Archiv: 2019

Jeden Tag ein Abenteuer

Volontärin auf der Suche nach der Freiheit in den Bergen

Eine der Volontärinnen wandert in den Allgäuer Alpen, um zum Thema Freiheit zu recherchieren – und fühlt sich dabei eingeengt wie nie.

360-Grad-FotoKreativ sollte man sein, offen für neue Themen und natürlich sollte man schreiben können. Von Sportlichkeit war nie, wirklich nie, die Rede, als ich mich damals für das Volontariat beworben habe. Und doch war ich seitdem – neben meinen sportlichen Aktivitäten in der Freizeit – im Niedrigseilgarten, beim Schießen, bin viele Kilometer geradelt und war mehrmals in den Allgäuer Alpen wandern. So auch Anfang Oktober, für die Schwerpunktausgabe unseres Volontärjahrgangs.

Für die Volontärin geht es dieses Mal ins Allgäu

Mein Startpunkt ist Hinterstein, ein pittoresker Ort am Ende des Ostrachtals im Oberallgäu. Das Wetter zeigt sich an diesem Tag von einer Seite, die man nur „Goldener Oktober“ nennen kann, auch wenn man solche Phrasen abgedroschen findet. Mein Ziel ist die Willersalpe, dort will ich Markus Bertele, den Wirt, für die Seite drei unserer Schwerpunktausgabe interviewen.

Jedes Jahr erstellen die Volontäre der Günter Holland Journalistenschule eine Schwerpunktausgabe zu einem bestimmten Thema. Unseres lautet: Freiheit. Aber ich fühle mich nicht frei. Ich werde eingeengt, und zwar wortwörtlich, physisch, als ich an diesem Freitagvormittag gegen zehn Uhr loslaufe. Auf meinem Rücken: ein Rucksack, in dem sich eine Kamera befindet, die große, die für die ganz scharfen Fotos. Auf diesen Rucksack gespannt: ein zweiter Rucksack mit Wasser, Brotzeit und was man sonst in den Bergen so braucht. Auf meinem Kopf: eine Go-Pro. Die Tatsache, dass ich leicht erkältet bin und mein Nasen-Nebenhöhlen-System verschlossener ist als Fort Knox, trägt nicht unbedingt dazu bei, dass ich mich freier fühle.

Besonders wichtig: die crossmediale Aufbereitung des Artikels

Eine Stunde und dreißig Minuten braucht man laut den Schildern zur Willersalpe, aber aus jahrelanger Erfahrung weiß ich: Das kann ich schneller. Und unser Leser schafft den Aufstieg sogar noch schneller – zumindest indirekt. Für die Online-Version des Artikels filme ich den Aufstieg mit der Go-Pro, am Ende wird ein Zeitraffervideo von wenigen Minuten daraus.            

Willersalpe

„Du warsch doch neulich schomal da, bei dem Sauwetter.“ Markus Bertele erkennt mich sofort, als ich oben ankomme. Das liegt daran, dass wir uns bei meinem letzten Besuch ausführlich unterhalten haben – und nicht daran, dass wir uns im Allgäu alle untereinander kennen, was mir der ein oder andere Kollege gerne unterstellt.

Der Artikel soll am Ende in der Schwerpunktausgabe der Volontäre erscheinen

Nach einem halben Liter Apfelschorle und einem Kaffee ist mein fiebriger Kopf dann in der Lage, das Gespräch zu beginnen. Es dreht sich ziemlich viel um Freiheit, noch mehr um Klischees und ein kleines bisschen um Käse.  Meine Sorge, dass die Konversation zäh werden könnte, ist glücklicherweise unbegründet. Markus Bertele beantwortet meine Fragen zwar mit Bedacht, erfüllt sonst aber das Klischee des maulfaulen Allgäuers nicht. Und er lässt sich auch bereitwillig fotografieren: In der Hütte ist es dunkel, es gibt nur zwei kleine Fenster als Lichtquelle und ich denke pflichtbewusst daran, was ich in meinem Bild-Monat im September von AZ-Fotograf Silvio Wyszengrad gelernt habe.

So sieht es bei der Willersalpe aus

Zehn Minuten später verrenke ich mich vor der Hütte, sehr zum Amüsement einer Familie, die draußen ihre Brotzeit isst. Aber man muss beim 360-Grad-Foto eben darauf achten, dass keine ungünstigen Schatten oder die eigenen Füße mit drauf sind. Fun Fact: klappt nie.

Trotzdem irgendwie zufrieden mit der Tatsache, dass ich den Termin trotz Erkältung durchziehen konnte, und mit einem Ranken Käse im Gepäck steige ich wieder ab und fühle mich kurz ein bisschen frei, als mir klar wird: Ich habe all mein Material, technisch hat alles funktioniert und ich kann jetzt noch ein bisschen an einem sonnigen Freitagnachmittag auf einer Bank in den Bergen sitzen und auf schneebedeckte Gipfel schauen.

Fliegendes Klassenzimmer

Journalismus und das Gewerbe: Was tut die Industrie- und Handelskammer – und warum?

Geht es um wirtschaftliche Belange, kann die IHK Journalisten ein aufschlussreicher Ansprechpartner sein. Screenshot: Philipp Wehrmann (Video)

Wir Zeitungsjournalisten berichten über vieles: Gesellschaft und Entwicklung, Politik und Soziales, lokal und global. Beim Recherchieren kreuzt immer wieder auch die Wirtschaft unsere Wege. Suchen wir Informationen, Zahlen oder nur eine Einschätzung zu einem bestimmten Sachverhalt, bietet sich die Industrie- und Handelskammer oder IHK als ein möglicher Ansprechpartner an. Aber womit beschäftigt sich die IHK, welche Projekte fördert sie, welche Themen treibt sie um? Das haben die Volontäre der Augsburger Allgemeinen an einem Nachmittag vor Ort erfahren – Philipp Wehrmann hat diese Eindrücke in einem Video festgehalten.

Wir Zeitungsjournalisten berichten über vieles: Gesellschaft und Entwicklung, Politik und Soziales, lokal und global. Beim Recherchieren unserer Artikel kreuzt immer wieder auch die Wirtschaft unsere Wege – ob nun in direkter oder in indirekter Weise.

Suchen wir Informationen, Zahlen oder nur eine Einschätzung zu einem bestimmten Sachverhalt, bietet sich die Industrie- und Handelskammer oder IHK – eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, die von der Wirtschaft selbst verwaltet wird – als einer von vielen möglichen Ansprechpartnern an. Aber womit beschäftigt sich die IHK, welche Projekte fördert sie, welche Themen treibt sie um? Das haben die Volontäre der Augsburger Allgemeinen an einem Nachmittag vor Ort erfahren – Philipp Wehrmann hat diese Eindrücke in einem Video festgehalten.

Jeden Tag ein Abenteuer

Als Volontär bei einem Mammutprozess: Wahnsinn, was Recht ist

Wahnsinn, was Recht ist! Doch an der Schuld des Angeklagten darf es keinen Zweifel geben. Foto: Max Kramer

Haben drei Männer einen gemeinsamen Bekannten zu Tode geprügelt? Um diese Frage drehte sich ein Gerichtsprozess, den Max Kramer, Volontär der Augsburger Allgemeinen, über mehrere Wochen für die Lokalredaktion in Mindelheim begleitet hat. Dabei erlebte er Schockierendes, Lustiges – und echten Wahnsinn.  

Einer spricht aus, was viele im Raum denken: „Wahnsinn!“ Soeben hat der Mann in der schwarzen Robe die Worte gesprochen, die nach acht Wochen Prozess Fakten schaffen. Fakten, die Urteil sind und gleichzeitig unter-teilen: in ein Davor und ein Danach – für alle Beteiligten. Für einen der drei Männer, die sich dort links von der Anklagebank erhoben haben, heißt das für die kommenden zehn Jahre: Gefängnis. Die anderen beiden verlassen den Gerichtssaal 132 als freie Männer. Wahnsinn.

Wüsste man es nicht besser, man müsste eigentlich Mitleid mit den Männern haben. Alle drei sind dem Alkohol verfallen, alle drei haben mit instabilen familiären Verhältnissen zu kämpfen, alle drei verbringen den Großteil ihrer Zeit in einem heruntergekommenen Wohnheim unter ihresgleichen. Alle drei sollen dort einen gemeinsamen Bekannten getötet und misshandelt haben. So weit, so schon vor Beginn der Verhandlung bekannt. Dann kommen sie in den Gerichtssaal, in Handschellen, einer nach dem anderen. 34, 37 und 56 Jahre alt sind die drei Männer. Äußerlich wirken sie zehn Jahre älter und so, als wären sie sich ihrer ernsten Lage bewusst. Aber kann man einem Menschen das schiere Böse ansehen? Lässt man die Umstände außen vor: nein, natürlich nicht.

Ein Gerichtsprozess mit mehr als 50 Zeugen 

Die Strategie der drei Verteidiger ist klar: Zum Vorwurf, sie hätten einen 46-jährigen Mann mit über 60 Schlägen gemeinsam zu Tode geprügelt, sagen die Männer nichts. Wohl aber zu ihrem persönlichen Werdegang: selten Arbeit, wenig Kontakt zur Außenwelt, dafür viel Alkohol. Kurze, einfache Sätze mit osteuropäischem Einschlag. Dann beginnt ihr großes Schweigen. Jetzt sollen andere sprechen. Über 50 Zeugen sind geladen: Freunde, Bekannte, Mitbewohner, Verwandte, Polizisten, Gutachter. Los geht’s.

Den Auftakt macht eine junge Frau, die damalige Freundin des 34-jährigen und damit jüngsten Angeklagten. Er gilt als Hauptangeklagter, und für viele schon bald als Täter. Denn nach den Schilderungen der jungen Frau weicht die spürbare Aufregung aller Beteiligten schierer Fassungslosigkeit: So habe der Mann in größerer privater Runde mit einem Video geprahlt, auf dem er betrunken einen Bekannten verprügelt und ihn schwer am Ohr verletzt habe – das spätere Todesopfer. War der Totschlag also ein Blutrausch mit Ansage? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Der Mann, der dort nur wenige Meter entfernt sitzt, ist höchstwahrscheinlich für den Tod eines Menschen verantwortlich.

Max Kramer, Volontär der Augsburger Allgemeinen, begleitete über mehrere Wochen einen Gerichtsprozess. Foto: Max Kramer

Ein unheimlich beklemmendes Gefühl – und doch stellt sich schon ab dem darauffolgenden Verhandlungstag eine unerwartete Gemeinschaftsatmosphäre ein. Bald werden einem die Gesichter im Gerichtssaal und davor vertraut. Die meisten Beteiligten grüßen sich freundlich, wenn sich auch die Zuneigung der Angeklagten gegenüber den Medienvertretern offenbar – und verständlicherweise – in Grenzen hält. Irgendwie sind alle Zeugen des gleichen Schauspiels. Das ist auch mal unangenehm lustig: dann etwa, als ein verschrobener Mann, sowohl mit dem Toten als auch mit einem Angeklagten gut bekannt, nach seiner Aussage den Saal verlässt.

Er trägt ein T-Shirt, Pantoffeln – und eine Lederhose, die hinten so tief hängt, dass sich ein überaus unappetitlicher Anblick bietet. Keiner im Saal kann sich zumindest ein dickes Grinsen verkneifen, manche lachen ungeniert. Für einen kurzen, seltsamen Moment sind alle in einer Emotion vereint. Dann bleibt das Lachen in den Hälsen stecken. Es wirkt in diesem Rahmen unendlich unangebracht.

Es darf keinen Zweifel an der Schuld geben 

Um was es hier wirklich geht, führt nur wenig später eine Gutachterin vor Augen. Sie analysiert trocken die schweren Verletzungen, die dem Mann zugefügt wurden. Zur Veranschaulichung greift sie auf naheliegende Hilfsmittel zurück: Fotoaufnahmen des Toten. Mit einem Blick auf die Leinwand hinten im Eck wird aus einer abstrakten Figur ein leibhaftiger Mensch. Ein Vater, Bruder, Sohn, Ehemann. Einer, der die letzten Monate und Jahre seines Lebens unter unwürdigen Umständen verbrachte. Einer, der qualvoll an seinem eigenen Blut erstickte. Gedemütigt, bis sein Herz aufhörte zu schlagen.

Im Lauf der Verhandlung verfestigt sich der Eindruck, den man schon früh hatte: Der jüngste Angeklagte muss schuldig sein. Und die anderen beiden? Viele Faktoren – die Zahl der Verletzungen, Blutspuren, teilweise auffälliges Verhalten nach der Tat – deuten darauf hin, dass die beiden irgendwie an der Tat beteiligt waren. Aber ob in jener Nacht wirklich alle drei auf das Opfer einschlugen, wie ursprünglich vom Staatsanwalt angenommen? Sicher ist nicht einmal, dass die drei zum Tatzeitpunkt auch am Tatort waren. Aber ist ein Einzelner wirklich in der Lage, ein solch grausames Blutbad anzurichten? Auch das: schwer vorzustellen. Zu beneiden ist der Vorsitzende Richter vor der Urteilsverkündung jedenfalls nicht.

Und dann schafft er nach langen Beratungen im Schöffengericht Fakten: einmal zehn Jahre Gefängnis, zweimal im Zweifel für den Angeklagten. „Wahnsinn“, sagt einer. Das denken die meisten.

Es ist auch Wahnsinn, einerseits. Andererseits stärkt diese Entscheidung – mit einigem Abstand, zugegeben – auch das Vertrauen in den Rechtsstaat. Denn bevor einem Menschen eines seiner höchsten Güter, die Freiheit, genommen werden soll, darf es keine Zweifel an seiner Schuld geben. Und hier gab es gleich mehrere. Dass dieses Urteil einen faden Beigeschmack hinterlässt und vor allem bei den Angehörigen des Toten viele offene Wunden, ist zutiefst unbefriedigend. Das ist in diesem Fall aber leider egal. Wahnsinn, was Recht ist.