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Jeden Tag ein Abenteuer

Alles, nur kein PR: Volontär auf Pressereise nach Piemont

Arbeit, die sich wie Urlaub anfühlt, ist die beste Arbeit. Für Journalistinnen und Journalisten gilt das beizeiten im Wortsinn, besonders, wenn das Journal ruft. Dieses Ressort liefert bei der Augsburger Allgemeinen neben Anderem samstags das Wochenend- und dienstags das Reisejournal. Eines Tages kam die Sekretärin des Ressorts in die Sportredaktion, in der ich in diesem Monat arbeitete, und fragte mich, ob ich der sei, der mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Mein noch immer an mir klebendes, atmungsaktives Polyesterhirt war stummes Zeugnis davon. Die Sekretärin erzählte mir dann etwas von einem Kollegen, der abgesprungen sei, und dass sie nun händeringend Ersatz für ihn suche. Was das mit meiner wohlriechenden Kleidung zu tun hatte, war schnell klar: Der Kollege, selbst ein begeisterter Radsportler, hätte fürs Reisejournal einen Trip in die italienische Region Piemont machen und darüber eine Reportage schreiben sollen, musste aber kurzfristig absagen. Und ich durfte nun sein Ersatz sein. Weil ich zweimal pro Woche drei Kilometer von Lechhausen Süd nach Lechhausen Nord radle. Eine gute Wahl. Denn im Piemont, das im Nordwesten Italiens am Rande der Alpen liegt, kann man eben viele Berge hochfahren.

Volontär auf Pressereise: Klamotten vergessen – aber nicht die Prinzipien

Das war auch der Grund, weshalb ich mir gleich drei verschiedene Radleroutfits einpackte. Man will ja gut vorbereitet sein. Was ich nicht wusste war, dass für das Event „Piemont mit dem Bike erkunden“ eigentlich nur ein Radltag geplant war. Und dass der Rest des Programms aus leichtem Wandern und Städtebesichtigungen bestand. Dafür hatte ich exakt ein Hemd und eine Hose dabei. Bestückt mit dem Logo des 1. FC Nürnberg. Nach der Ankunft am Flughafen Saluzzo, der ebenso groß ist wie ein durchschnittlicher Augsburger Supermarkt, ging es ins Hotel. Schmale Gassen, backsteingepflasterte Straßen, die Pflanzen quollen aus den kleinen Balkons – Saluzzo-City ist eine Stadt wie aus einem Reiseprospekt. Das Hotel war perfekt, die Betten groß und die Klimaanlage eingestellt. Bei gefühlten 40 Grad Außentemperatur eine Wohltat.

Pressereisen sind in der Regel ein Geben und ein Nehmen: Agenturen zeigen uns eine Stadt oder eine Region, wir schreiben darüber – und machen mit aller gebotenen journalistischen Sorgfalt und Distanz die jeweilige Örtlichkeit etwas bekannter. Deshalb sind die Organisatorinnen und Organisatoren erpicht darauf, alles perfekt zu gestalten und die Vorzüge der Region hervorzuheben. Das wissen auch die Menschen vor Ort und überschütten einen gerne mit Informationen, Geschichten – und Essen. In Italien gab es das etwa fünfmal am Tag, immer mit Käse und Wein. Händler stellten spontan ein Buffet mit lokalen Köstlichkeiten auf dem örtlichen Mercato zur Verfügung, Restaurantbesitzerinnen referierten über ihre speziellen Pizzaöfen. Alles perfekt, man fühlte sich wie im Paradies. Dabei immer den Blick fürs Wesentliche zu behalten und sich nicht wie Gott in Piemont zu fühlen und das dann auch noch nicht zu werblich aufzuschreiben, ist gar nicht so einfach. Umso mehr schaute ich auf die Natur – und die ist fantastisch. Berge, Täler, Landschaften, Flüsse, Seen, die Region hat viel zu bieten. Ich hatte noch nie zuvor eine Reisereportage geschrieben, aber durch die vielseitige Landschaft fiel es mir nicht wirklich schwer.

Volontär auf Pressereise: Wo ist hier die Grenze?

Denn Reportagen leben von den Eindrücken vor Ort. Aber wo zieht man nun die Grenze? Schreibe ich den Namen des etwas kauzigen Almonkels, der seit 50 Jahren nichts anderes macht als seinen vorzüglichen Käse auf 1700 Metern herzustellen und der mich großzügig probieren ließ? Eigentlich eine interessante Geschichte, allerdings ist er nicht der einzige Mann mit einer traditionsreichen Käserei im Piemont. Ich habe mich demnach auf die Beschreibung der Szene beschränkt, weder Namen noch Orte genannt. Immer mit dem Anspruch, diesen äußerst netten Menschen nicht zu bevorzugen, nur weil er nun mit einer Agentur zusammenarbeitet. Wie gut die Reportage bei Leserinnen und Lesern ankommt, lässt sich schwer sagen, ich denke aber, dass die Qualität auch bei Reiseberichten durch gut angewandtes schreiberisches Handwerk zunimmt.  

Letztendlich bin ich mit meinen hautengen Radlerhosen über den Mercato gelaufen und habe den Heimflug in einem schweißaufsaugenden Shirt angetreten. Alles nur, weil ich nicht richtig gelesen hatte und von vier Radtouren während unseres Aufenthaltes  ausgegangen bin. Und natürlich auch, weil ich meinem neuen Freund Girgio sein spottbilliges weißes T-Shirt (in dem ich seiner Aussage nach fruchtbar bellissimo aussah) doch nicht abgekauft habe. Aber er ist übrigens der beste Händler in Piemont, wahrscheinlich der günstigste in Italien und vielleicht auch der qualitativ hochwertigste auf der Welt. So rein objektiv.