Archiv: 2020

Jeden Tag ein Abenteuer

Einmal Ungarn und zurück

Simon Erno, ungarischer Sprecher des UNHCR, schildert Volontär Daniel Weber, wie es am Bahnhof Keleti in Budapest vor fünf Jahren zuging. Bild: Max Kramer

Erst konnte ich kaum glauben, was mir mein Volontärs-Kollege Max Kramer da sagte. Das Journal-Ressort der Augsburger Allgemeinen hatte ihm angeboten, für unsere Samstagsbeilage eine große Reportage über den Beginn der Flüchtlingskrise zu schreiben, der sich bald zum fünften Mal jähren würde. Damals kamen innerhalb weniger Wochen zigtausende Menschen über die Balkanroute am Münchner Hauptbahnhof […]

Erst konnte ich kaum glauben, was mir mein Volontärs-Kollege Max Kramer da sagte. Das Journal-Ressort der Augsburger Allgemeinen hatte ihm angeboten, für unsere Samstagsbeilage eine große Reportage über den Beginn der Flüchtlingskrise zu schreiben, der sich bald zum fünften Mal jähren würde. Damals kamen innerhalb weniger Wochen zigtausende Menschen über die Balkanroute am Münchner Hauptbahnhof an. Für die Recherche sollte Max die damals wichtigen Stationen von München bis Budapest selbst in Augenschein nehmen. Eine Wahnsinns-Geschichte! Und das Tollste daran: Ich sollte mich mit ihm zusammen auf den Weg machen.

Natürlich sagte ich sofort zu. Wie viele spannende Erlebnisse und wie viel Arbeit ich mir damit beschert hatte, ahnte ich das erste Mal, als wir das Projekt mit den Kollegen durchsprachen. Max und ich bekamen freie Hand: Wir sollten die wichtigen Orte auf der Flüchtlingsroute abklappern und uns dort von Zeitzeugen erzählen lassen, wie es damals war. Etwa fünf Tage dürfe die Reise dauern, die Kosten trage die Redaktion.

Als Volontär die Recherchereise selbst planen

So viel Freiraum bedeutete eine Menge Organisationsaufwand im Vorfeld. Max und ich stürzten uns in die Recherche, bis wir genau wussten, wann, wo und warum vor fünf Jahren welche Flüchtlinge unterwegs gewesen waren. Wir entwarfen eine Reiseroute, die uns von München über alle damals wichtigen Stationen durch Österreich in die ungarische Hauptstadt Budapest führen würde. Dort hatte die Flüchtlingskrise für Deutschland ihren Anfang genommen.

Nachdem wir die Strecke geklärt hatten, ging es los mit dem Telefonieren und Mail-Schreiben. Wir kontaktierten Organisationen und Behörden in Deutschland, Österreich und Ungarn auf der Suche nach passenden Gesprächspartnern, die damals involviert waren und sich mit uns vor Ort treffen würden. Dabei saß uns immer die Zeit im Nacken: In wenigen Tagen sollte es losgehen, aber ausgerechnet in München, unserer ersten Station, hatten wir lange kein Glück. Alle vielversprechenden Kontakte waren entweder gerade im Urlaub, hatten am fraglichen Tag keine Zeit oder wollten wahlweise ihren Namen oder ihr Foto nicht der Öffentlichkeit preisgeben.

Kommunikationsprobleme am Telefon

Außerdem gestaltete sich die Kommunikation mit den ungarischen Quellen sehr schwierig, weil wir kein Ungarisch können und viele Ungarn offenbar nicht nur kein Deutsch, sondern auch kein Englisch. Aber schließlich hatten wir Polizisten, Helfer von Nicht-Regierungsorganisationen, Flüchtlinge, Anwohner, Bürgermeister, Bahnhofspersonal und sogar den ehemaligen österreichischen Kanzler Christian Kern für unsere Geschichte gewinnen können.

Weil wir auch für das Bildmaterial selbst sorgen sollten, suchten wir uns vor unserer Reise viele Archivfotos zusammen, die an den Orten aufgenommen worden waren, die wir besuchen wollten. Wir hofften, einige der Plätze wiederzufinden und wollten vorher-nachher-Aufnahmen machen. Mit den Online-Kollegen planten wir außerdem Videos für eine Multimedia-Reportage und eine Instagram-Story. Dann deckten wir uns mit allerlei Kabelgewirr, Handy, Mikrofon, Kamera, Stativ, Laptop und einer großen Packung Masken ein und reservierten einen Dienstwagen. Und los ging’s.

Journalismus kann ziemlich anstrengend sein

Unterwegs lief einfach alles glatt. Wir hatten uns genau die richtigen Gesprächspartner geangelt, genau die richtigen Schauplätze ausgesucht, sogar die Aufnahmeorte der Archivbilder fanden wir wieder. Nur für Sightseeing blieb leider keine Zeit, weil wir immer entweder einen Zeitzeugen interviewten, fotografierten oder filmten, irgendwo auf Spurensuche waren oder auf dem Weg zum nächsten Termin im Auto saßen. Nach dem Check-in im Hotel, einem Abendessen und einer abschließenden Lagebesprechung waren wir immer so müde, dass wir froh waren, ins Bett zu dürfen. Denn am nächsten Morgen ging es schon früh wieder los.

Eine Zeitzeugin zeigt Volontär Max Kramer, wo die Flüchtlinge vor fünf Jahren über den Grenzfluss zwischen Salzburg und Freilassing nach Deutschland kamen. Bild: Daniel Weber

Eine Zeitzeugin zeigt Volontär Max Kramer, wo die Flüchtlinge vor fünf Jahren über den Grenzfluss zwischen Salzburg und Freilassing nach Deutschland kamen. Bild: Daniel Weber

Dafür erfuhren wir in den fünf Tagen so viele spannende Geschichten, dass wir sie unmöglich alle in der Reportage unterbringen konnten. Die zu schreiben war eine Menge Arbeit: Sechs Seiten Platz bekamen wir in der Samstagsbeilage für unsere Texte. Unsere Geschichten und die vorher-nachher-Bildpaare kamen bei den Kollegen gut an, aber noch war die Arbeit nicht erledigt. Die Videos mussten für die Multimedia-Reportage (hier verlinkt) und die Instagram-Story geschnitten, der Artikel für das Netz mit weiteren Bildern aufgehübscht, Facebook-Kacheln zum Verlinken gebaut werden, und, und, und.

Aber am Ende hat sich der ganze Aufwand mehr als gelohnt. Obwohl einige unserer Kollegen selbst vor fünf Jahren über die Flüchtlingskrise berichtet hatten, sagten sie, dass sie beim Lesen der Reportage viel Neues erfahren hätten. Abgesehen davon war es eine tolle Erfahrung, ein so großes Projekt so selbstständig durchführen zu können. Und bei schönstem Sommerwetter hatte das Arbeiten direkt am Grenzfluss zum österreichischen Salzburg, im für Passanten gesperrten Bereich der österreichisch-ungarischen Zollstation oder in der Altstadt von Budapest immer auch einen Touch von Urlaub.

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein Reich nur für den Volo

Bei der Augsburger Allgemeinen muss man nicht erst Redaktionsleiter werden, um ein geräumiges Büro für sich allein zu haben. Zumindest für einen Monat kommt man in diesen Genuss schon als Volontär – und darf sich in aller Ruhe mit Geschichten rund um Mensch und Tier beschäftigen. Tom Trilges schreibt über vier Arbeitswochen, die nur einen kleinen Makel hatten.

Was macht eigentlich ein Projektvolontär? Zugegeben, der Name ist in etwa so nichtssagend wie „Volontär für besondere Aufgaben“ oder „Volontär im Spezialeinsatz“. Tatsächlich sind die Aufgaben, die hinter dem Titel stehen, deutlich konkreter zugeschnitten. Der Projektvolontär betreut im Wesentlichen drei Bereiche: die Mensch-und-Tier-Seite, die Schule-Seite und den Voloblog. Außerdem wird er tatsächlich projektbezogen eingesetzt, wenn beispielsweise das medienpädagogische Projekt der Augsburger Allgemeinen „Zeitung in der Schule“ (kurz ZiSCH) es erfordert – oder wenn Ausbildungsmessen, Berufsfindungstage an Schulen, Schülermedientage oder Ähnliches anstehen. Einen Monat lang darf jeder Volontär der Augsburger Allgemeinen während seiner Ausbildung den Posten besetzen.

Das ist mit einem einmaligen Vorzug verbunden: Um sich ohne Störungen diesen wichtigen Dingen anzunehmen, pachtet der Projektvolontär ein geräumiges Büro ganz für sich allein. Die Arbeitszeiten bestimmt er weitgehend selbst, nur die Leistung muss am Ende stimmen. Das heißt: Zu bestimmten Terminen müssen entweder Text- oder Bilderseiten zu Mensch-und-Tier-Themen oder Schule-Seiten fertig sein. Abgenommen werden sie von der Ausbildungsleiterin Stefanie Sayle.

Zu Beginn des Monats darf der Projektvolontär seine Ideen für Artikel vorstellen und diese nach Absprache mit Stefanie Sayle in weitgehender Eigenverantwortung angehen. In einem Schrank schräg gegenüber des Arbeitsplatzes befindet sich Material für spezielle Zeitungsseiten: Neben den klassischen Textseiten gehören auch solche mit Tierbuch-Rezensionen zu den Arbeitsaufträgen. Stundenlang kann sich der Projektvolontär also mit Pferdeerziehung, Vogelführern oder Anleitungen zur Hundehaltung beschäftigen.

Projektmonat Volontäre

Die Beschäftigung mit Tierbüchern ist eine der vielen spannenden Aufgaben des Projektvolontärs.

Während es in den beschriebenen Bereichen darauf ankommt, selbstständig seine Themen voranzutreiben, ist der Projektvolontär im dritten Aufgabenfeld, dem Voloblog, ganz gewaltig von seinen lieben Volontärskollegen abhängig. In schöner Regelmäßigkeit kündigen die tolle Geschichten an, die sie für den Blog schreiben wollen – nur damit ihnen wenig später auffällt, dass sie es neben dem stressigen Redaktionsalltag gerade zeitlich nicht schaffen. Die wichtigste Eigenschaft des Projekvolontärs lautet also: Beharrlichkeit.

Klingt die bisherige Jobbeschreibung überwiegend positiv, sei auch auf einen kleinen Makel des Projektmonats ehrlich hingewiesen. Erwischt es einen in den Sommermonaten, muss man recht hitzeunempfindlich sein. An sehr warmen Tagen gleicht das Büro ab mittags eher einer Sauna. In diesen Stunden fragt sich der Projektvolontär, zumindest war es bei mir so, ob es nicht doch angenehmer ist, mit den Kollegen das Klimaanlange-gekühlte Großraumbüro in der Zentrale der Augsburger Allgemeinen zu teilen, obwohl das mitunter mit einem höheren Geräuschpegel und dem unfreiwilligen Mitlauschen teils verstörender Gespräche verbunden ist. Wer also ein Büro alleine UND gekühlt haben will, der muss wohl oder übel Karriere machen und in die Führungsriege der Zeitung aufsteigen – so ein Pech aber auch.

Nach Redaktionsschluss

Endgegner Maske: Corona-Maßnahmen auf Italienisch

Volontärin Lara Schmidler von der Günter Holland Journalistenschule hat sich seit Jahresbeginn auf ihren Sommerurlaub in Italien gefreut. Zwischenzeitlich standen die Zeichen coronabedingt aber eher auf Absage. Letztlich konnte sie doch verreisen und tolle Erfahrungen sammeln. Sie berichtet auch darüber, wie die Italiener mit der Krise umgehen, die sie bisher so schwer gebeutelt hat.

Sonne, Meer und Gelato – so hatte ich mir meinen Sommerurlaub noch im Januar vorgestellt. Dann kam Corona, die Grenzen waren dicht und an Ferien im Süden war erst mal nicht zu denken. Nicht im Traum hätte ich geahnt, dass ich nur wenige Wochen später mit einem geliehenen Roller durch die Küstenorte von Ischia knattern, Pompeji besichtigen oder den Vesuv besteigen würde. Doch tatsächlich war ich zwei Wochen in Kampanien unterwegs und habe wirklich viele Erfahrungen gesammelt. Nicht zuletzt darüber, wie die Italiener mit der Pandemie umgehen.

Die erste Auffälligkeit in Bezug auf die Hygieneregeln ergab sich dann allerdings nicht in Italien, sondern in Deutschland, und zwar auf dem Weg zum Flughafen. Um die Kosten für einen Parkplatz in Stuttgart zu sparen, nahmen wir nämlich den Flixbus – und mussten uns sehr wundern. Abstand? Fehlanzeige. Nicht nur jede Reihe war besetzt, teilweise mussten Fremde Arm an Arm nebeneinander sitzen, und die Masken nahmen viele ab, sobald der Bus losgefahren war. Anders lief es dann im Flugzeug ab. Zwar waren auch hier fast alle Plätze besetzt, doch die Stewardessen achteten penibel auf die Einhaltung der Maskenpflicht.

Dass das mit dem Maskentragen in Italien allerdings gar nicht so einfach werden würde, wie wir gedacht hatten, bemerkten wir erst, als wir das Flughafengebäude in Neapel verließen. Denn es war heiß. Wirklich sehr, sehr heiß. Und es wurde auch nicht besser, als wir in den Bus einstiegen, der uns zum Hafen bringen sollte.

Für alle, die noch nie bei 35 Grad, stehender Luft und gefühlten 120 Prozent Luftfeuchtigkeit eine Maske getragen haben: Es fühlt sich an, als würde man sich tief über einen Topf heißer Suppe beugen. Spaßigerweise gibt es in den öffentlichen Verkehrsmitteln auch keine Klimaanlage – oder zumindest wird sie nicht genutzt. Denn ein Neapolitaner, der etwas auf sich hält, verabscheut Klimaanlagen und kurbelt stattdessen das Fenster herunter. Für den schönen, warmen Fahrtwind, der genau einer Person nutzt: dem Busfahrer. Und natürlich, um die anderen Verkehrsteilnehmer lauthals zu beschimpfen.

Wir blieben tapfer – und sahen tatsächlich die ganzen zwei Wochen nur eine Handvoll Leute, die in den öffentlichen Verkehrsmitteln keine Maske trugen. In den Geschäften war es kein einziger. Und ein kleines Plus: Von den berüchtigten neapolitanischen Taschendieben war weit und breit nichts zu sehen.

 

Wunderschöne, verlassene Buchten findet man in Zeiten von Corona häufig in Italien.

Bislang gibt es in Kampanien rund 5200 bestätigte Corona-Fälle, in Bayern sind es über 50000. Einerseits liegt das daran, dass Bayern mehr als fünfmal größer ist als Kampanien, zum anderen spielt sich in Italien ein Großteil des Lebens im Freien ab. Es wird draußen gegessen, Jugendliche treffen sich auf einer Piazza statt in einer Bar und dank der Siesta zwischen 12.30 und 16 Uhr sind die Geschäfte sowieso lange geschlossen. Und die Hitze tut ihr übriges, um es dem Virus schwer zu machen – und den Touristen.

Kaufte man sich ein Eis, musste man in rasendem Tempo bezahlen, aus dem Laden rennen und sich die Maske vom Gesicht reißen. Wenn man Glück hatte, lief das Zitronensorbet bis dahin noch nicht über die Hände. Make-up war in dieser Zeit völlig überflüssig, denn nach den ersten zehn Minuten mit Maske in der U-Bahn war davon nichts mehr im Gesicht. Es empfiehlt sich außerdem, ein paar mehr Masken mitzunehmen, als man hier in Deutschland brauchen würde. Etwa doppelt so viele.

Grundsätzlich war ich aber von der Konsequenz, mit der die Italiener die Hygieneregeln einhielten, mehr als überrascht. Wer in Restaurants essen wollte, musste sich nicht nur bis zum Tisch Mund und Nase bedecken und die Hände desinfizieren, in vielen Lokalen wurde zusätzlich am Eingang Fieber gemessen. Wer über 37 Grad hatte, musste draußen bleiben. Die Tische wurden nach jedem Gast desinfiziert. In den Pensionen waren Fernbedienungen und Zahnputzbecher in Plastikhüllen verpackt, an den Rezeptionen trennten die Angestellten Plexiglasscheiben von den Gästen.

Tatsächlich habe ich mich zu keinem Zeitpunkt in Italien unsicher gefühlt. Als wir wieder in Deutschland waren, haben wir uns aber trotzdem testen lassen. Für die Sicherheit.