit einem saftigen Händedruck, einer letzten Spitze in Richtung meines HSV-anhängenden-Volo-Betreuers, alles nur Spaß, versteht sich. Ich hätte mich auch gerne persönlich bedankt für das, was ich in meinem Lokaljahr in Nördlingen lernen durfte. Themen an ungewöhnlichen Stellen zu suchen und auch zu finden etwa, oder unter Druck abzuliefern und dabei den Spaß nicht zu verlieren. Doch es wurde ein leises, ein digitales „Tschüss“. Glasfaserkabel übertragen – im Optimalfall – Daten, mit Emotionen tun sie sich schwer.

Die Pandemie trifft jeden, auch einen Volontär der Augsburger Allgemeinen

Es ist redundant und einfallslos zu wiederholen, in welch „verrückten Zeiten“ wir doch leben. Jeden trifft die Pandemie, den einen mehr, den anderen weniger. Wochen im Homeoffice, die Kollegen bekommt man nur über eine Laptop-Kamera zu Gesicht, Corona taktet den Themenplan: Auch wir Volontäre bilden dabei keine Ausnahme. Rückblickend kann ich sagen: Langweilig wurde es mir in all den Monaten nie. Zu viel war, trotz, oder gerade wegen der Pandemie geschehen.

Ich durfte eigene Projekte umsetzen, darunter auch eine Kolumne, in der zwei Schülerinnen wöchentlich über ihrem Alltag mit der Pandemie schrieben. Das Konzept fand Anklang, die „drehscheibe“, das Forum für Lokaljournalismus der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), berichtete darüber. Auch sonst gingen die Geschichten nie aus: Einzelhändler, die sich mit Großkonzernen anlegten, eine Tattoo- und Piercing-Kontroverse an einer Erzieherschule oder ein Nachmittag auf der Corona-Intensivstation. Beinahe erschrocken stellte ich Ende Januar fest, dass meine Zeit in Nördlingen sich dem Ende neigte.

Eine Erkenntnis: Ich werde wieder nach Nördlingen kommen

Ich verlasse die Redaktion der Rieser Nachrichten mit zwei übergeordneten Erkenntnissen. Erstens: Der Journalismus bereitet mir große Freude, die Arbeit erfüllt mich. Und Zweitens: Ich werde wieder nach Nördlingen kommen. Um ausgefallene Feste nachzuholen, um mir den Bauch in meinem Lieblingsrestaurant vollzuschlagen, und, um meinem HSV-anhängenden-Volo-Betreuer die aktuelle Bundesliga-Tabelle unter die Nase zu reiben.

Alles, was uns bewegt

Volontär in neuer Heimat: beinahe angekommen

Die Nördlinger Mess' ist das beliebteste Volksfest Nordschwabens. Ich hatte mich im Vorfeld sehr darauf gefreut. Wegen des Coronavirus fällt es - wie so vieles - in diesem Jahr aus. Foto: Jochen Aumann

Anschluss in der neuen Heimat finden? Zum ersten Mal eine Wohnung ganz für mich allein? Das wird super, sagte ich mir anfangs. Dann kam das Virus und würfelte meine Planungen ein wenig durcheinander. Eine Zwischenbilanz.

So entspannt, wie ich bei der Verabschiedung von meinen lieben Menschen getan habe, bin ich nicht wirklich. Mir schwirren zahlreiche Gedanken durch den Kopf. Es ist Ende Februar, auf mich warten neue Gesichter, wartet meine erste eigene Wohnung und eine fremde Stadt. Alles neu und auch ein wenig aufregend. Seit Beginn des Jahres bin ich Volontär an der Günter Holland Journalistenschule, für mein Lokaljahr bei der Augsburger Allgemeinen wurde ich nach Nördlingen geschickt. Verschmähte muslimische Bürgermeisterkandidaten, ein Landwirt, der seine Frau in der Güllegrube erstickt haben soll und ein Meteoriden-Einschlag (oder war es ein Asteroid?): Das ist alles, was meine vorbereitende Recherche ergeben hat. Wie überaus ermutigend.

Nördlingen ist eine besondere Stadt. Und die Rieser Nachrichten sind eine besondere Zeitung, dessen werde ich mir nach meiner Ankunft schnell bewusst. Die Lokalausgabe ist eng verwoben mit ihren Lesern: Auf dem Stadtmarkt unterhält man sich über die neueste Titelgeschichte, man packt das dort gekaufte Obst und Gemüse in Zeitungspapier – und passiert hier etwas, wissen es die Lokalredakteure meist als Erste.

Ein Beispiel: Ende März rief ein Mann in der Redaktion an und berichtete unserer Sekretärin am Telefon, er habe beim Spazierengehen mit seinem Hund etwas Seltsames entdeckt, genauer: einen vollständig skelettierten menschlichen Schädel. Was er denn nun tun solle, wollte er weiter wissen. Nach kurzer Beratung ließ sich der Mann schnell überzeugen, dass es vermutlich eine gute Idee sei, doch als allererstes einmal die Polizei zu verständigen. Dies ist nur eine von vielen Anekdoten und sie zeigt auf, welchen Stellenwert eine Zeitung bei ihren Lesern haben kann. Wer bei den Rieser Nachrichten volontiert, erlebt Lokaljournalismus unter dem Brennglas.

Raus aus der Komfortzone 

Dann kam das Coronavirus und mit ihm viele Veränderungen – auch im Leben eines Volontärs. Ich war es bis dato nicht gewohnt, allein zu sein. Vor meiner Zeit in Nördlingen hatte ich noch nie eine Wohnung ganz für mich. Klar, knapp 70 Kilometer oder einen Knopfdruck entfernt warten Freunde und Familie. Aber ich bin nach Nördlingen auch mit der Absicht gekommen, in das hiesige Leben einzutauchen. Ich will mich bewusst auf neue Menschen einlassen und aus meiner Komfortzone heraustreten. „Du bist ein offener Typ, David, das wird nicht schwer“, so sagte ich mir anfangs. Als Journalist ist man ja naturgemäß nah dran am Menschen und an seiner Wirkungsstätte.

Große Hoffnung setzte ich zu Beginn auch auf die Vereine, Bars und Restaurants, die es in Nördlingen in sehr hoher Zahl gibt. Der Grund ist, die nächste Großstadt liegt recht weit entfernt, aus dem Inneren heraus haben sich die Bewohner deshalb eine üppige Kultur- und Gastronomie-Szene geschaffen, mit vielen Festlichkeiten und Veranstaltungen.

Es gibt auch Zwischenerfolge

All das schränkt das Coronavirus im Moment bekanntermaßen stark ein. Ich will mich nicht beschweren. Meine Probleme sind sehr klein angesichts der Belastungen und Existenzsorgen, mit denen sich gerade viele Menschen konfrontiert sehen. Und dennoch: Ein wenig anders vorgestellt hatte ich mir meine ersten Monate in der temporären Heimat schon.

Wenn ich diese Zeilen schreibe, kann ich sagen, dass ich mich wohl fühle in Nördlingen, in der Stadt und auch in der Redaktion. Nur gänzlich angekommen bin ich nach wochenlangem Homeoffice und den coronabedingten Einschränkungen noch immer nicht. Einen ersten Zwischenerfolg gibt es jedoch zu verzeichnen: Nach 50 Nussschnecken bin ich in der Bäckerei meines Vertrauens mittlerweile Stammgast. Auf die Frage „Das gleiche wie immer?“ antworte ich jeden Morgen: „Ja, danke Frau Meyer.“