Jeden Tag ein Abenteuer

Wikipedia vs. Volontärin – wer kennt die spannenderen Geschichten?

Jeder Tag ist anders, jeder Termin abwechslungsreich, jedes Thema neu. Das Versprechen an den Journalistenberuf hat sich mit meinem Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen bewahrheitet. Eine Konstante gibt es jedoch in meinem ersten Jahr, das ich in der Lokalredaktion der Schwabmünchner Allgemeine verbringe. Sie hängt hinter mir ausgedruckt mit Magneten an die Wand gehaftet, bunt […]

Jeder Tag ist anders, jeder Termin abwechslungsreich, jedes Thema neu. Das Versprechen an den Journalistenberuf hat sich mit meinem Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen bewahrheitet. Eine Konstante gibt es jedoch in meinem ersten Jahr, das ich in der Lokalredaktion der Schwabmünchner Allgemeine verbringe. Sie hängt hinter mir ausgedruckt mit Magneten an die Wand gehaftet, bunt gespickt mit neon-farbenem Textmarker und Ausrufezeichen auf Post-It-Notes: etliche Wikipedia-Einträge über Ortschaften aus dem Landkreis Augsburg.

Ja klar, der Landkreis ist groß, und als angehende Lokalredakteurin sollte man die grundlegenden Fakten seines Berichterstattungsgebiets kennen. Darum geht es bei dem Kunstwerk, das ich an meiner Bürowand kreiert habe, jedoch nicht. Viel mehr als das, was drinsteht, interessiert mich aber, was fehlt. Denn darum geht es in der Artikel-Serie „Was weiß Wikipedia über unseren Landkreis – und was nicht?“.

A wie Adelsried, Z wie Zusmarshausen

Woche für Woche düsen wir, das sind mein Volo-Kollege Marco Keitel aus der Landboten-Redaktion im nördlichen und westlichen Landkreis Augsburg und ich, durch die Region. Wir wollen für die Artikel-Serie spannende Fakten und Geschichten herausfinden, die das Online-Lexikon nicht kennt. Die Artikel erscheinen sowohl im Landboten als auch in der Schwabmünchner Allgemeine. Dafür sprechen wir mit Altbürgermeistern, Gemeindearchivarinnen, Vorsitzenden von Heimatvereinen und Menschen, die aus Heimatliebe zum Teil ganze Haus- und Hofchroniken über ihre Gemeinde verfasst haben.

Alle 46 Orte im Landkreis – 33 Gemeinden, sieben Märkte und sechs Städte – haben wir untereinander aufgeteilt. Im Februar 2021 ging es mit Adelsried los, im Januar 2022 steht Zusmarshausen als letzter Ort auf unserer Liste. Damit mein Volo-Kollege und ich gleich viel zu schreiben haben, übernimmt jeder von uns die Hälfte dieser 46 Orte. Einmal in der Woche erscheint ein „Was weiß Wikipedia?“-Artikel.

Für die Artikel wird sogar fremdes Terrain betreten

Eine Herausforderung gibt es dabei allerdings: Fast zwei Drittel der Ortschaften befinden im nördlichen Landkreis – und damit aus Sicht der im Landkreissüden gelegenen Schwabmünchner Allgemeine im Berichterstattungsgebiet des im Norden ansässigen Landboten. Das bedeutet seit nun etwa acht Monaten für mich: Regelmäßig muss ich die Verbreitungsgrenzen meiner Redaktion überschreiten und mich auf fremdes Terrain im hohen Norden und im wilden Westen begeben.

Einen überraschten Blick des Redaktionsleiters habe ich schon einige Male zugeworfen bekommen, wenn ich mir den Schlüssel für das Redaktionsauto aus seinem Büro schnappe und verkünde, wo ich hinfahre. Auch, wenn mich meine Interviewpartner fragen, warum denn jemand von der Schwabmünchner Allgemeinen in ihrem Wohnzimmer sitzt und so viele Fragen stellt, wo sie doch jeden Morgen den Landboten im Briefkasten haben, kam ich mir schon einige Male vor, als hätte ich mich verfahren.

Jede Gemeinde hat eine spannende Geschichte zu bieten

Was ich bei diesen Gesprächen erfahre, kommt zwar wahrscheinlich an kein Regierungsgeheimnis heran, ist aber alle Male auch so spannend. Es stellte sich zum Beispiel heraus, dass die Gemeinde Diedorf im Westen Augsburgs mal als Tarnkappe für die Stadt Augsburg im Zweiten Weltkrieg diente. Bomben der Alliierten sollten so nicht in der Stadt Augsburg landen, sondern bewusst auf ein Waldgebiet bei Diedorf gelenkt werden.

Ein anderes Mal erfuhr ich, warum Dampfnudeln laut einer Sage für den Untergang der Langerringer Burg verantwortlich sind. Und ein weiteres Mal lernte ich in Langenneufnach, auf wie viele Arten der Nachname Weber kombiniert werden kann (Bachweber, Schmidweber, Eckweber …), wenn fast eine ganze Gemeinde jahrzehntelang ihren Lebensunterhalt über die Leinenweberei verdient. All das sind Geschichten, die man in den Wikipedia-Einträgen an meiner Bürowand nicht nachlesen kann.

Jeden Tag ein Abenteuer

Nervenkitzel bei Loopings und Rollen: Volontär berichtet aus dem Cockpit

Pilot Thomas Brenner steht auf dem Flugplatz Mindelheim-Mattsies. Neben ihm ein weiß-oranger Flieger – die Grob G 120TP. Brenner macht die Maschine startklar. Bevor wir losfliegen, muss ich noch einen Fallschirm anlegen. Brenner erklärt mir, wie ich im Falle eines Notfalls das Verdeck nach hinten schieben, auf die Tragfläche steigen und beim Absprung Abstand zum […]

Pilot Thomas Brenner steht auf dem Flugplatz Mindelheim-Mattsies. Neben ihm ein weiß-oranger Flieger – die Grob G 120TP. Brenner macht die Maschine startklar. Bevor wir losfliegen, muss ich noch einen Fallschirm anlegen. Brenner erklärt mir, wie ich im Falle eines Notfalls das Verdeck nach hinten schieben, auf die Tragfläche steigen und beim Absprung Abstand zum Propeller gewinnen soll. Nach ein paar Sekunden soll ich dann einen Metallbügel ziehen, damit sich der Fallschirm öffnet. „Moment, könnte dieser Flug gefährlich werden?“, schießt es mir in den Kopf. Darüber hatte ich mir zuvor gar keine Gedanken gemacht. Ein paar Minuten später sitze ich stramm festgegurtet neben Thomas Brenner – und wir fliegen mit voller Geschwindigkeit in einen Looping.

Doch die Geschichte fängt einige Wochen zuvor an. Jede Volontärin und jeder Volontär der Augsburger Allgemeinen kennt diese Situation: In der Redaktion kommt ein Thema auf, das irgendwie spannend klingt. Welchen Dreh das Thema bekommen soll, ist noch nicht so richtig klar. Klar ist dafür aber schon, wer es machen könnte: Das wäre doch was für den Volontär. „Mach‘ dort doch mal eine Reportage“, ist ein Spruch, den so manche Volontärinnen und Volontäre der Günter Holland Journalistenschule schon häufiger gehört haben dürften. So findet man sich regelmäßig in Situationen wieder, die man im normalen Leben so wohl nicht erlebt hätte.

Reportage aus dem Cockpit: Wie fühlt sich ein Looping an?

Für die Lokalredaktion der Mindelheimer Zeitung durfte ich beispielsweise im Impfzentrum über die Menschen hinter den Kulissen berichten. Mit Wärmebildkamera stand ich in verrauchten Räumen und habe die Atemschutz-Ausbildung der Feuerwehr begleitet. Zuletzt durfte ich eine eintägige Kneipp-Kur am eigenen Körper erfahren. Und an diesem Tag flog ich in einem Ausbildungsflieger der Firma Grob Aircraft mit. Mit den Flugzeugen werden normalerweise Luftwaffenpiloten ausgebildet. Sie lernen darin Flugmanöver zu fliegen, die sie später in ihren Kampfjets brauchen werden. 

Der Dreh in der Geschichte war inzwischen auch klar. Ich würde in einer Reportage der Frage nachgehen: Welche Manöver werden mit den Flugzeugen aus Mattsies geflogen – und wie fühlt sich das im Cockpit an? Wenige Wochen nachdem ich mich mit der Firma in Verbindung gesetzt habe, sitze ich also im Cockpit hinter Knöpfen, Schaltern, Displays und einem Steuerknüppel. Thomas Brenner fliegt mit der Maschine eine enge Rechtskurve. Wie in einer Achterbahn werde ich in den Sitz gedrückt. Das ist auch für Ungeübte wie mich noch gut auszuhalten. Doch dann kommt der Moment der Wahrheit. Brenner zieht den Steuerknüppel zu sich. Das Flugzeug fliegt in einem steilen Bogen fast senkrecht nach oben. Sofort werde ich mit voller Wucht in den Sitz gepresst. So fühlt es sich also an, wenn das Fünffache des Körpergewichts auf den eigenen Körper wirkt.

Das Privileg, ungewöhnliche Einblicke zu bekommen

Der Boden verschwindet aus dem Sichtfeld. Beine und Arme werden so schwer, dass man sie nicht mehr anheben kann. Das Gesicht wird nach unten gezogen. Auf einmal wird alles wieder ganz leicht. Dort wo eben noch der Himmel war, ist nun aus dem Cockpit die Landschaft zu sehen. Wir fliegen kopfüber. Doch noch bevor ich den Ausblick genießen kann, fliegt das Flugzeug in einem Bogen auch schon wieder abwärts. Erneut versinke ich im Sitz – bis der Looping fertig gedreht ist. Brenner zeigt mir danach noch ein paar andere Manöver. Sie live im Flugzeug mitzuerleben, fühlt sich fast ein wenig unwirklich an.

In diesen Situationen wird einem besonders klar, was es für ein Privileg sein kann, Journalistin oder Journalist zu sein. Gemeinderatssitzungen, Gerichtstermine, Vereinsjubiläen – wir berichten bei vielen verschiedenen Veranstaltungen von vor Ort. Die Menschen sprechen mit uns und erzählen uns ihre Geschichten. Und immer wieder bekommen wir auch Einblicke in Bereiche, in die man sonst eben nicht mal so schnell hineinschauen kann. Das ist ein besonders spannender Teil unseres Jobs. Für die Leserinnen und Leser der Augsburger Allgemeinen sind wir mittendrin, wenn etwas passiert. Versuchen Blickwinkel zu zeigen, die die Menschen nicht kennen und ordnen ein, was andere Menschen leisten. Dafür lohnt es sich auch mal in einen Flieger zu steigen – und am Ende des Fluges zu merken, dass sich im Kopf dann doch etwas mehr dreht als sonst.

Alles, was uns bewegt

Warum zum Volontariat auch Live-Konzerte gehören (sollten)

Die Volontärin der Augsburger Allgemeinen Zeitung hatte sich auf viele Konzerte gefreut. Doch durch Corona musste sie vor allem Absagen schreiben.

Bereits vor Beginn meines Volontariats hatte ich mich auf die Kulturberichterstattung gefreut. Im Geiste sah ich mich bei Konzerten in der ersten Reihe, die Kamera immer vor der Nase. Oder in Museen, wo ich mich in die Werke lokaler Künstler vertiefe. Ich hatte noch aus meinen Praktika in Erinnerung, dass es nicht nur Arbeit, sondern auch Vergnügen war, abends auf solche Veranstaltungen zu gehen.

Soweit zur Theorie. Leider wurde 2021 immer noch von Corona beherrscht, und dahin waren meine ganzen Vorstellungen. Wenn ich einen Artikel schreiben konnte, hatte er höchstens zum Thema, welche Veranstaltung dieses Jahr nur begrenzt oder gar nicht stattfinden konnte.

Keine Kulturveranstaltung wegen der Corona-Pandemie

Wie sich herausstellte, war ich aber nicht die einzige Volontärin, die in dieser Lage steckte. Im August hatten wir Volontäre ein Seminar zu eben diesem Thema, Kulturberichterstattung. Als der Dozent uns nach unseren Erfahrungen im ersten Halbjahr unseres Volontariats fragte, war die Antwort fast immer dieselbe: fast keine, coronabedingt hatte Nichts stattgefunden. Das ist vor allem deshalb schade, weil die Kulturberichterstattung, das Feuilleton, ein ganz eigenes Ressort ist.

Deshalb habe ich mich umso mehr gefreut, als ich doch noch völlig unverhofft auf eine Kulturveranstaltung gehen und darüber berichten konnte. Denn auch das P-Seminar Musik des Maria-Ward-Gymnasiums Günzburg stand vor dem Corona-Problem: Zwei Jahre zuvor hatten die Vorgängerinnen bereits einen Musikwettbewerb mit jungen Musikerinnen und Musikern auf die Beine gestellt. Alles live und vor Ort, versteht sich. Der aktuelle Jahrgang wollte ihn auch dieses Jahr durchziehen. Allerdings war im März, als ich für einen Vorbericht über das Seminar zum ersten Mal mit den Schülerinnen und dem Seminarleiter sprach, noch gar nicht klar, ob es ein Live-Konzert werden würde, oder ob sie das Ganze als Online-Wettbewerb und damit coronakonform abhalten sollten.

Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen: Kultur gehört dazu

Die erste Runde lief dann nur online über eingereichte Videos ab. Umso größer war meine Freude, dass die Finalrunde dann tatsächlich vor Ort in der Aula des Gymnasiums stattfinden konnte. Ich saß mit anderen Menschen im Publikum, die lachten, Tränen der Rührung in den Augen hatten und klatschten, als gäbe es kein Morgen. Das konnte ich umso besser in meinen Artikel einbinden.

Man merkte, dass alle – Musiker wie Zuschauer – einfach glücklich waren, wieder live spielen und zuhören zu dürfen. Inklusive mir als Berichterstatterin. Wie hätte ich denn die Reaktion des Publikums beschreiben sollen, wenn ich allein vor meinem Bildschirm den Wettbewerb verfolgt hätte? Wie hätte ich die Anspannung der Musiker einfangen sollen, wenn ich nicht direkt unter der Bühne gekniet wäre, um ein Video zu drehen?

Vielleicht bietet die aktuelle ungewöhnliche Situation in unserem Volontariat auch neue Möglichkeiten: dass man neue Formate oder Künstler eher beachtet als früher. Dass man sich generell Gedanken macht, wie Kultur digital zum Publikum kommen kann, und welche Chancen und Probleme diese neue Art der Rezeption mit sich bringt. Trotzdem ist mein ganz persönlicher Eindruck bisher, dass man Kulturberichterstattung am besten am „lebenden Objekt“ lernt – live, vor Ort. Und ich hoffe, dass wir dazu noch einige Chancen in den kommenden Monaten bekommen – trotz Corona.