Andreas Dengler

Andreas Dengler, Jahrgang 1992, kommt aus dem kleinen Dorf Baar im Wittelsbacher Land (Landkreis Aichach-Friedberg). Für das Studium der Amerikanistik, Religions- und Kulturwissenschaft wechselte er in die Landeshauptstadt München. Kurz vor Studiumsende legte er noch ein Praktikum bei einer deutschsprachigen Wochenzeitung in Athen ein. Trotz Studium und Auslandsaufenthalt bleibt er seiner Heimatgemeinde verbunden und bevorzugt vor allem die lokalen Geschichten. Im Lauf des Studiums beginnt er für den Landboten und die Aichacher Nachrichten zu schreiben. Sein Lokaljahr verbringt er bei der Neuburger Rundschau. In der Freizeit zieht es Andreas zu Fuß oder mit dem Rad in die Natur – ein richtiges Dorfkind eben.

Jeden Tag ein Abenteuer

Blaumachen für das Volo: Die Geschichte hinter meiner Seite-Drei-Geschichte

Pigmenthersteller David Kremer mahlt Edelsteine zu Farben. Foto: Ralf Lienert

Für meine Seite-Drei-Geschichte in der Augsburger Allgemeinen besuchte ich den Pigmenthersteller David Kremer in seiner Farbmühle in Aichstetten. Die ganze Geschichte hinter der Geschichte lest ihr hier.

Geschafft, meine Seite Drei ist im Blatt. 298 Zeilen garniert mit drei Bildern. Sogar das Titelbild der Augsburger Allgemeinen reißt den Text an. Die Seite-Drei-Geschichte handelt von einem Pigmenthersteller aus Aichstetten im Allgäu. Fein gemahlenes und unlösliches Pulver aus Edelsteinen, Pflanzen und Erden ist sein Handwerk. Künstler und Restauratoren aus aller Welt verwenden die Pigmente. Die renommiertesten Museen gehören zu den Kunden: der Louvre in Paris, das Prado in Madrid, die National Gallery in London und das Museum of Modern Art in New York.

Die Seite Drei war mein größtes Projekt während des Monats in der Bayern-Redaktion, die offiziell den vielversprechenden Namen „Bayern und Welt“ trägt. Die Bayern-Redaktion gestaltet die monothematische Seite an der prominenten Stelle. Ausgabe für Ausgabe. Die Volontärinnen und Volontäre der Günter Holland Journalistenschule recherchieren und schreiben traditionell im Bayern-Monat eine Seite Drei. Wie für viele Volos vor mir, war die Pflichtaufgabe Chance und Schrecken.

Günter Holland Journalistenschule: Eine Seite Drei ist Pflicht

Im Einführungskurs wurde die Seite-Drei-Geschichte zum ersten Mal erwähnt. Damals war die Pflichtaufgabe schnell wieder vergessen. Es ging zunächst ins Lokale, ganz weit nach hinten im Aufbau der Zeitung. Die Seite Drei ist dort weit weg. Im Jahresabschlussgespräch wird die Aufgabe wieder zum Thema – ein Blick in den Versetzungsplan verrät, im März ist es für mich soweit. Noch ein Vierteljahr beruhige ich mich. Was interessiert mich im Dezember der Stress im März? Noch lässt es sich gut verdrängen.

Ende Februar, die Versetzung ins neue Ressort steht kurz bevor. Ich erinnere mich an die gut gemeinten Tipps der ehemaligen Alt-Volos: Man solle sich früh Gedanken machen, sich möglichst schnell an den Ressortleiter wenden und mit ihm die Themen besprechen. Sie alle haben es geschafft, das macht Mut. Ich befolge die Ratschläge und schreibe gleich mehrere Themen an meinen neuen Interims-Chef. Ein bisschen Auswahl kann nicht schaden, denke ich mir, als ich die verschiedenen Ideen in die Nachricht tippe. Darunter sind Themen wie die Einführung des Islamunterrichts in Bayern, das Radfahren in der Pandemie und die Geschichte des Allgäuer Pigmentherstellers David Kremer.

Medienhype: Wann ist eine Geschichte auserzählt?

Nach einem kurzen Telefonat mit dem Ressortleiter – wir alle arbeiten wegen der Corona-Pandemie im Mobile Office – steht das Thema: Ich darf über die Farbmühle in Aichstetten im Landkreis Ravensburg schreiben. Noch ist nichts in trockenen Tüchern. Kein Termin ist vereinbart und die Recherche steht ganz am Anfang. Die Aussicht, sich in ein umfangreiches Thema einzuarbeiten, sich auszuprobieren und den Text anschließend an prominenter Stelle zu veröffentlichen, ist großartig. Der hohe Anspruch an sich selbst und der Respekt vor der Textlänge trüben die Freude. Ich versuche die negativen Gedanken abzuschütteln und lasse mich auf das Abenteuer Seite Drei ein.

Kremer steht vor seiner Farbmühle in Aichstetten. Foto: Ralf Lienert

Print, Radio und Fernsehen berichteten bereits über Kremer und seine Farbmühle. Zeit, FAZ, Süddeutsche Zeitung Magazin, Deutschlandfunk und ARD – sie alle sind auf den Zug aufgesprungen. So viel Medienrummel schüchtert ein. Wird Kremer mit mir sprechen? Wird er in dem knappen Zeitfenster, in dem ich die Seite Drei schreiben muss, Zeit für ein Interview haben? Lässt die Corona-Pandemie eine Fahrt ins Allgäu zu? Und gibt es noch was zu berichten oder ist seine Geschichte mit den vielen Beiträgen und Artikeln schon längst erzählt?

Augsburger Allgemeine berichtete über die Farbmühle

Als eine der größten Regionalzeitungen in Deutschland hat die Augsburger Allgemeine schon lange vor den überregionalen Medien über den Farbhersteller, der unmittelbar an das Verbreitungsgebiet angrenzt, berichtet. Der Klick ins digitale Archiv spuckt zwei größere Geschichten aus – damals noch mit Seniorchef Georg Kremer. Außerdem werden regelmäßig die Veranstaltungen wie der Tag der offenen Türe in der Farbmühle angekündigt. Das verbindet und die anfängliche Schüchternheit verfliegt.

Auf der knapp zweistündigen Fahrt nach Aichstetten überlege ich, wann ich den letzten Termin hatte. Die Corona-Pandemie hat das Arbeiten verändert, Termine von Gesicht zu Gesicht sind seltener geworden. Mit jedem Kilometer steigt die Anspannung. Es steht viel auf dem Spiel: meine Seite Drei. Ich besuche einen Interviewpartner, den ich schon zu kennen glaube. Ich habe die Artikel aus dem Archiv und natürlich die Reportagen der Kollegen gelesen. Ich habe in den Mediatheken die Fernsehbeiträge angeschaut und die Radiointerviews nachgehört. Nach der Recherche beschleicht mich das Gefühl, ihn bereits getroffen zu haben. Kann das gut gehen oder schadet mir das enorme Vorwissen?

Blick für Details: Krokusse bringen den richtigen Dreh

Endlich komme ich in dem kleinen Ort an, die trüben Gedanken rücken in den Hintergrund. Ich fahre durch Aichstetten und versuche die Eindrücke wie ein Schwamm aufzusaugen. Ich weiß, dass das kleinste Detail die Geschichte später besser und lesenswerter machen kann. Ich stelle das Auto ab und mein erster Blick fällt auf die lilablauen Krokusse im Beet vor der Farbmühle. Die kleinen Frühjahrsblüher bringen mich auf den roten Faden der Geschichte, der in meinem Fall blau ist. Alles fügt sich ineinander. Die Torpfosten, der Schriftzug am Produktionsgebäude, die Mütze meines Interviewpartners – alles ist blau. Selbst das erste Pigment, das der Firmengründer vor 40 Jahren in seinem Keller herstellte, war ein Blauton.

Kremer kontrolliert die blauen Pigmente im Farblager. Foto: Ralf Lienert

Trotz meiner beschlagenen Brille, die der Gesichtsmaske geschuldet ist, sehe ich fortan nur noch blau. Die Angst, keine neue Geschichte mehr erzählen zu können, ist schlagartig verschwunden. Dank der Recherche erreicht das Interview schnell an Tiefe, die es vermutlich ohne das Vorwissen nie erreicht hätte. Die Stunden verfliegen, mein Block füllt sich mit blauen Details.

Der Fotograf tanzt: Warum sich Geduld auszahlt

Wo bleibt der gebuchte Fotograf? Ich kenne ihn nicht persönlich, nur sein Name ist mir geläufig. Hoffentlich kommt er noch. Kurz vor 13 Uhr, mein Interviewpartner will sein Mittagessen und ich eine Pause nach den vielen Eindrücken. Die Antworten auf meine Fragen sind notiert. Die Videoschnipsel sind trotz Maske und Abstandhaltens gedreht – ich bin fertig. Eigentlich kann ich heimfahren. Zum Glück bleibe ich, bis der Fotograf seine Bilder gemacht hat. Denn es bietet sich die Chance, eine weitere Seite meines Interviewpartners zu entdecken. Die Interaktion zwischen Fotograf und Fotografiertem wirkt auf mich wie ein Tanz. Ich kann entspannen und beobachten – und lerne dabei meinen Protagonisten noch besser kennen. Der Geschichte soll das nicht schaden.

Blau ist die Farbe der Klarheit. Das kann ich für die Seite Drei gut gebrauchen. Szene um Szene, Zitat um Zitat wächst meine Geschichte. Das Schreiben fällt leichter als gedacht. Nur der Anfang wird immer wieder geändert – er soll besonders sein. Blau soll darin sofort auftauchen. Der Fokus auf die Farbe verleiht der gesamten Geschichte ihren eigenen Dreh. Eine blaue Note. Die internationalen Kunden und der Augsburger Restaurator, den ich für die Seite Drei noch treffe, verbinden letztlich Bayern und Welt in meinem größten Projekt für das Ressort „Bayern und Welt“.

Jeden Tag ein Abenteuer

Wenn die Tarnmaske dich auffliegen lässt: Meine ersten Termine mit Mundschutz

Die Maske ist meine neue Begleiterin auf Terminen. Foto: Heidrun Budke

Nach sechs Wochen im Homeoffice, die ich der Corona-Pandemie zu verdanken habe, darf ich wieder raus. Spannende Menschen treffen, sie interviewen und das Geschehen live miterleben. Als Volontär der Lokalredaktion in Neuburg heißt das, ausgestattet mit Stift, Block und Kamera auszurücken. Neu in meiner Grundausrüstung ist jetzt eine khakifarbene Communitymaske, die perfekte Tarnung für jeden Lokaljournalisten. Wie die ersten Termine mit Mundschutz abgelaufen sind.

Endlich ist es soweit. Nach sechs Wochen im Homeoffice, die ich der Corona-Pandemie zu verdanken habe, darf ich wieder raus. Spannende Menschen treffen, sie interviewen und das Geschehen live miterleben. Das ist eine mehr als willkommene Abwechslung nach etlichen Telefoninterviews und schriftlichen Presseanfragen in den vergangenen Wochen. Gleich zwei Außentermine hintereinander erwarten mich. Als Volontär der Lokalredaktion in Neuburg heißt das, ausgestattet mit Stift, Block und Kamera auszurücken. Neu in meiner Grundausrüstung ist jetzt eine khakifarbene Communitymaske, die perfekte Tarnung für jeden Lokaljournalisten im Hintergrund. Aber am Ende ist sie es, die mich auffallen lässt.

Mein erster Abendtermin nach dem Corona-Lockdown führt mich nach Ehekirchen. Dort wird unter Beachtung strenger Hygienemaßnahmen die konstituierende Sitzung des neu gewählten Gemeinderats abgehalten. Zwar kenne ich bereits den groben Ablauf solcher Versammlungen aus meiner Zeit als freier Mitarbeiter, dennoch ist der erste Besuch eines neuen Gemeinderats für mich immer ein spannender Termin. Generell können Gemeinderatssitzungen, egal wie groß der Ort sein mag, Überraschungen bereithalten. Die zuvor veröffentlichten Tagesordnungspunkte erscheinen manchmal auf den ersten Blick lapidar, aber in der Diskussion haben sie es dann in sich. Gerade deshalb lohnt sich der Besuch einer Sitzung.

Erschwerte Vorbereitungen in Corona-Zeiten

Wenn ich zum ersten Mal über eine Gemeinde berichte, bereite ich mich vor der Sitzung gründlich vor. Zum Prozedere gehört nicht nur, dass ich alte Artikel im Archiv lese und Kollegen nach deren Einschätzung frage, sondern auch, dass ich mir die Namen der Ratsmitglieder einpräge. Vor allem die Gesichter versuche ich mir zu merken. Die Rätin mit der großen Brille, der Lokalpolitiker mit dem Vollbart oder das jüngste Mitglied – meistens hat jeder Mandatsträger ein Alleinstellungsmerkmal, das ihn von dem Rest abhebt. Das mag jetzt für Außenstehende oberflächlich klingen, aber so bleibt mir die Blamage erspart, die Räte ohne Namen ansprechen zu müssen. Außerdem schafft eine persönliche Begrüßung gleich eine gute Gesprächsbasis. Hier zahlen sich also Wissen und Vorarbeit aus, aber das gilt eigentlich für jeden Außentermin.

Genau diese Vorbereitung bereitet mir in Zeiten der Maskenpflicht Kopfzerbrechen. Wie um Himmelswillen soll ich die vielen unbekannten Gesichter zuordnen, wenn sie alle hinter einem Mundschutz versteckt sind. Dennoch recherchiere ich im Archiv die verschiedenen Räte. Beim ersten Termin nach Corona sollte man nicht von bewährten Mustern abweichen.

Das erste Mal mit Maske

In fünf Minuten bin ich da. Mein Handynavi lotst mich an mein Ziel. Und das lautet für diesen Abend:  Turnhalle Ehekirchen. Um die Abstandsregeln einzuhalten, verlegt die Gemeinde die Sitzung vom Rathaus in die benachbarte Halle. Noch 15 Minuten bis zum Beginn, Parkplatz vor der Tür, es läuft. Der Moment der Momente ist gekommen: Ich setze erstmals meine Maske für einen Arbeitstermin auf. Überhaupt sind das kleine Stoffteil und ich noch in der Kennenlernphase. Vorsichtig hochziehen, hier noch etwas nachschieben, passt ­– jetzt ist alles gut verdeckt. Na gut, ein bisschen zieht es schon hinter den Ohren, aber da muss ich durch. Bis ich aus dem Auto gestiegen bin, ist meine Brille natürlich schon beschlagen. Kurzerhand entscheide ich, die Brille heute Abend nur bei Bedarf aufzusetzen.

Die Gemeinderäte in Ehekirchen halten Abstand. Foto: Andreas Dengler

 
Der Weg findet sich leicht. Am Eingang der Halle sind Desinfektionsmittel und Masken ausgelegt. Kollegen haben mir berichtet, dass ihnen viele der jüngsten Sitzungen wie bunte Maskenbälle vorgekommen sind. Egal ob der Oberbürgermeister, der frisch ernannte Jugendreferent oder die neu gewählten Ratsmitglieder, alle haben die schützenden Modeaccessoires getragen. Eben eine solche Parade habe ich auf meinem ersten Abendtermin erwartet. Aber statt in Maskengesichter schaue ich in verdutzte Mienen. Der Blick durch die Reihen verrät, der Grund für das Staunen bin ich mit meinem khakifarbenen Mundschutz.

Mitläufer oder Einzelträger?

Kurz überlege ich, die Maske schnell abzunehmen und zu lächeln. Nur nicht auffallen und schön im Hintergrund bleiben. Aber so leichtfertig will ich den Mund-Nasen-Schutz nicht aufgeben. Tapfer behalte ich ihn die ganze Sitzung über auf. Beim Fotografieren, während der kurzen Gespräche in der Sitzungspause bis zum Auto. Vor allem das Sprechen fällt mit Mundschutz schwer. Noch schwieriger wird es aber, wenn der Gesprächspartner gegenüber keinen trägt.

Endlich im Auto. Geschafft. Vermutlich denken die Räte der Neue von der Zeitung hat einen an der Klatsche. Aber das ist mir egal. Ich habe das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Mit roten Backen und ohne Maske geht es heim.

Termin mit Mundschutz – Klappe die Zweite

In nur ein paar Stunden steht schon der nächste Termin an. Natürlich ist meine neue Begleiterin wieder mit dabei. Streng genommen eine meiner neuen Begleiterinnen. Nach drei Stunden Dauereinsatz kam meine Tarnmaske erstmal in die Wäsche. Aber keine Sorge, auch mein Ersatz ist farblich doch eher zurückhaltend: eine schwarze Maske mit roten Gummibändern. Eigentlich ganz schick, zumindest für einen Mundschutz.

Diesmal geht es zur evangelischen Christuskirche in Neuburg. Die Pfarrgemeinde hat gemeinsam mit der evangelischen Apostelgemeinde zum Pressegespräch geladen. Thema ist das Hygienekonzept in den bevorstehenden Gottesdiensten, die nach dem Verbot jetzt wieder geplant sind. Bereits vor der Kirche treffe ich einen der drei Pfarrer. Ich frage ihn, ob wir eine Maske tragen sollen. Er ruft kurz seinen Kollegen zu und wir entscheiden uns, auf die Masken zu verzichten. Zu fünft sind wir in dem großen Pfarrsaal. Den Mindestabstand von zwei Metern erfüllen wir locker.

Bitte lächeln – Fotos mit Maske

Für das Foto setzen die drei Pfarrer aber ihren Mund-Nasen-Schutz auf. Sie wollen wohl als gutes Vorbild vorangehen. Und mir als Fotografen erleichtern sie die Arbeit, denn mit Maske dürfen sie sich kurz näher zusammenstellen. Die neuen Abstandsregeln machen das Fotografieren auf Terminen nicht unbedingt leichter.

Die Pfarrer aus Neuburg ziehen für das Foto ihren Mundschutz an. Foto: Andreas Dengler

Zufrieden kehre ich der Christuskirche den Rücken zu und mache mich wieder auf den Weg ins Homeoffice. Schnell noch den Aufmacher für die morgige Ausgabe schreiben. Für künftige Termine mit Maske habe ich gelernt, dass ich einfach meine Interviewpartner frage und wir dann gemeinsam eine individuelle Vereinbarung treffen. Und solange tarnen sich meine Masken frisch gewaschen und jederzeit einsatzbereit in meiner Schreibtischschublade. 

 

Den Artikel über meine erste Gemeinderatssitzung mit Mundschutz findet ihr hier. Über meinen zweiten Termin habe ich folgenden Text geschrieben.