Jeden Tag ein Abenteuer

Der Volo-Redakteur

Der Volontär im Homeoffice.

Seit rund vier Monaten bin ich zurück in der Nördlinger Lokalredaktion – obwohl ich diese Zeit eigentlich noch im Mantel hätte verbringen sollen.

Seit rund vier Monaten bin ich zurück in der Nördlinger Lokalredaktion – obwohl ich diese Zeit eigentlich noch im Mantel hätte verbringen sollen.

Rückblick, Ende August 2020: Es ist bereits ein kleiner Abschied. Vom Volontariat und von meinen Volontärskolleginnen und -kollegen. Eigentlich wäre meine Ausbildung im Haupthaus noch bis zum Jahresende gegangen, doch die Nördlinger Lokalreaktion braucht Unterstützung. Die Redaktionsleiterin ist im Mutterschutz, ein anderer Kollege wird die Redaktion wenige Monate später auf eigenen Wunsch verlassen, das ist bereits klar.

Bereits im Lokaljahr als Volontär hat es mir in Nördlingen gut gefallen

Da braucht es jemanden, der schnell helfen kann, der die Redaktion und die Stadt kennt. Ich war als Volo im Lokaljahr bis vor sieben Monaten noch vor Ort. Der Kontakt zu den Kollegen ist nie ganz abgerissen und ich habe verfolgt, was sich in der Stadt getan hat, wer zum Oberbürgermeister gewählt wurde, welche Themen die Nördlinger bewegen. Ich möchte den Kollegen im Lokalen helfen, habe Aussicht auf eine Übernahme und die Stadt hat es mir bereits während meines Lokaljahrs angetan. Also sage ich gerne zu.

Doch das bedeutet eben auch, dass mein Volontariat ein bisschen früher endet oder jedenfalls anders, als ich das ursprünglich gedacht habe. Eigentlich hätte ich noch Monate in der Wirtschafts- und Bayernredaktion, beim Radio oder im Korrespondentenbüro in München erleben dürfen. Das fällt nun weg. Immerhin habe ich meine Geschichte für die Seite Drei noch im August im Ressort Politik schreiben dürfen. Üblicherweise verfassen die Volontäre die sonst erst im Bayern-Monat. Und natürlich ist da der Abschied von meinen Volo-Kollegen. Das gemeinsame Mittagessen in der Zentrale entfällt, ebenso der Austausch, wenn man sich mal im Flur über den Weg läuft.

Der Volontär auf dem Weg zum Jungredakteur

Und so lande ich wieder in ‚meiner‘ Lokalredaktion. Am Anfang geht es für mich darum, in der Zeitungsproduktion voll einsatzfähig zu werden, sodass ich auch gelegentliche Sonntagsdienste übernehmen kann. Zwar habe ich in meinem Lokaljahr schon mal eine Woche lang produziert, aber das ist auch schon ein bisschen her und Routine habe ich in dieser Hinsicht natürlich noch keine. Produktion bedeutet, die Zeitung aus den einzelnen Artikeln am Bildschirm so zusammenzubauen, wie sie hinterher in gedruckter Form oder als E-Paper schlussendlich aussieht.

Die Lokalredaktion der Rieser Nachrichten sieht der Volontär derzeit nur selten von innen.

Aber das ist nicht alles. Der Producer braucht den Überblick über die Themen, den Maileingang, spricht sich mit den Kollegen aus der benachbarten Kreisredaktion ab, bestellt Seiten für die nächste Ausgabe, beauftragt freie Mitarbeiter, macht Themenpläne etc. Anfangs brauche ich ein bisschen, um in all das reinzukommen, doch mit der Zeit werden die Abläufe zur Routine.

Offiziell bin ich noch ein Volontär

Nach und nach komme ich dann auch mehr zum Schreiben. Zudem übernehme ich die Berichterstattung aus dem Gericht sowie über eine Reihe kleinerer Gemeinden.

Natürlich bin ich noch Volontär, nehme noch an den Volontärstagen teil, sofern sie coronabedingt stattfinden können. Doch nun ist alles ein bisschen anders, ich arbeite wie ein Redakteur. Auch als Volo im ersten Ausbildungsjahr bekommt man in Nördlingen viel Verantwortung übertragen, doch man ist noch nicht ganz so sehr in die Produktion oder die Sonntagsdienste involviert. Das ist nun anders. Ich weiß, dass nun mehr von mir erwartet wird und ich erwarte auch von mir selbst, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Mit dem Jahreswechsel endet nun auch ganz offiziell mein Volontariat. Ab jetzt bin ich Jungredakteur, kein Volo mehr. Nach einem Übergang von der Ausbildung in den Redakteursalltag fühlt sich das im Moment noch nicht wirklich an. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich schon die Monate zuvor die Aufgaben eines Jungredakteurs übernommen habe. Und daran, dass ich noch einmal etwas für diesen Blog hier schreiben darf. Tschüss Volo, es war eine schöne Zeit.

Jeden Tag ein Abenteuer

Wie die Querdenker die Containern-Reportage der Volontärin retteten

Mara aus Ulm ist 19, studiert und hat ein illegales Hobby: das Container. Dass sie sich dabei strafbar macht, ist ihr bewusst. Ich habe Mara in einer Freitagnacht begleitet.

Den Querdenkern aus Ulm sei Dank, dass diese Reportage doch noch zustande kam: Eines Nachmittags, so zwischen zweiter und dritter Tasse Kaffee, warf ich mal wieder einen Blick in die Messenger-App Telegram. Denn seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr gibt es in Ulm eine große Querdenker-Bewegung, bei der Kritiker der Corona-Maßnahmen regelmäßig auf dem Münsterplatz demonstrieren, einen Schlauchboot-Aufstand auf der Donau ankündigen oder zum großen Autokorso durch die Innenstadt aufrufen. Die Termine werden meistens über Telegram mitgeteilt. Seitdem gehört die App  zu den neuen Recherchemöglichkeiten im Redaktionsalltag bei der Neu-Ulmer Zeitung. Telegram soll außerdem sicherer sein als WhatsApp, da die Nachrichten verschlüsselt versendet werden.

In Ulm gibt es eine große „Foodsharing“-Szene

Also öffnete ich nach ein paar Tagen mal wieder die Telegram App. Und neben 57 Nachrichten in der Querdenker Gruppe fiel mir auf einmal eine Nachricht auf, die da wohl schon ein paar Tage stand. Eine unbekannte Nummer schrieb mir: „Hallo, ich bin Mara und Sarah (Namen wurden geändert) hat mir deinen Kontakt gegeben wegen dem Artikel über das Containern…“ Da fiel mir wieder ein Thema ein, das ich schon beinahe vergessen hatte. Meine junge Kollegin Sarah aus der Jugendseiten-Redaktion hatte ihrer Freundin Mara meine Kontaktdaten weitergeleitet. Ich wollte die 19-jährige Mara gerne bei ihrem illegalen Hobby begleiten, dem Containern. Umgangssprachlich wird das Containern auch Mülltauchen genannt. Die Mülltaucher „retten“ weggeworfene Lebensmittel aus Mülltonnen von Supermärkten. Meist aus Gründen der Nachhaltigkeit und um ein Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung in Deutschland zu setzen. Die Idee für diese Reportage kam mir, als ich auf Facebook die Gruppe „Foodsharing Ulm“ vorgeschlagen bekam. Dort bieten vor allem Studenten kostenlose Lebensmittel an, die das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben. Außerdem gab es vor einigen Monaten den Fall vor Gericht, als zwei Studentinnen zu einer Geldstrafe verurteilt wurden, weil sie weggeworfene Lebensmittel aus Supermarktmülltonnen gestohlen hatten.

Warum meldet sich Mara aus Ulm nicht?

Einige Tage wartete ich bereits auf eine Nachricht oder einen Anruf von Mara – dass sie mir auf Telegram schreiben wird, hatte ich nicht erwartet. Doch später erklärte sie mir, es sei für sie die sicherere Variante gewesen, denn: Dass Mara Containern geht, sollte vor allem die Polizei nicht mitbekommen. Containern kann unter anderem als Hausfriedensbruch und Diebstahl bestraft werden. Erwischt wurde sie zwar noch nie, davor habe sie auch keine Angst, dennoch wolle sie kein Risiko eingehen. Sie freute sich jedoch über meinen Vorschlag. Nach einem kurzen Telefonat vereinbarten wir noch für die gleiche Woche einen Containern-Termin.

Die Uhrzeit des Termins ist im Redaktionsalltag der Augsburger Allgemeinen eher ungewöhnlich

Freitag, 23 Uhr. Keine gewöhnliche Uhrzeit für einen Termin. Doch ein anderer Zeitpunkt stand gar nicht zur Debatte. Frühestens eine Stunde nach Ladenschluss geht Mara normalerweise los, um von den Supermärkten weggeworfene Nahrungsmittel aus den Tonnen zu holen. An dem Freitag, als ich sie begleitete, trafen wir uns vor einem Parkplatz in der Nähe des Supermarkts. Mara lachte mich freundlich an, hatte bereits ihre Kapuze auf und meinte, sie sei heute gar nicht so aufgeregt, weil ich dabei sei. Na toll, dafür war ich ab diesem Zeitpunkt doch ein bisschen nervös. Das wurde nicht besser, als Mara mir sagte, ich solle während sie die Lebensmittel stiehlt am besten nicht in die Überwachungskameras schauen, die genau auf die Mülltonnen gerichtet sind.

19-Jährige aus Ulm containert regelmäßig, um Lebensmittel aus den Tonnen zu retten. 

Mara aus Ulm beim Containern

Mara in Action: Das Containern dauerte nicht lange. 

Um kurz nach 23 Uhr ging es dann los. Die Aktion dauerte höchstens zehn Minuten. Während Mara in routinierter Schnelligkeit das Obst, Gemüse und Brot aus den Tonnen sammelte, versuchte ich, ein paar brauchbare Bilder zu machen. Wir redeten währenddessen nur sehr leise miteinander, was es schwer machte, brauchbare Anweisungen für mein zentrales Foto zu geben. Dazu kam, dass Mara auf dem Foto nicht zu erkennen sein durfte. Mein Kollege, der sich in der Neu-Ulmer Redaktion um Online und Digitales kümmert, kam ebenfalls dazu und drehte noch ein kurzes, anonymes Interview mit Mara. Dass sie anonym bleiben wird, hatte ich ihr bereits im Voraus versichert. Nach dem Containern ging ich mit meiner Protagonistin nach Hause, um das geklaute Gemüse und Obst zu waschen und zu sortieren. Da besprachen wir die weiteren Kriterien, um sie nicht erkennbar zu machen. Das Alter und den Wohnort zu nennen, war für sie beispielsweise okay. Trotz einiger Widrigkeiten zu Beginn kam eine ausführliche Reportage zustande.

Zuhause wurde das Obst und Gemüse sortiert und gewaschen. 

Ein Teil der Ausbeute: In den Tonnen war viel Gemüse dabei. 

Den vollständigen Text inklusive Videomaterial gibt es unter diesem Link https://www.augsburger-allgemeine.de/neu-ulm/Containern-Mara-aus-Ulm-macht-sich-strafbar-weil-sie-Lebensmittel-retten-will-id58578851.html

Jeden Tag ein Abenteuer

Hurra Stadtrat! Volontärin ist begeistert von kommunaler Berichterstattung

Stadtratssitzung in Harburg

Als Volontärin der Günter Holland Journalistenschule berichtet man im Lokaljahr bei der Augsburger Allgemeinen auch über einen Gemeinde- oder Stadtrat. Wie diese Aufgabe einer Volontärin (unverhofft) viel Freude bereitet.

Beschluss, Ausschuss oder Haushalt sind Begriffe, die mir vor ein paar Monaten nicht viel gesagt haben. Doch seit dem Beginn meines Volontariats bei der Augsburger Allgemeinen ist klar: In meinen elf Monate in der Lokalredaktion muss ich mich damit auseinandersetzen. Als Volontärin übernehme ich dort einen Gemeinde- oder Stadtrat. Davon hatte ich zumindest durch Kommunalwahlen mal gehört oder in meiner Heimatzeitung gelesen. Aber in einer mir fremden Gemeinde oder Stadt über die kommunalpolitischen Entscheidungen zu berichten? Davor hatte ich zuerst Respekt und auch Bedenken, wie spannend das sein könnte.

Stadtrat gleich am ersten Tag in der Lokalredaktion

Der Harburger Stadtrat, den ich in meiner Lokalredaktion in Donauwörth betreue, war sogar Teil meines ersten Tages in der Redaktion. Damals sagte ein Kollege: „Abends ist Stadtratssitzung in Harburg, aber ich übernehme das. Eigentlich schade, es ist heute ziemlich spannend.“ Eine spannende Stadtratssitzung? Das weckte mein Interesse. Also nutzte ich meinen ersten Tag dazu, den Kollegen abends in den Stadtrat zu begleiten. Anstatt Feierabend zu machen, fuhr ich mit dem Redaktionsauto zur Sitzung nach Harburg, eine Stadt mit etwa 5500 Einwohnern.

Zu meiner Überraschung saßen knapp 100 Bürger auf Holzstühlen in der Schulaula. Das hatte ich nicht erwartet. Die Idee für einen Dorfladen brachte ungewöhnlich viele Menschen zur Stadtratssitzung. Mehr schlecht als recht verstand ich, um was es ging und wer sich zu was und wie überhaupt äußerte. Gespannt verfolgte ich die Interaktionen und beobachtete Redner sowie Zuschauer. Der Kollege kritzelte hastig alle Details in seinen Notizblock. Mein Gedanke danach: Puh, wie soll ich da durchblicken?

Zweite Sitzung: der gefürchtete Haushalt

In der nächsten Stadtratssitzung stand der von mir etwas gefürchtete Haushalt an. Der Haushaltsplan zeigt, wie die Gemeinde oder Stadt finanziell dasteht, was die wichtigsten Einnahmequellen sind, wie hoch die Steuern sind, ob sie Ersparnisse oder Schulden hat und vor allem für was sie das Geld ausgeben will. Darüber hatte ich im siebenwöchigen Einführungskurs der Günter Holland Journalistenschule in Augsburg am Anfang des Volontariats schon mehr gelernt. Eine Lokalredakteurin hatte uns damals über die Tücken der Haushaltsberichterstattung aufgeklärt.

Also rief ich, wie gelernt, den Bürgermeister und Kämmerer (Leiter der Finanzverwaltung) an, um mit ihnen später im Rathaus die finanziellen Pläne der Stadt durchzugehen. Mein Kollege erklärte mir im Vorfeld einige Themen, ich versuchte mich einzulesen und ging nochmal das Gelernte zum Haushalt durch. Vorbereitet, aber noch etwas unsicher, setze ich mich am abends an den Platz für die Presse in der Schule in Harburg. Seite für Seite füllte ich meinen Notizblock mit jedem kleinsten Detail. Die Aufgabe für den nächsten Tag war es, alle Fakten auf das Wichtigste zu reduzieren und verständlich für den Leser zusammenzufassen. Bis Ende des Tages füllte ich unter Zeitdruck eine Zeitungsseite mit dem Haushalt und den Stimmen der einzelnen Fraktionen.

Mehre Monate später: Volontärin freut sich auf jede Stadtratssitzung

Nach knapp acht Monaten in meiner Lokalredaktion in Donauwörth freue ich mich über jede Einladung zur nächsten Stadtratssitzung. Mittlerweile öffne ich gespannt die Mail aus dem Rathaus mit den anstehenden Themen. „Beschlussfassung über neue Kindergartenplätze“, „Beratung über Stadtfest 2024“ oder „Stellungnahme zum Antrag auf Errichtung von Windenergieanlagen“ lösen in mir den Drang aus, mehr darüber zu erfahren.

Der Bürgermeister hat zwar oft viel zu tun und ist nur schwer zu erreichen, erläutert mir aber jeden Punkt im Vorfeld. Mein Kollege, der unglaublich viel über die Stadt, die Bewohner und jedes Thema dort weiß, versorgt mich mit noch mehr Hintergrundwissen. Im Stadtrat blicke ich durch, welches Ratsmitglied sich zu den Themen äußert und stelle nach der Sitzung Nachfragen zu Details. Am Tag danach versuche ich für die aktuelle Ausgabe so verständlich wie möglich die Artikel zu manchmal komplizierten Beschlüssen zu schreiben.

Berichterstattung über Stadtrat macht unerwartet viel Freude!

Ich muss zugeben, dass die kommunale Berichterstattung in meiner Lokalredaktion mir unerwartet viel Freude bereitet. Meine Erkenntnis: Die Entscheidungen auf kommunalpolitischer Ebene betreffen die Menschen vor Ort direkt und andersherum können die Bürger auch durch Eigeninitiative beeinflussen, dass ihre Probleme, Wünsche oder Ideen vom Stadtrat diskutiert werden.