Jeden Tag ein Abenteuer

Einblicke ins wahre Leben: Alltag eines Gerichtsreporters

Die Presse wird oft als "Vierte Gewalt" bezeichnet. Als Reporter trägt man eine große Verantwortung. Foto: Tanja Gimmi

Die Presse wird oft als „Vierte Gewalt“ bezeichnet. Journalisten haben als Gerichtsreporter nicht nur eine Kontrollfunktion. Hinter Kriminalfällen verbergen sich oft gesellschaftliche Probleme und persönliche Schicksale. Über die Erfahrungen der Opfer wird in der Öffentlichkeit nur selten gesprochen.

Die Gerichtsberichterstattung ist jedes Mal aufs neue ein Abenteuer. „Schreib alles mit, was Du für wichtig hältst“, gibt mir meine Kollegin in der Lokalredaktion vor dem ersten Einsatz als Reporter mit auf den Weg. „Na super“, denke ich mir. Was ist denn alles wichtig? Die vielen guten Tipps aus unserem siebenwöchigen Einführungskurs sind zwar nicht vergessen, doch in der Praxis ist man auf sich alleine gestellt, macht vieles intuitiv. Eine leichte Aufregung ist schon da beim ersten Mal. 

Mein erster Einsatz als Gerichtsreporter

Mit Block und Stift schreite ich ins Amtsgericht, Audio-Mitschnitte während der Verhandlung sind ja verboten. Im Gericht angekommen packe ich mein Hab und Gut aus, denn zuerst muss ich durch die Sicherheitsschleuse. „Sie sind von der Presse, oder?“, fragt mich ein Justizbeamter. Ich zeige ihm meinen Presseausweis und erhalte prompt ohne Kontrolle Zugang ins Gebäude – andere Gäste müssen warten und schauen mich skeptisch an.

An der Tafel erfahre ich, wo „mein“ Prozess stattfindet. Ich bin natürlich viel zu früh da. Der Verhandlungssaal ist noch abgesperrt, weit und breit ist keine Menschenseele zu sehen. Ich setze mich auf die Wartebank – dort, wo normalerweise die Zeugen Platz nehmen. Die Bank fühlt sich nicht gut an, etwas hart.

„Sie sind ein Zeuge?“ werde ich plötzlich hinterrücks von einem mir unbekannten Mann angesprochen. „Nein, nein, ich schaue nur zu“, antworte ich. Wie sich später herausstellt, sprach mich der Verteidiger an. Wäre ich ein Zeuge gewesen, was wollte er von mir? Eine Antwort werde ich wohl nie erhalten.

Die Mitschrift ist ein Fall für Grafologen

Nach einer gefühlten Ewigkeit versammeln sich immer mehr Menschen vor dem Saal. Gleich geht es los. Drinnen suche ich mir einen Platz mit guter Sicht auf die Anklagebank. Ich beobachte das Verhalten des mutmaßlichen Täters, schaue ihm in die Augen. Er ist ein 23-Jähriger, der viel auf dem Kerbholz haben soll: gefährliche Körperverletzung, Beamtenbeleidigung und Bedrohung. So gefährlich schaut er gar nicht aus.

Die Staatsanwaltschaft braucht über fünf Minuten, um die Anklageschrift zu verlesen. Mir tut bald die Hand weh.Audio-Aufzeichnungen sind im Gerichtssaal verboten. Deshalb gilt, mitzuschreiben. Je schneller, desto besser. Foto: Oliver Wolff Muss ich wirklich alles mitschreiben? Schließlich sollte mein Gekrakel halbwegs entzifferbar bleiben. Schnell komme ich zum Entschluss, mich auf Stichpunkte zu beschränken – sozusagen als Gedächtnisstütze.

Tiefgründige Zitate schreibe ich im Wortlaut mit. Das sind Sätze wie „um mich und mein Verhalten zu verstehen, müssen Sie in meiner Vergangenheit herumwühlen, und das möchte ich nicht“. Etwa 90 Minuten lang geht meine Premiere im Gericht. Zurück in der Redaktion haue ich das Erlebte in die Tasten, es muss ja schließlich aktuell ins Blatt. Das Schreiben geht schneller als gedacht, ich benötige kaum Blicke in meine Notizen.

Bei spannenden Kriminalfällen hautnah dabei

Mein Rekord bezüglich der Dauer von Gerichtsverhandlungen liegt mittlerweile bei fünfeinhalb Stunden. Das heißt, fünfeinhalb Stunden Konzentration. Und wichtig dabei: Bei kurzen Unterbrechungen sofort aufstehen, den Saal verlassen und die eingeschlafenen Füße vertreten. Langes Sitzen auf harten Stühlen ist der Preis für spannende Kriminalfälle.

Zum Beispiel wird eine Mutter zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem sie ihren Sohn dazu angestiftet hat, Drogen in der Schule zu verticken. Oder ein Ingenieur wird aus der U-Haft in Handschellen vor den Richter geführt, weil er bei einem Automobilzulieferer 220 Gigabyte Daten, darunter geheime Forschungsergebnisse, gestohlen und Konkurrenzherstellern zum Kauf angeboten hat.

Wer sind die, die so etwas machen? Was sind ihre Beweggründe? Im Gericht erfahre ich etwas über ihre Herkunft, ihre Vita. Manche Angeklagten zeigen Gefühle, andere verstarren stundenlang, geben keinen Mucks von sich und lassen nur ihre Anwälte sprechen. Oft sind die Beschuldigten äußerlich total unscheinbare Menschen. Menschen, die meine Nachbarn sein könnten.

Gerichtstermine: Im Journalismus sind sie unentbehrlich

Was ich mir im Nachhinein oft denke: Viele Urteile fallen milde aus. Aber das ist nur meine persönliche Wahrnehmung, auch geschuldet meiner noch wenigen Erfahrung. Mit mehr Routine verstehe ich vielleicht manches Strafmaß besser. 

Als Gerichtsreporter habe ich wichtige Aufgaben: Zum einen ist die Presse eine Art Kontrollinstanz, auch wenn das Staatsanwaltschaft und Richter möglicherweise ungern hören wollen. Zum anderen kann ich mit meinen Berichten der Öffentlichkeit einen Einblick in juristische und gesellschaftliche Angelegenheiten geben. 

Oft kommen die Erfahrungen der Opfer zu kurz – in Verhandlungen und in der Berichterstattung. Das ist ein Problem. Viele sagen, im Gericht spiele sich das „wahre Leben“ ab. Für Beobachter kann ein Besuch im Gericht eine wertvolle Erfahrung sein. Journalisten wird oft vorgeworfen, in einer Filterblase zu leben – manchmal zu Recht.

Jeden Tag ein Abenteuer

Ein lehrreicher Ausflug zweier Volontäre in die Allianz Arena

In der Günter-Holland-Journalistenschule geht es nicht nur theoretisch zu. Viele praktische Inhalte sind über den Einführungsmonat verteilt, so auch ein Besuch beim Eishockey. Ein Fußballspiel stand bislang jedoch nicht auf dem Plan, so machten sich zwei Volontäre auf zum DFB-Pokalspiel in München. Dabei hatten sie eine professionelle Begleitung.

Mit Nachnamen heißen die Fußballer des FC Bayern offenbar alle gleich. Zumindest wenn es nach den Fans der TSG Hoffenheim geht. Diese schrien stets denselben Nachnamen, nachdem der Stadionsprecher der Allianz Arena den Vornamen des jeweiligen Bayern-Spielers vorgelesen hatte. Gut, so muss man sich als Außenstehender die vielen Namen immerhin nicht merken. Dass ihre Mütter aber tatsächlich ihre Körper für Geld verkaufen, dürfte der blühenden Fantasie der Hoffenheimer entspringen. Für uns waren die Nachnamen jedoch kein Problem. Denn mein Kollege und ich, beide Volontäre der Günter Holland Journalistenschule, sind Fußballfans durch und durch.

Das war auch der Grund, warum wir uns spontan entschlossen hatten, zum DFB-Pokalspiel des FC Bayern gegen Hoffenheim in die Münchner Allianz Arena zu fahren. Was wir nicht wussten: Es würde das letzte DFB-Pokalspiel in der Arena für lange Zeit sein. Denn knapp eineinhalb Monate später verkündete Markus Söder die Ausgangsbeschränkungen für ganz Bayern. An Fußballspiele mit Gegnerkontakt und Zuschauern war fortan nicht mehr zu denken.

Vom Voloseminar direkt in die Arena

Dafür waren wir an diesem bitterkalten Februarabend umso motivierter – und erinnern uns noch heute umso lieber und intensiver an dieses Erlebnis. Auch, weil wir in der zwar spärlich besetzten, aber dafür umso lauteren Hoffenheimer Kurve standen. Eine Kurve, für die wir relativ leicht Tickets bekommen hatten, weil das Stadion nicht ausverkauft war. Eigentlich ungewöhnlich für ein solches Spiel. Uns war das aber nur recht und so suchten wir schnurstracks Zugverbindungen heraus, die uns nach unserem Voloseminar an der Günter Holland Journalistenschule in Lechhausen nach München bringen würden.

Als wir gerade diskutierten, ob ein Bayernticket der Deutschen Bahn sinnvoll sei, fiel uns siedend heiß ein, dass wir ja bei der Augsburger Allgemeinen und damit in einer der größten bayerischen Zeitungsredaktionen arbeiten. Von dort musste doch irgendjemand das Spiel anschauen. Von Berufswegen. Ein Besuch in der Sportredaktion und schon hatten wir zwei Exklusivplätze auf der Rückbank eines Redaktionsautos. Kostenlos. Hurra. Hatten ja schon knapp 40 Euro für die Tickets gezahlt. Aber eine halbe Stunde später fanden wir uns erst einmal in einem Stau auf der A 8 in Höhe Dasing wieder.

Ein lehrreicher Ausflug zum Fußball

Schlimm war das aber nicht, war doch die Stimmung dank der zahlreichen Anekdoten des Kollegen aus der Sportredaktion bestens. Dies sollte sich während der gesamten zweieinhalbstündigen Fahrt nur kurz ändern, als das Gespräch auf die Lieblingsvereine HSV und 1860 München kam. Interessant waren auch die Einblicke, die unser Kollege geben konnte. Wir erfuhren nicht nur, inwieweit er bereits die Richtung seines Textes für die Augsburger Allgemeine im Kopf hatte, sondern auch, welche Fragen er bei der anschließenden Pressekonferenz zu stellen gedachte.

Und dann waren wir da. Imposant ist die Arena ja schon. Auch wenn man uns beiden Volos nicht unbedingt als Bayernfans bezeichnen kann. Gerade pünktlich zum Anpfiff saßen wir auf unseren Plätzen. Das satte Grün stand im Kontrast zu dem ansonsten bitterkalten und regnerischen Tag. Das Spiel war aber ohnehin interessanter, trafen mit dem FCB und Hoffenheim doch zwei ambitionierte Teams aufeinander. So langweilig die Partie aus unserer Sicht begonnen hatte (Tor für Bayern), so spektakulär hörte sie auf: Hoffenheim macht in der Schlussphase den Anschluss zum 4:3. Das Ergebnis war uns trotz seiner Knappheit dann aber doch nicht so wichtig, denn viel einprägsamer war die Stimmung.

Der AZ-Sportredakteur ließ keine Frage unbeantwortet

Lange Zeit hielt das Hoffenheimer Grüppchen lautstärketechnisch einigermaßen mit, und sogar die Münchner Fans ließen sich zu einem Wechselgesang hinreißen. Was im Februar noch selbst bei einem Sieg unwahrscheinlich war, ist heute in Zeiten von Geisterspielen unvorstellbar. Was sich festhalten lässt, ist, dass sogar ein Spiel der Bayern gegen Hoffenheim von der Stimmung her besser ist als ein Spiel ohne Zuschauer. Ob diese Einschätzung auch etwas mit unserer Begegnung mit Oliver Kahn am Bayernbus zu tun hat? Vielleicht. Aber noch viel interessanter war, dass der Sportredakteur, der seinen Text live während des Spiels verfasst hatte, uns sein Vorgehen bei der Heimfahrt schilderte. Insofern war der Ausflug auch lehrreich. Und wenn die Bayern demnächst ihre Meisterschaft vor einem leeren Marienplatz feiern, könnte sogar Nostalgie mitschwingen. Und das liegt nicht nur daran, dass die Meisterfeiern auch vor Corona schon immer weniger Besucher hatten.

Alles, was uns bewegt

Volontär in neuer Heimat: beinahe angekommen

Die Nördlinger Mess' ist das beliebteste Volksfest Nordschwabens. Ich hatte mich im Vorfeld sehr darauf gefreut. Wegen des Coronavirus fällt es - wie so vieles - in diesem Jahr aus. Foto: Jochen Aumann

Anschluss in der neuen Heimat finden? Zum ersten Mal eine Wohnung ganz für mich allein? Das wird super, sagte ich mir anfangs. Dann kam das Virus und würfelte meine Planungen ein wenig durcheinander. Eine Zwischenbilanz.

So entspannt, wie ich bei der Verabschiedung von meinen lieben Menschen getan habe, bin ich nicht wirklich. Mir schwirren zahlreiche Gedanken durch den Kopf. Es ist Ende Februar, auf mich warten neue Gesichter, wartet meine erste eigene Wohnung und eine fremde Stadt. Alles neu und auch ein wenig aufregend. Seit Beginn des Jahres bin ich Volontär an der Günter Holland Journalistenschule, für mein Lokaljahr bei der Augsburger Allgemeinen wurde ich nach Nördlingen geschickt. Verschmähte muslimische Bürgermeisterkandidaten, ein Landwirt, der seine Frau in der Güllegrube erstickt haben soll und ein Meteoriden-Einschlag (oder war es ein Asteroid?): Das ist alles, was meine vorbereitende Recherche ergeben hat. Wie überaus ermutigend.

Nördlingen ist eine besondere Stadt. Und die Rieser Nachrichten sind eine besondere Zeitung, dessen werde ich mir nach meiner Ankunft schnell bewusst. Die Lokalausgabe ist eng verwoben mit ihren Lesern: Auf dem Stadtmarkt unterhält man sich über die neueste Titelgeschichte, man packt das dort gekaufte Obst und Gemüse in Zeitungspapier – und passiert hier etwas, wissen es die Lokalredakteure meist als Erste.

Ein Beispiel: Ende März rief ein Mann in der Redaktion an und berichtete unserer Sekretärin am Telefon, er habe beim Spazierengehen mit seinem Hund etwas Seltsames entdeckt, genauer: einen vollständig skelettierten menschlichen Schädel. Was er denn nun tun solle, wollte er weiter wissen. Nach kurzer Beratung ließ sich der Mann schnell überzeugen, dass es vermutlich eine gute Idee sei, doch als allererstes einmal die Polizei zu verständigen. Dies ist nur eine von vielen Anekdoten und sie zeigt auf, welchen Stellenwert eine Zeitung bei ihren Lesern haben kann. Wer bei den Rieser Nachrichten volontiert, erlebt Lokaljournalismus unter dem Brennglas.

Raus aus der Komfortzone 

Dann kam das Coronavirus und mit ihm viele Veränderungen – auch im Leben eines Volontärs. Ich war es bis dato nicht gewohnt, allein zu sein. Vor meiner Zeit in Nördlingen hatte ich noch nie eine Wohnung ganz für mich. Klar, knapp 70 Kilometer oder einen Knopfdruck entfernt warten Freunde und Familie. Aber ich bin nach Nördlingen auch mit der Absicht gekommen, in das hiesige Leben einzutauchen. Ich will mich bewusst auf neue Menschen einlassen und aus meiner Komfortzone heraustreten. „Du bist ein offener Typ, David, das wird nicht schwer“, so sagte ich mir anfangs. Als Journalist ist man ja naturgemäß nah dran am Menschen und an seiner Wirkungsstätte.

Große Hoffnung setzte ich zu Beginn auch auf die Vereine, Bars und Restaurants, die es in Nördlingen in sehr hoher Zahl gibt. Der Grund ist, die nächste Großstadt liegt recht weit entfernt, aus dem Inneren heraus haben sich die Bewohner deshalb eine üppige Kultur- und Gastronomie-Szene geschaffen, mit vielen Festlichkeiten und Veranstaltungen.

Es gibt auch Zwischenerfolge

All das schränkt das Coronavirus im Moment bekanntermaßen stark ein. Ich will mich nicht beschweren. Meine Probleme sind sehr klein angesichts der Belastungen und Existenzsorgen, mit denen sich gerade viele Menschen konfrontiert sehen. Und dennoch: Ein wenig anders vorgestellt hatte ich mir meine ersten Monate in der temporären Heimat schon.

Wenn ich diese Zeilen schreibe, kann ich sagen, dass ich mich wohl fühle in Nördlingen, in der Stadt und auch in der Redaktion. Nur gänzlich angekommen bin ich nach wochenlangem Homeoffice und den coronabedingten Einschränkungen noch immer nicht. Einen ersten Zwischenerfolg gibt es jedoch zu verzeichnen: Nach 50 Nussschnecken bin ich in der Bäckerei meines Vertrauens mittlerweile Stammgast. Auf die Frage „Das gleiche wie immer?“ antworte ich jeden Morgen: „Ja, danke Frau Meyer.“