Archiv: 2021

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein untrainiertes Stimmchen in Bombenstimmung

Bei Hitradio RT1 darf sich Volontärin Vanessa Polednia im ersten Monat ihres zweiten Ausbildungsjahres an der Günter Holland Journalistenschule austoben. Was das mit „Let’s Dance“ und einer Fliegerbombe zu tun hat …

Als gebürtige Augsburgerin verbinde ich mit dem Sender Hitradio RT1 das frühe Aufstehen zu Schulzeiten. Wenn der Wecker frühmorgens klingelte, war einer meiner ersten Griffe jener zum Einschaltknopf des Küchenradios: „Hallo hier ist Daniel Lutz und das Morgenteam“ schallte es dann aus dem Gerät. Das Morgenteam hat sich seitdem verändert, das Vertraute beim Lauschen ist geblieben.  

So früh wie die Moderatoren der Morgenshow musste ich in meinem Radiomonat zum Glück nicht mit der Arbeit beginnen. Aus der Dillinger Lokalredaktion der Donau Zeitung beziehungsweise aus dem Corona bedingten Homeoffice ging es von nun an täglich in das Bürogebäude des Radiosenders mit dem quietschorangenen Logo. Auch ohne Vorerfahrungen machten sich gleich Unterschiede im Vergleich zur Arbeit bei einer Zeitung bemerkbar. Verschlafene Schüler, Menschen, die gerade den Hausputz erledigen, sowie auch gestresste Autofahrer müssen die Nachrichten ohne Probleme verstehen können. Weit ausholen kann man in 30 Sekunden nicht. Aus fünf Telefonaten mit Brauereien aus der Region werden beispielsweise zwei Sätze zusammengefasst. Eine wertvolle Erfahrung, um sich als Journalistin auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Crossmediales Volontariat: Mein Monat bei Hitradio RT1 

Die Nachrichtenredakteurin Laura Tendel spricht eine Meldung ein.

Ein weiterer Unterschied: Die Arbeit der Nachrichtenredakteure ist mit dem Recherchieren, Anleiern und Verfassen von Meldungen nicht getan. Rechtzeitig vor den Nachrichtenblöcken muss das Geschriebene eingesprochen werden. Fast schon ehrfürchtig hörte ich wie aus Kollegin Laura die professionelle Nachrichtensprecherin Laura Tendel wurde, sobald das rote Lämpchen im Aufnahmestudio zu leuchten begann. Ich durfte mich – natürlich nur zu reinen Übungszwecken – ebenfalls an das Mikro wagen, um im Anschluss festzustellen, dass es gar nicht so leicht ist, professionell anstatt eingebildet sowie deutlich ohne roboterhaft zu klingen.

Das Schneiden von Interviews und O-Tönen ging dagegen leichter von der Hand. Unzählige „Ähms“ und „Mhms“ fielen dem unbarmherzigen Schnittprogramm zum Opfer. Nicht nur die Redakteure, sondern auch die Interviewpartner müssen sich beim Radio schließlich kurzfassen!

Fast eine Nachmittagsshow-lang begleitete ich Radiomoderator Felix Straube bei seiner Arbeit. Hier bekam ich noch einmal bestätigt: Das Moderatoren-Dasein besteht aus mehr als nur dem Abspielen von Hits. Jede Sendung hat ein Thema und wird vorrecherchiert, Interviewpartner werden aufgenommen und geschnitten, die aktuellen Wetterdaten für mehrere Gebiete eingesprochen und Anrufe von Zuhörern zu kontroversen Themen oder nur die neuesten Blitzer entgegengenommen. Kein Wunder, dass die Arbeit wie im Fluge vergeht.

Felix Straube ist Moderator bei Hitradio RT1.

Außerdem durfte ich erleben, wie viele Anläufe ein Profi-Sprecher wie Patrick Linke, auch bekannt als der Ansager der RTL-Sendung „Let’s Dance“, zum Einsagen eines Werbetextes braucht: genau einen Versuch.  

Augsburger Volontärin in Bombenstimmung

Ein wenig aufgeregt war ich dann doch, als es plötzlich hieß „Vanessa, fahr bitte schnell nach Langweid. Im Gewerbegebiet wurde eine Fliegerbombe gefunden. Ach ja, und schick uns von dort einen Reporter per Sprachnachricht.“ Reporter heißt, dass man vom Ort des Geschehens live schildert, wie die Lage ist. Unverhofft kommt oft. Und so durfte ich mein untrainiertes Stimmchen doch noch kurz im Radio hören. Die Bombenentschärfung ging übrigens recht zügig, ohne Komplikationen und bei bestem Sonnenschein vonstatten, und ich – im schwarz-orangenen Mini Cooper sitzend – flitzte mit einem Grinsen und einer Erfahrung mehr zurück ins Studio.

Diese 50 Kilo schwere Fliegerbombe wurde in Langweid entschärft.

Alles, was uns bewegt

Wie viel Nähe verträgt guter Journalismus?

Volontär Michael Postl (links) mit SPD-Politiker Kevin Kühnert.

Der Volontär hat während seiner Zeit als Lokaljournalist viele nette Menschen kennengelernt. Würde er sich von ihnen auch auf ein Bier einladen lassen?

Drei Freunde habe sie in der ihr zugeteilten Stadt, sagte mir unlängst eine Lokalredakteurin der Augsburger Allgemeinen. NUR drei muss man fast sagen, ist sie doch einen Katzensprung entfernt aufgewachsen und nicht nur deshalb in der Gegend tief verwurzelt. Bekannte, ja, da gibt es viele. Man könnte die halbe Stadt aufzählen, die meisten Bewohner und Bewohnerinnen kennt sie seit über 20 Jahren. Uns Volontären bleiben dagegen nur elf Monate in unserer Lokalzeit, in denen wir Kontakte knüpfen, pflegen und wieder aufgeben dürfen, beziehungsweise müssen.

Ich mag Christian Bräuninger (Name geändert). Er ist Gemeinderat in dem 6000-Seelen-Ort, den ich während meiner Zeit in der Friedberger Redaktion der Augsburger Allgemeinen lokalpolitisch betreut habe. Er unterstützt denselben Fußballverein wie ich und hat mir schon einige Male Hintergrundwissen vermittelt, das man sich in elf Monaten kaum aneignen kann: Strömungen, Meinungen, Entwicklungen innerhalb der Gemeinde, die für eine umfassende und ganzheitliche Berichterstattung unabdingbar sind. Er ist da nicht der einzige, ich könnte drei, vier weitere Rätinnen und Räte aufzählen, die ich sehr schätze. Von ihnen meldet sich aber eben niemand mit „Mölders“, dem Nachnamen meines Lieblingsspielers am Telefon, um sich einen Scherz zu erlauben.

Würde sich der Volontär sein Bier bezahlen lassen?

Christian Bräuninger ist auch sicherlich ein Mensch, mit dem ich ein Bier trinken würde. Würde ich es mir aber bezahlen lassen? Schwierig. Die Faustregel im Journalismus ist, wie mir ein ehemaliger Chef mal sagte, dass ein Geschenk nicht mehr kosten dürfe „als a Veschber“ – eine kleine Brotzeit also. Journalisten werden oft eingeladen und beschenkt, abhängig davon, worüber man berichtet. Die Bauersfrau drückt einem noch einen Salatkopf in die Hand, der Getränkehersteller ein paar Flaschen Glühwein, der Dönerbrater einen Gutschein für ein komplettes Menü.

Die Frage ist: Verschleiert ein vollgeschlagener Bauch mir die Sinne, wenn die nette Bäuerin und der herzliche Dönermann in ihrem Unternehmen eine Verfehlung unterläuft? Und für wen berichte ich eigentlich? Letzteres ist klar – für den Leser und die Leserin. Ersteres ist da schon schwieriger zu beantworten. Ich würde den Gemeinderat auch mögen, wenn er mir kein Bier ausgibt. Wenn er sich einen Fehler leistet, berichte ich trotzdem darüber – für die Leser. Es muss aber auch keinen Salat geben, damit ich erwähne, dass die Tiere es auf dem zu beschreibenden Bauernhof gut haben. Wäre das nicht der Fall, würde ich über diese Missstände ebenfalls berichten.

Freunde sind okay, auch im Journalismus

Journalisten sind die Anwälte ihrer Leser, sie berichten nicht nur, sondern enthüllen, beeinflussen, auch wenn sie sich noch so sehr um Objektivität bemühen, und polarisieren. Im Lokalen ist das nicht ganz einfach, da kann es auch mal sein, dass einem auf die Schulter geklopft wird für einen Text. Was womöglich als Lob gemeint ist, kann einem, der ein kritischer Journalist sein möchte, auch ein Dorn im Auge sein.

Fazit: Freunde sind okay, auch im Journalismus. Aber der wahre Freund ist immer der, der die Wahrheit sagt. Oder eben schreibt.

Alles, was uns bewegt

Ohne großes Händeschütteln: der Start ins Volontariat

Volontärin Lisa Gilz in der Redaktion der Rieser Nachrichten in Nördlingen. Bild: Lisa Gilz

Ihren Einführungskurs an der Günter Holland Journalistenschule hat Neu-Volontärin Lisa Gilz hauptsächlich digital erlebt. Wie es ihr dabei ergangen ist und auf was sie sich nun am meisten freut, lest ihr hier.

Als ich letztes Jahr die Zusage für einen Volontariatsplatz an der Günter Holland Journalistenschule der Augsburger Allgemeinen bekommen habe, war ich ziemlich aus dem Häuschen. Natürlich, die Pandemie war noch im vollen Gange, aber im Herbst habe ich gedacht, dass mit Abstand alles funktionieren werde. Leider kam dann die zweite Welle, mit mehr Infizierten als in der ersten und Bayern ging wieder in den Lockdown.

Neuanfänge sind etwas, das ich liebe, man wird ganz kribbelig und freut sich auf die vielen Sachen, die man lernen und die unbekannten Menschen, die man treffen wird. Besonders auf meine elf Mit-Volontäre hatte ich mich gefreut. Schließlich sind wir ein Team und bestreiten mehr oder weniger die kommenden zwei Jahre zusammen. Nach mehreren Updates war dann Anfang des Jahres klar, dass wir uns erstmal nur über Videoanrufe sehen würden. Anstatt sieben Wochen gemeinsam in einem Raum die Grundlagen des Journalismus zu lernen, lief alles virtuell ab, ohne großes Händeschütteln.

Die meiste Zeit des Volo-Einführungskurses nahmen Online-Meetings in Anspruch

Anstatt dass wir in den Seminarräumen der Augsburger Allgemeinen saßen, wurden wir schon in unsere Lokalredaktionen geschickt. Ein Vorteil, den die Volontäre vor uns noch nicht hatten. Hier konnten wir uns an das Redaktionsgeschehen herantasten, wenn wir Luft nach den Online-Seminaren hatten. Ich konnte dadurch auch meinen Vorgänger noch treffen, mich an die neue Umgebung in Nördlingen gewöhnen und in den Rhythmus der Rieser Nachrichten kommen. Die meiste Zeit nahmen aber die Online-Meetings in Anspruch. Technische Probleme wurden meist schnell beseitigt und uns wurde das Wichtigste an die Hand gegeben, um im Redaktionsalltag zurecht zu kommen.

Während unsere Seminarleiterinnen und -leiter versuchten, das Wissen best möglich zu vermitteln, gaben wir unser Bestes zueinander Anschluss zu finden. Wir haben Glück, in einer Zeit zu leben, in der das Internet eine Vielzahl an Plattformen bietet, um zusammen zu kommen. Auch wenn man sich vielleicht nur als eins von zwölf Bildchen bei einem Video-Call kennt, wurden Fragen von Anfang an in einer Chatgruppe geklärt und nach der ersten Woche ohne Video-Meetings haben wir es auch geschafft, uns virtuell zu treffen und unsere ersten Eindrücke zu teilen.

Ich sehne schon die Zeit nach der Pandemie herbei, wenn wir die praktischen Seminarteile nachholen und Exkursionen im Rahmen des Volontariats machen. Mit dem Gedanken so viele Menschen in Realität zu treffen steigt die Vorfreude auf das kommende Jahr und das kribbelige Gefühl macht sich wieder bemerkbar.